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Die Schuldenkrise ist der Finanzkrise zweiter Teil

von Dietegen Müller, Finanz und Wirtschaft
 
Johannes Reich, Partner der Privatbank Metzler, über gefährliche Inflationsziele, die Probleme der deutschen Koalition und die Perspektiven für Langfristinvestoren

Welchen Risiken sind Investoren im Zuge der Verschuldungskrise ausgesetzt, und welche Reformen sind der deutschen Regierungskoalition aus Union und FDP noch zuzutrauen? Diesen Fragen hat sich Johannes Reich, Leiter des institutionellen Aktiengeschäfts des Bankhauses Metzler, gestellt.

Der Partner der Frankfurter Privatbank sagt im Gespräch, die hohe Verschuldung einiger Euroländer werde früher oder später die Stabilität der Eurozone unterminieren. "Es gibt die Gefahr, dass Politiker und Notenbanken immer grössere Räder drehen müssen und irgendwann womöglich von diesen Rädern überrollt werden", glaubt der Stratege. Als unerfreuliche historische Lektion verweist Reich auf Deutschland, das in den vergangenen hundert Jahren zwei Währungsreformen und den ökonomischen Zusammenbruch der DDR erlebt hat.

Nicht nur ein Sorgenfall

Die Nervosität, die wegen Befürchtungen über einen Liquiditätsengpass Griechenlands - "ein valides Solvenzproblem" - im Markt ist, bildet für Reich nur einen Aspekt. Es gebe nicht nur die Eurozone, sondern auch weitere Sorgenfälle wie Grossbritannien, die USA und Japan.

"Was geschieht mit dem Dollar, falls Kalifornien pleitegeht?", fragt Reich rhetorisch, betont aber, es gehe nicht nur um die Höhe der Verschuldung in Relation zum Bruttoinlandprodukt (BIP), sondern genauso auch darum, was einem Land zugetraut wird, also welche Budgetdisziplin es hält und welche Wachstumsperspektiven es bietet.

Die Schuldenkrise sei der Finanzkrise zweiter Teil, glaubt der Bankier. Deswegen zeigt Deutschland latente Bereitschaft, zugunsten Griechenlands und der Stabilität der Eurozone zu intervenieren. Deutschland sei glaubwürdig und sichere sich künftige Gestaltungsmöglichkeiten. "Für den Markt würde eine Hilfsaktion wohl wieder so formuliert werden, als sei sie alternativlos. Aber die Konsequenzen müssten der ganzen Bevölkerung aufgezeigt werden", fordert Reich. Auch wenn sich kurzfristig die Frage stelle, ob es eher Deflation oder Inflation gebe, werde langfristig für die Staaten kaum ein Weg an Inflationierung vorbeiführen. Dies träfe aber vor allem die "lohnabhängig Beschäftigten der Mittelschicht".

Auch geldpolitisch haben die Sorgen um Griechenland wohl Folgen. "Ich bin gar nicht sicher, ob absehbar eine Normalisierung der Politik billigen Geldes über eine Exit-Strategie der Notenbanken stattfindet." Die Wahrscheinlichkeit sei gesunken, dass eine Zentralbank autonom erkläre, wegen Inflationsgefahr seien die Zinsen zu erhöhen. Selbst die an sich unabhängige EZB unterliege einem Mainstream politischer Einflussnahme. Die Frage sei, ob die EZB ihr Ziel von maximal 2 % Inflation aufgebe. "Vielen Politikern schwebt eine idealisierte Inflation von 4 % vor". Reich hält dies für tückisch, da bereits auf diesem Niveau die Stabilität von Preis und Wachstum gegeneinander ausgespielt würde. Dies sei nicht haltbar.

