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Zu viele Red Adairs

von Johannes J. Reich, Head of Metzler Equities
 
In den Abgrund blickt die Weltwirtschaft scheinbar mit Beginn des Jahres 2009. Politiker halten mit Konjunkturprogrammen dagegen in dem Glauben, sie könnten nicht nur Brände löschen, sondern auch die Wirtschaftszyklen dauerhaft steuern. Diese Grundhaltung könnte die Krise und ihre Folgen sogar weiter verschärfen.

Einen Einbruch der globalen Wirtschaftsaktivität von bislang kaum erlebtem Ausmaß prognostizieren die Auguren für das neue Jahr. Was als Subprime-Krise in den USA begann, mutiert zu einer Systemkrise globaler Dimension. Kollabierende Unternehmen, ja ganze Schlüsselindustrien, wie die Finanz- oder die Autoindustrie, hängen am staatlichen Geldtropf, stehen mehr oder weniger unter staatlicher Zwangskontrolle oder vor der Verstaatlichung. Der Kapitalismus wird totgesagt.

In einem beispiellosen Versuch, eine der größten Weltwirtschaftskrisen seit dem zweiten Weltkrieg zu bekämpfen, fluten die Zentralbanken die internationalen Geld- und Kapitalmärkte mit Liquidität. Gleichzeitig überbieten sich Nationalregierungen und Politiker nicht nur in Europa und den USA mit Ankündigungen von oder Forderungen nach immer neuen, immer größeren Konjunktur-, Investitions-, Beschäftigungssicherungs- oder Konsumanreizprogrammen, Rettungsschirmen, Notkrediten und anderen Hilfspaketen für die Wirtschaft.

Die Angst vor einer Weltwirtschaftskrise unbekannter Dimension und ihren Folgen ist groß – vor allem in weiten Teilen der Politik. So nachvollziehbar diese Angst sein mag, sie ist kein guter Ratgeber.

Denn sie ruft die Geister oft, vor denen sie doch flieht. Ein anderes Problem besteht außerdem darin, dass Politiker unter den Zwängen und Ritualen ihrer Legitimationsbedürfnisse dazu neigen, ihr (Wahl-)Volk glauben zu machen, sie könnten die Weltwirtschaftszyklen dauerhaft steuern, Rezessionen erfolgreich bekämpfen. Obwohl oder gerade weil ihnen dies zu bereitwillig geglaubt wird, könnte diese Grundhaltung der Politik die Krise und ihre Folgen am Ende sogar weiter verschärfen.

Hohes Leverage, hohes Misstrauen

Man sollte sich zumindest in der nachschauenden Analyse klarmachen, dass eine der Schlüsselursachen der akuten Krise im Phänomen der Überschuldung zu finden ist.

Abnorm hohes "Leverage", also exzessive Fremdfinanzierungshebel bei übertrieben hoher Risiko-Akzeptanz, angefacht und in ganz großem Stil gefördert von einer regierungsamtlich, besonders in den USA, gut geheißenen, ja erwünschten Politik des leichten Geldes und der Geldschöpfung über Jahre hinweg, haben wesentlich mit dazu beigetragen, die Voraussetzungen für die Blase zu ermöglichen, die geplatzt ist.

In der damit ausgelösten Malaise von extremem gegenseitigem Misstrauen – nicht nur unter Banken, sondern auch unter den anderen Wirtschaftssubjekten – sind Kapital- und Risikokosten wortwörtlich ins Unermessliche gestiegen. Für existentiell notwendiges haftendes Kapital, für die existentiell notwendige Übernahme von Risiko wird wegen der mit dem Platzen der Blase ins Extreme gestiegenen Risikoaversion derzeit quasi jeder Preis bezahlt.

Die Verschuldungshebel zurückführen

Zwingend wird "De-Leveraging" damit zum Gebot der Stunde: die Rückführung der überzogenen Verschuldungshebel, die Rückführung der aus externer wie auch – dies ist eines der Charakteristika dieser Krise – jeweils aus interner Sicht immer noch kaum abzuschätzenden und damit faktisch massiv überhöhten Risiken in den Bilanzen von Kreditgebern wie Kreditnehmern.
Das "De-Leveraging" einer Volkswirtschaft und ihrer Wirtschaftseinheiten ist ein schmerzvoller und vor allem langwieriger Anpassungsprozess.

Auf kurzfristige Anreize zielende Feuerwehr-, Rettungs- und Akut-Maßnahmen, das heißt schuldenfinanzierte staatliche Ad-hoc-Ausgaben- und Konjunkturprogramme, eine schnelle Politik des leichten, ja, des noch leichteren Geldes, einer Nullzinspolitik gar, die jetzt Rettung bringen sollen, dürften bei diesem Prozess wenig bis gar nicht helfen.

Stattdessen besteht mittel- und langfristig sogar die Gefahr neuerlicher Fehllenkung von Kapital und Ressourcen, neuerlicher Blasen und Geldentwertung.

Die Gefahr neuer Blasen

Sicher ist bei diesem Versuch des Bekämpfens von Feuer mit Feuer, dem Versuch einer Entschuldung mit letztlich noch mehr Schulden nur: die Rechnung auch dafür wird bezahlt werden müssen. Und sie wird hoch ausfallen. Hoch wird der Staatsanteil wachsen. Hoch werden die Spitzensteuersätze getrieben. Hoch wird der staatliche Schuldendienst die Steuerlasten künftiger Generationen treiben. Hoch werden die Risiken für künftiges Wachstum und den Wert des Geldes sein und hoch auch die Gefahren für jenes Maß an Freiheit, das Eigenverantwortung fordert und fördert.

Auch auf einzelwirtschaftlicher Ebene erkennt man dabei das Dilemma: Die gestrauchelten Banken sollen gleichzeitig einerseits die Risiken ihrer Anlagen und Kredite herunterfahren und andererseits ihre Kreditvergabe für Unternehmen hochfahren. Die Industrie soll trotz Absatzeinbruch in der Krise Arbeitsplatzgarantien abgeben und Kündigungen unterlassen. Man erkennt das Dilemma auch an sinnentleert anmutenden Appellen an die Konsumenten, nicht dem Angstsparen zu verfallen, sondern – am besten "deutsch" und viel – einkaufen zu gehen.

Die Krise von morgen schüren

Doch es hilft nichts: selbst politisch, sozial oder gesamtwirtschaftlich Erstrebenswertes lässt sich nicht dauerhaft gegen die Bedürfnisse der Individuen (und gerade nicht gegen das Sicherheitsbedürfnis des Einzelnen) oder gegen die Handlungsmöglichkeiten der Wirtschaftsubjekte erzwingen. Versuchte die Politik dies dennoch, dann erführe eine Gesellschaft wieder einmal, was es mit der Austreibung des Teufels mit dem Beelzebub auf sich hat, wozu Zwangsbeglückung irgendwann zwingend führt.

Sollten, wofür es Anzeichen gibt, Regierungen unter dem immensen Druck unterschiedlichster Interessengruppen sich in der jetzigen Krise dafür entscheiden, einzelstaatlich ihre Märkte abzuschotten und eine Neuauflage einer Politik des nationalen "New Deal" zu propagieren – das wären neben massiert keynesianischem "Deficit Spending" unter anderem Schutzzölle und weitere Handelsbeschränkungen, Arbeits- und Gütermarktrestriktionen mit staatlich festgesetzten Mengen, Preisen und Löhnen – dann wäre sogar eine Depressionsphase mit Realgüterentwertung auf mittlere Sicht nicht auszuschließen.

Der Versuch, unabwendbare Anpassungsprozesse, seien es solche in der Auto- oder in der Finanzindustrie, zu verhindern, wird nicht gelingen, sondern stattdessen zu noch schlimmeren Anpassungskrisen in der Zukunft und noch höheren ökonomischen und sozialen Kosten führen.

Angesichts der abzusehenden Schwere der Rezession stehen Politik wie Wirtschaft vor einer außerordentlichen Herausforderung. Denn die bekannten finanz-, fiskal-, ordnungs- und konjunkturpolitischen Handlungsoptionen sind alle dilemmabehaftet, liefern allesamt keine Patentrezepte, sondern nur solche mit schweren Nebenwirkungen.

Solange sie skeptisch bleiben gegenüber dem Aktionismus immer größerer Konsumanreiz-, Beschäftigungssicherungs- oder sonstiger Pakete, solange sie sich vom inflationär grassierenden Konjunkturprogramm-Überbietungswettbewerb nicht infizieren lassen, verdienen Bundeskanzlerin Merkel und Bundesfinanzminister Steinbrück daher Respekt und Zustimmung. Auch wenn Paul Krugman etwas anderes behauptet!

Sicher – die allerschlimmsten Großbrandherde der schlimmsten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten erfordern beherzte Löschmaßnahmen. Wo sich aber zu viele Red Adairs übertreffen möchten, die Feuer mit Feuer bekämpfen wollen, könnte am Ende nichts als verbrannte Erde übrig bleiben.

Johannes J. Reich, Mitglied des Partnerkreises B. Metzler seel. Sohn & Co. Holding AG, leitet den Bereich Corporate Finance sowie das institutionelle Aktiengeschäft des Bankhauses Metzler.

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