
2.11.2026 | Asset Management
Franz von Metzler im Interview mit Wolf Brandes, Börsen-Zeitung
Keine Angst vor ETFs, kein eigenes Altersvorsorgedepot: Metzler setzt auf individuelle Anlagelösungen statt Massengeschäft. Assetmanagement-Chef Franz von Metzler erklärt, wo er Wachstum sieht und warum die Betriebsrente mehr Aufmerksamkeit verdient.
BZ: Günstige ETFs übernehmen das Standardgeschäft. Was bleibt einem aktiven Anbieter, der nicht zu den Größten gehört?
Ganz viel Wachstumspotenzial mit unserem klaren Fokus auf aktives Management. Aktiv bedeutet mehr als Titelselektion, es umfasst neben Portfoliokonstruktion insbesondere die bewusste Steuerung von Risiken - entsprechend individueller Vorgaben. Genau deswegen bieten wir passive ETFs nicht an. Aktive ETFs beobachten wir aufmerksam, aber unsere institutionellen Kunden fragen sie bisher kaum nach.
BZ: Ist das nicht nur eine elegante Umschreibung für teurere Indexfonds?
Nein. Wir orientieren uns bei unseren aktiven Fonds und Mandaten an Benchmarks, aber wir bilden keine Indizes nach. Wenn ein Investor einen Weltaktienindex abbilden möchte, aber dessen US- und Konzentrationsrisiken begrenzen will, braucht er mehr als eine Kopie des Index. Mit unserem quantitativen System QbrickS optimieren wir Portfolios mit Blick auf Regionen, Sektoren, Investmentstile oder Nachhaltigkeit. So können wir Portfolios optimal diversifizieren und Risiken reduzieren, ohne Renditeeinbußen gegenüber den Standardindizes. Das System kommt bisher überwiegend in Multi-Asset Spezialfondsmandaten zum Einsatz. Wir bieten es aber auch institutionellen Kunden in Form von semi-aktiven Aktien-Spezialfonds an. Im Durchschnitt sind sie dann günstiger als klassische aktive Mandate.
BZ: Der ETF-Preisdruck erreicht Sie also doch?
ETFs machen uns keinen Kummer. Wir müssen den Mehrwert unserer Leistung belegen. Und das tun wir gerne. Nur für das Etikett „aktiv" zahlt kein institutioneller Kunde.
BZ: Nachhaltigkeit verliert politisch an Rückhalt, gerade in den USA. Ziehen sich Ihre Kunden ebenfalls zurück?
Bei institutionellen Kunden sehen wir keinen Rückzug, ganz im Gegenteil. ESG ist ein Thema in jedem Gespräch. Ein ergänzendes Angebot ist unser neues Klima Overlay, es macht Klimaziele in Masterfondsstrukturen messbar und steuerbar. Erste Kunden nutzen es und wir sehen hier noch Raum für Wachstum.
BZ: Viele Assetmanager setzen auf Outsourcing, um Kosten zu senken. Was behalten Sie selbst in der Hand?
Insbesondere Kapitalanlage, Risiko- und Portfoliosteuerung sowie individuelle Kundenlösungen. Die Fondsbuchhaltung beispielsweise haben wir 2020 ausgelagert; auch bei IT-Systemen arbeiten wir mit Partnern. Nicht alles muss im eigenen Haus stattfinden, Fokussierung auf die eigenen Stärken führt zu mehr Effizienz und Wachstum.
BZ: Unabhängigkeit klingt gut. Ist sie für einen Anbieter Ihrer Größe nicht irgendwann ein Kostennachteil?
Unabhängigkeit gibt uns einen langen Atem. Bereits 2018 haben wir begonnen, uns mit dem Themenfeld Sozialpartnermodell und der reinen Beitragszusage zu beschäftigen; erst jetzt gewinnt es an Fahrt. Natürlich haben große Anbieter Skaleneffekte. Wir setzen stattdessen auf individuelle Leistungen mit langfristiger Ausrichtung für einen fairen Preis. Das zahlt sich für unsere Kunden und unser Haus aus - und zwar langfristig.
Der Artikel erschien am 2.11.2026 in der Börsen-Zeitung.
