Weltwährung auf Probe
| von Arne Gottschalck | |
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Der Dollar im Sinkflug, der Yen schwächelt - wo ist die neue Weltwährung? Darüber denken Eugen Keller und Mario Mattera, Währungsexperten bei Metzler Financial Markets, im Vorfeld des G7-Gipfels nach. |
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mm.de: Nachdem der Dollar immer mehr an Wert einbüßt, heißt es teilweise, die Leitwährung der Welt sei damit tot. Was ist so eine Leitwährung eigentlich? Keller: Wissenschaftlich gibt es dafür keine eindeutige Definition. Früher war das einfacher, da waren viele Währungen an den Dollar gekoppelt und damit war der Greenback de facto die Leitwährung. Aber heute läuft der Handel bei den meisten Währungen "free floating" ab. mm.de: Und - ist der Dollar noch immer die Leitwährung? Keller: Ja, noch immer. Aber Ihre Frage ist berechtigt. Auf der Bargeldseite hat der Euro den Dollar inzwischen überholt. Es ist mehr Bargeld in Euro als in Dollar im Umlauf. Auf der Buchgeldseite ist das noch anders. Das liegt daran, dass zum Beispiel Rohstoffe in Dollar abgerechnet werden. So finden beinahe 90 Prozent aller Devisenumsätze in den Notierungen gegen den US-Dollar statt. Aber auch im MSCI-Welt-Index werden gut die Hälfte der Aktien in US-Dollar ausgestellt - die andere Hälfte verteilt sich über andere Währungen. Aber der Euro holt ohne jeden Zweifel auf. mm.de: Welche Rolle spielen eigentlich die Währungsbestände der Ausländer? Mattera: Die ausländischen Adressen spielen eine große Rolle. Die Chinesen haben beispielsweise rund 1,1 Billionen Währungsreserven aufgebaut, wovon in etwa zwei Drittel in Dollar gehalten werden. Eine plötzliche und massive Allokationsveränderung zulasten des Greenback würde zu einer starken Abwertung des Dollar und zu einem scharfen Anstieg der US-Renditen führen. Einerseits Gift für das Vertrauen der Marktteilnehmer in den Dollar und andererseits eine Konjunkturbremse über das höhere Zinsniveau. Aber beides kann nicht im Sinne der Chinesen sein, da es für sie mit Kapitalverlusten verbunden ist. Das Ganze müssen Sie sich als Gleichgewicht des Schreckens vorstellen, wie im Kalten Krieg. Damals standen sich die USA und die Sowjetunion gegenüber - mit ihren Raketensprengköpfen. Heute sind es das wirtschaftlich aufstrebende China und die USA - jedoch findet die Auseinandersetzung diesmal auf Güter- beziehungsweise Kapitalmarktebene statt. mm.de: Sind die Verhältnisse damit auf ewig eingefroren? Keller: Nein, sicher nicht. Ich denke schon, dass die Chinesen sich mittelfristig von einigen ihrer konservativ angelegten Dollar-Bestände trennen und in renditestärkere Investments gehen werden. Die Investmentgesellschaft Singapurs, die Government of Singapore Investment Corporation (GSIC) macht es vor. mm.de: Der Euro wird indes immer stärker. Woran liegt das? Mattera: Zum einen hat der hiesige Währungsraum im Vergleich zu den USA in Sachen Wachstum und Zins aufgeholt. Zum anderen entdecken ausländische Großinvestoren den Währungsraum beziehungsweise seine Unternehmen - Stichwort Private Equity - zunehmend für sich und sorgen damit für entsprechende Kapitalzuflüsse. mm.de: Und warum schwächelt der Yen - immerhin ist auch Japan ein wirtschaftlich starkes Land? Keller: Ganz klar. Geld ist billig, die Banken sind gesund, das Finanzsystem funktioniert und die Kreditvergabe erhöht sich. Selbst kleinere und mittlere Unternehmen bekommen wieder Zugang zu Krediten. Die Zeiten, wo man Yen vom Himmel regnen ließ, sollten vorüber sein. Aber der Yen leidet noch immer stark unter seinem Status als "Funding"-Währung. An den strukturellen Gründen für die Schwäche der japanischen Valuta ist nicht zuletzt auch der starke Kapitalexport der Japaner verantwortlich. Dies wird sich unserer Meinung nach jedoch im Laufe des Jahres ändern. Viele Finanzmarktteilnehmer sehen den Yen sogar als großes Kapitalmarktrisiko. mm.de: Warum? Mattera: Weil viele Großanleger sich in Japan mit günstigen Krediten eindecken zeitweise war dies sogar zu 0 Prozent möglich. Das Geld fließt dann in hochrentable Anlagen. Das ganze nennt man Carry-Trades. Mittlerweile geht man hier von einem Yen-finanzierten Volumen von circa 300 bis 400 Milliarden Euro aus. Ein empfindliches System, denn kommt es auf einer Seite der Waage, der Finanzierungs- beziehungsweise Anlageseite, zu einem Ungleichgewicht, fällt das "Carry"-Kartenhaus in sich zusammen. Es würde unweigerlich zu einem Anstieg der Risikoaversion führen und im Umkehrschluss auch zu Verwerfungen quer durch alle Assetklassen kommen. Die Zentralbanken wissen das und haben bereits mehrfach verbal interveniert. mm.de: Wie funktioniert das? Keller: Das läuft zunächst auf informeller Ebene ab. So zum Beispiel beim letzten G7-Treffen in Singapur. Damals erzielten gemeinsame Äußerungen von EZB-Chef Trichet und Ex-Finanzminister Tanigaki am Rande des Treffens Wirkung am Devisenmarkt. Dieses Wochenende beim G7-Gipfel in Essen stehen Euro und Yen erneut auf dem Prüfstand. Ein klarer Satz der G7, mit dem man die Sorgen über die mit den Fundamentaldaten nicht im Einklang stehende Preisentwicklung des Yen ausdrückt, könnte den Yen-Abwärtstrend stoppen, vielleicht sogar umkehren. Da viele Marktteilnehmer allerdings Angst vor einer kollektiven Rückkehr in den Yen haben, ist von den Repräsentanten besonderes Augenmaß gefordert. mm.de: Das Ganze passiert aber auch mit dem Schweizer Franken. Mattera: Richtig, aber noch lange nicht in dem Umfang wie mit dem Yen. Ein ähnliches Ungleichgewicht, wie derzeit beim Yen, hatten wir schon einmal: 1998 wertete der Yen gegenüber dem US-Dollar innerhalb von vier Tagen um über 20 Prozent auf. Volatilitäten von über 40 Prozent waren die Folge. Daher erwarten viele eine konzertierte Aktion der Notenbanken, die zu einer geordneten Aufwertung beiträgt. Ein erster Schritt könnte ein sukzessiver Aufbau der Yen-Währungsreserven sein, wie es zum Beispiel Russland und die Schweiz angekündigt haben. Zumal der Yen nach allen Regeln der Kunst als unterbewertet gilt und somit auf Sicht ein attraktives Anlagemedium darstellt. mm.de: Was ist denn eigentlich aus einer anderen alten Leitwährung geworden, dem Pfund? Hat es Chancen auf ein Comeback? Keller: Das Pfund hat gegenwärtig regelrecht Rückenwind bekommen, allein schon durch die jüngste, unerwartete Zinsanhebung der Bank of England. Mittelfristig wird die britische Währung gegenüber dem Euro aber wieder in den wohl bekannten Korridor zwischen 0,67 und 0,70 Pfund zurückkehren. Als Alternative zu den klassischen Leitwährungen ist langfristig der asiatische Raum interessanter. Ein Zusammenschluss der aufstrebenden asiatischen Länder zu einem dem Euro vergleichbaren Währungsverbund - eine Art AWS - wäre gerade unter fundamentalen Aspekten eine echte Alternative zum Euro und dem US-Dollar. Aber das ist eher Zukunftsmusik. |
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