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Europäische Autobauer: Optimistische Perspektiven könnten sich eintrüben

Die großen europäischen Automobilhersteller haben sich zu Jahresbeginn optimistisch gegeben: Sie alle erwarten für 2008 steigende Umsätze und Ergebnisse. Die Auftragslage ist offenbar robust, und vor allem in Schwellenländern wie China und Russland entwickelt sich die Nachfrage nach wie vor sehr dynamisch. Jürgen Pieper, Sektoranalyst des METZLER Equity Research, ist jedoch skeptisch, ob der erwartete Aufwärtstrend bei allen sieben Autoproduzenten parallel verläuft: „In ihren selbstgesteckten Zielen gehen alle Hersteller von wachsenden oder wenigstens stabilen Marktanteilen aus. Das wird nicht aufgehen können, denn nicht jeder wird gewinnen.“ Zu den aussichtsreichsten Herstellern zählt er Porsche, BMW und Fiat, deren Aktien er zum Kauf empfiehlt. Für Porsche und BMW sieht er hohes Wachstumspotenzial in den Emerging Markets. BMW unternehme zudem große Anstrengungen, Kosten zu sparen. Fiat verfüge über eine attraktive Modellpalette, und das Geschäft mit Landmaschinen laufe gut. Für die Aktien der anderen Produzenten spricht Pieper zurzeit Verkaufsempfehlungen aus: Bei Daimler entwickelten sich die Geschäftsfelder Lkw und Financial Services enttäuschend, Peugeot und Renault hätten an der relativ hohen Verschuldung zu knabbern und zudem Marktanteilsverluste zu befürchten. VW stünde finanziell zwar sehr solide da und habe gute Chancen, weltweit Marktanteile zu gewinnen, doch hält Pieper die Aktie aktuell für deutlich überbewertet. 

Drei Kriterien sind nach Meinung des Analysten entscheidend für den Erfolg im laufenden Jahr: die Wachstumsstärke – vor allem in den Schwellenländern, aber auch in den Märkten Westeuropas –, das Exposure auf dem US-Markt sowie die finanzielle Stärke des Unternehmens. 

Das Volumenwachstum dürfte 2008 ein Schlüsselfaktor sein, der Sieger von Verlierern trennt. Übereinstimmend erwarten alle Hersteller einen Nachfragerückgang in Nordamerika sowie eine stagnierende Nachfrage in Westeuropa und Japan. „Wer also in den gesättigten Märkten wachsen will, kann das nur, indem er Marktanteile hinzugewinnt“, so Pieper. Die Chancen dafür sieht er aufgrund der hohen Erneuerungsrate vor allem bei VW – mehr als die Hälfte der Flotte werde in den kommenden zwei Jahren durch neue Fahrzeuggenerationen ersetzt. Zudem erweitere der Konzern unter anderem mit dem Tiguan, dem Scirocco und dem Audi Q5 sein Angebot. Auch die Produktpipeline von BMW und Daimler sei gut gefüllt, sodass für die nächsten zwei Jahre die Chancen für Marktanteilsgewinne gut stünden. Stagnierende Marktanteile erwartet Pieper dagegen für Fiat und Peugeot. Für Renault rechnet er sogar mit Marktanteilsverlusten – wegen des hohen Durchschnittsalters der Flotte und des unter den Erwartungen liegenden Absatzes des Laguna. 

In den Schwellenländern, vor allem in China, Russland und Brasilien, wird unverändert mit zweistelligem Absatzwachstum gerechnet. Unter den Volumenherstellern habe VW die besten Chancen, von der steigenden Nachfrage zu profitieren, da das Unternehmen dank weitsichtiger Expansionsstrategie etwa in China und Lateinamerika nicht nur seit Jahrzehnten präsent, sondern Marktführer sei. „Das wird dem Unternehmen in den kommenden Jahren eine reiche Ernte einbringen“, so der Autoexperte. Er rechnet für 2008 mit einem Zuwachs des in den Schwellenländern erzielten operativen Ergebnisses um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Peugeot dagegen sei hier Schlusslicht. In Lateinamerika habe das Unternehmen 2007 zum ersten Mal überhaupt einen geringen Gewinn erzielt, in China sei der Gewinn sogar schwächer gewesen als im Vorjahr. Pieper zweifelt, ob es 2008 gelingen werde, diesen Trend umzukehren. BMW, Daimler und Porsche dürften hingegen davon profitieren, dass in den Schwellenländern die Nachfrage nach Luxuslimousinen immer noch größer sei als das Angebot. 

Das Exposure auf dem US-Markt stuft Pieper wegen des schwachen US-Dollar und der nachlassenden Konjunktur als Risikofaktor ein. Die deutschen Hersteller sind auf diesem Markt insgesamt aktiver als die französischen Wettbewerber. Doch sei unterm Strich Entwarnung angesagt. BMW dürfte 2008 unter den analysierten Autobauern mit 10 Prozent den höchsten Anteil am operativen Ergebnis in der Region erzielen. Ausgehend von diesem Anteil, der schon niedriger liege als in den Vorjahren, sei mit einem weiteren Rückgang zu rechnen – auch bedingt durch das stärkere Wachstum in den Schwellenländern. Das Risiko auf dem US-Markt hält der Analyst auch deshalb für begrenzt, weil deutsche Hersteller dort vorwiegend Luxuslimousinen verkaufen, deren Absatz von der Konjunktur nur gering beeinflusst wird. 

Im Hinblick auf die finanzielle Stärke erwartet Pieper den höchsten Cashzufluss im Verhältnis zum Umsatz 2008 für Porsche (500 Mio. Euro, entspricht schätzungsweise 6,3 Prozent vom Umsatz). Damit dürfte es dem Unternehmen gelingen, die Nettoverschuldung – Folge der Beteiligung an VW – rasch abzubauen. Mit einer Nettoliquidität von 14,2 Mrd. Euro des Industriegeschäfts Ende März 2008 habe auch VW eine komfortable Position inne; überdies geht Pieper davon aus, dass es das Unternehmen schaffen werde, 2008 mit 7 Mrd. Euro einen ähnlich hohen Cash zu erzielen wie im Vorjahr. Im Mittelfeld nach Piepers Betrachtung der Nettoliquidität bewegen sich Daimler, BMW und Fiat. Für Peugeot und Renault erwartet er eher geringe Mittelzuflüsse. Zudem sei die Nettoverschuldung beider Hersteller hoch: Pieper schätzt sie auf 2 Mrd. Euro für Peugeot und auf 3 Mrd. Euro für Renault (jeweils Industriegeschäft ohne Finanzdienstleistungen). 

Ansprechpartner
Jürgen Pieper
Telefon (0 69) 21 04 - 5 29
E-Mail: JPieper@metzler.com

Ansprechpartner für Presseanfragen
Jörg-Matthias Butzlaff
Telefon (069) 21 04 - 49 75
E-Mail MButzlaff@metzler.com