BZ: Herr von Metzler, zum geplanten Start des geförderten Altersvorsorgedepots 2027 bringen sich Banken und Neobroker in Stellung. Metzler verzichtet. Verschenken Sie Geschäft?
Nein. Ein eigenes Depot werden wir zum 1. Januar 2027 bewusst nicht anbieten. Im Privatkundengeschäft konkurrieren wir nicht über Masse. Wir wollen Kapitalanlagepartner für Anbieter mit direktem Kundenzugang sein.
BZ: Sind Sie dabei mehr als ein Zulieferer für die großen Plattformen?
Wir führen bereits konkrete Gespräche mit Partnern, die unsere Kapitalanlagekompetenz nutzen wollen. Auch Banken und Versicherer können so ihr Angebot erweitern. Wir bringen lieber gezielt unsere Expertise ein.
BZ: Die Politik entdeckt den Kapitalmarkt für die Rente. Ausgerechnet die betriebliche Altersversorgung kommt in den Vorschlägen der Rentenkommission zu kurz. Ist das ein Fehler?
Die Empfehlungen sind als Gesamtpaket schlüssig. Aber die Betriebsrente darf nicht in den Hintergrund geraten. Nur etwa jeder zweite Beschäftigte hat eine. Bei niedrigen Einkommen ist die Quote noch geringer. Diese Lücke müssen wir schließen.
BZ: Wie soll das gelingen, wenn das Sozialpartnermodell bisher kaum Breitenwirkung erzielt?
Das ändert sich Schritt für Schritt. Wir haben den Metzler Sozialpartner Pensionsfonds, auf dem Konzept der reinen Beitragszusage, 2018 gegründet. Die Abstimmung mit Aufsicht, Arbeitgebern und Gewerkschaften brauchte Zeit. Jetzt steht das Modell. Beispielsweise die Bodenverkehrsdienste an Flughäfen nutzen es – das sind Arbeitnehmer, die einer körperlich schweren Arbeit nachgehen und bisher oft unterversorgt waren. Auch Omnibusbetriebe in Baden-Württemberg sind dabei – und seit Januar 2026 auch rund 3.000 Beschäftigte aus der Gesundheitsbranche, die AWO Unterfranken. Für all diese Menschen ist das Sozialpartnermodell ein großer Schritt hin zu einer besseren Versorgung im Alter.
BZ: Braucht es dafür eine Pflicht zur Betriebsrente?
Wir bevorzugen ein Opting-out: einen Anstoß zur Vorsorge bei erhaltener Wahlfreiheit. Nach wirtschaftlich schwierigen Jahren dürfen wir Betriebe und Beschäftigte nicht überfordern. Kapitalgedeckte Vorsorge muss finanzierbar sein.
BZ: Wird Pension Management damit zur zweiten Säule Ihres Geschäfts neben dem Assetmanagement?
Pension Management ist ein klares Wachstumsfeld innerhalb des Assetmanagements. Bei der Altersvorsorge geht es nicht nur um Versorgungsmodelle, sondern immer auch um Kapitalanlagekompetenz. Zu unseren drei Pensionsfonds - einschließlich des zuletzt hinzugekommenen Metzler Mittelstands Pensionsfonds - kommen CTA-Lösungen. Unser Vorteil ist die Verbindung von vorsorge, Administration und Kapitalanlage.
BZ: 2025 stiegen Ihre Total Assets um knapp 4% auf 80 Mrd. Euro. Da sich Zu und Abflüsse fast ausglichen, kam das Wachstum praktisch vom Markt. Reicht Ihnen das?
Nein, Marktrückenwind ersetzt kein Neugeschäft, wobei unsere Zuwächse vor allem auf die erfolgreiche Umsetzung unserer Strategie „Fokus und Transformation 2028" zurückzuführen sind. Damit setzen wir auf Multi-Asset, Aktien, Infrastruktur, Altersvorsorge und Nachhaltigkeit, regional besonders auf den deutschsprachigen Raum und Japan. Nach neun Monaten 2026 sehen wir deutlich mehr Neugeschäft als 2025, vor allem bei Multi-Asset. Zahlen folgen nach Jahresende.
BZ: Warum sollten institutionelle Anleger ausgerechnet bei Metzler neue Mandate vergeben?
Weil institutionelle Anleger keine Lösungen von der Stange suchen. