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Wetterleuchten

von Johannes J. Reich, Head of Metzler Equities
 
Die Börsenstimmung in Deutschland ist so gut wie lange nicht mehr. Erstmals seit fünf Jahren notiert der Dax wieder über 6000 Punkten. Auch das Geschäftsklima ist prächtig - vielleicht zu prächtig. Es mehren sich die Anzeichen für ein Ende der Euphorie.





Mit jedem weiteren Anstieg der Notenbankzinsen in den USA und Europa, sowie mit dem Abschied der Japaner von ihrer Nullzinspolitik, verliert das Argument an Überzeugungskraft, der Aktienmarkt sei gegenüber den Rentenmärkten unterbewertet. Gleichzeitig dürften institutionelle Investoren für ihre Anlageentscheidungen bald ein abnehmendes Gewinn-Momentum bei den Aktienunternehmen auf ihre Rechnung setzen.

Und es gibt weitere Hinweise und Indizien, die sich zum Bild einer späten, sehr reifen Phase des nun ziemlich exakt drei Jahre alten Aufwärtstrends verdichten: Ein Blick auf den Bund-Future offenbart die Zinswende in Deutschland und Europa.

Weder die Europäische Zentralbank noch die japanische Notenbank werden die Märkte noch mit Liquidität füttern, sondern folgen mehr und mehr der US-Notenbank Fed. Liquidität wird deutlich knapper werden. Auch die Nervosität an den Devisenmärkten steigt. Das deuten die jüngsten Abstürze von Randwährungen, etwa der isländischen Krone oder dem Neuseeland-Dollar, an.

Auf dem Aktienmarkt selbst absorbiert eine wachsende Zahl von Neuemissionen zunehmend Liquidität. Aktienrückkaufprogramme sind weitgehend zum Erliegen gekommen. Das Aktivitätsniveau bei Fusionen und Übernahmen ist dagegen deutlich gestiegen. Zahlreiche Unternehmen sind wieder eifrig bemüht, sich strategischer Ziele zu bemächtigen - und das zu strategischen Preisen. Noch werden Akquisitionen vorwiegend mit Barmitteln oder Krediten finanziert, kaum mit eigenen Aktien. Das lässt zumindest hoffen, dass der M&A-Markt noch nicht allzu heißgelaufen ist.

Auch das verdächtig gute Geschäftsklima - der Ifo-Index steht auf dem höchsten Niveau seit 1991 - gibt Anlass zum Zweifel. Gemessen an den harten Fakten der deutschen ökonomischen Realität und unter den Vorzeichen der geplanten Mehrwertsteuererhöhung sowie den absehbar konfusen, kontraproduktiven und halbherzigen Sozialreformen, an denen sich die deutsche Regierung versucht, erscheint das außergewöhnlich gute Geschäftsklima besorgniserregend übertrieben - und eher als Ausdruck einer Spätphase zyklischer Übertreibung. Zumindest, wenn man sich die von dieser "Reformpolitik" zu erwartenden negativen Auswirkungen auf Wachstum, Arbeitsmarkt, Konsumlaune und Konjunktur vor Augen führt.

Das fast schon an autosuggestive Euphorie grenzende Geschäftsklima steht in scharfem Kontrast zu den zunehmend an verzweifelten und von fadenscheinigen Populismus geprägten Rückzugsgefechten der Sozial- und Finanzpolitik in Deutschland und Westeuropa. Einer Politik, die unter dem Eindruck einer im globalen Wettbewerb strukturell immer schwächer werdenden europäischen Wirtschaft steht.

Deutschlands "große", sich selbst lähmende Regierungskoalition droht dabei den abschüssigen Weg einer widersprüchlichen, protektionistischen und im Effekt pro-zyklischen Stop- und Go-Politik pseudo-keynesianischer Strickart zu beschreiten. Eine Politik, die Parteiendisziplin und Machtkalkül den als notwendig erkannten Maßnahmen überordnet. Damit werden als kleinster gemeinsamer Nenner bestenfalls Lähmung und Stillstand produziert. Im schlechteren Falle sind von dieser Wirtschafts- und Finanzpolitik steigende strukturelle Arbeitslosigkeit und Inflation zu erwarten. Schlimmstenfalls droht das Gespenst der Stagflation. Die zarte Pflanze einer leichten Verbesserung des Konsumklimas in Deutschland, die auch die Phantasie von Käufern von deutschen Konsumaktien beflügelt, könnte vor der Zeit zertreten sein, sobald die Konsumenten erkennen, dass ihre verfügbaren Einkommen mehr und mehr aufgefressen werden von steigenden Preisen, Steuern und Sozialabgaben, für die sie sich nichts werden kaufen können.

Die westeuropäischen Gesellschaften geraten zunehmend in die Defensive bei ihren Versuchen, gewohnten Wohlstand zu verteidigen. Sie suchen verzweifelt ihr Heil in Protektionismus und der Leugnung von Fakten, statt angesichts globaler und irreversibler Veränderungen, Wege zur Anpassung zu finden und zu propagieren.

Vielleicht sind die jüngsten sozialen Unruhen und Streiks in Europa, vor allem in Frankreich und Deutschland, nur Vorboten einer anstehenden großen Schlacht um die Regeln im globalen Verteilungskampf - einem Kampfe, den Europa verlieren wird, wenn es keinen anderen Weg beschreitet. Wirklich leisten können sich die europäische Wirtschaft und Gesellschaft solche Formen von Selbstzerfleischung jedoch schon angesichts einer drohenden Konjunkturabkühlung nicht.

05.04.2006
Johannes J. Reich, Head of Metzler Equities
Mitglied des Partnerkreises B. Metzler seel. Sohn & Co. Holding AG

Johannes J. Reich schreibt regelmäßig für das manager-magazin.

(c) manager-magazin.de - 2006



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