Für Investoren wird sich wegen des veränderten Umfelds die Risiko-Rendite-Kurve verschieben: Für die gleiche Rendite muss mehr Risiko genommen werden. "Der globale Rahmen erinnert in vielen Punkten an die Situation in den frühen Siebzigern, wo im Prinzip die britische Krankheit - Protektionismus und wenig Wachstum bei hoher Geldentwertung und Wohlstandsverlust - überall verortet war." Verschärfend kämen heute die Geschwindigkeit und die Universalität hinzu, mit der die Prozesse abliefen. Andererseits sei eine Remedur wohl schneller möglich. 

Aktien im Vergleich günstig

Reich bevorzugt als Fazit vor allem Anlagen in Realwerte - also Aktien. Er hält die Bewertung am deutschen Aktienmarkt für "vergleichsweise günstig". Stiegen die Zinsen oder die Inflation schneller als erwartet, werde dies den Markt aber belasten. Leidenschaftslos rät er zu Gold - einer von vielen Anlageklassen, stark nachfrage- und angebotsgetrieben und ein Schutz gegen Währungsmanipulation.

Mit Blick auf die deutsche Innenpolitik sieht Reich, der auch das Corporate-Finance-Geschäft von Metzler verantwortet, keine Reformfortschritte. "Die Rituale sind zu eingespielt. Wir reden stets über einen imaginären Goldesel, dessen Geld - das anderer Leute - zu verteilen ist."

Die Verschärfung der Lage in den öffentlichen Haushalten und in den Sozialsystemen ist Symptom wie Ursache eines härter werdenden Verteilungskampfes, nicht nur auf nationaler Ebene. Die Diskussion über Sozialhilfeleistungen und Steuersünder ebenso wie die Debatten über Chancengleichheit oder Bildungsgerechtigkeit seien Beispiele dafür. 

Irrationale Deutsche

Metzler-Partner Reich glaubt, die Mehrheitsmeinung in Deutschland strebe - emotionalisiert und irrational - verstärkt nach "einer diffusen sozialen Gerechtigkeit und mehr Protektion". Eine Schlagzeile wie "Regierung verzichtet auf Daten zur Steuerhinterziehung und lässt Reiche laufen" würde der Regierung Merkel den Vorwurf der Klientelpolitik einbringen. Spürbar sei in allen Facetten, dass die Finanzkrise das Heft des Handelns in Hand der Politik gegeben habe.

Das Vakuum der Banken, die "ratlos" in der Krise um Hilfe riefen, habe die Politik gefüllt. Nach vielen Jahren Vorherrschaft des angebotsorientierten Ordoliberalismus und der Wirtschaftskapitäne wird heute wieder nach dem starken Staat gerufen, nach dem Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft und nach staatlicher Nachfragesteuerung. Dies funktioniere so aber nicht, fügt Reich hinzu. Versöhnlicher stimmt den Bankier, dass die deutsche Haushaltspolitik im Vergleich mit Nachbarn oder den USA und Japan zwar "nicht besonders gut, aber immer noch erkennbar besser" abschneide. Relativ gesehen habe sich die Position Deutschland dank geringerer Verschuldung, privatem Sparverhalten und der starken Exportorientierung eher verbessert.

Der Blick auf die fehlende Zukunftsfähigkeit der deutschen Sozialsysteme stimmt jedoch besorgt. Die FDP, als grosse Reformhoffnung gewählt, stelle sich wenig überzeugend an, der Partei fehle die mediale Verdrahtung. Eine Chance auf Vereinfachungen im Steuerrecht besteht nach Reich nicht. Es gebe gar eine weitere Verkomplizierung. Nach dem Grund für die Ausweitung der Schattenwirtschaft werde nicht ernsthaft gefragt. Deren Anteil an der Gesamtwertschöpfung bewege sich wohl in Richtung 18 %, ein Niveau, das mediterrane Staaten kennen. Weniger die Höhe der Besteuerung sei das Problem, sondern die Fehlanreize im System. In der Behebung dieser habe die FDP enttäuscht: "Merkel gibt den Takt vor."

Dietegen Müller, Frankfurt am Main

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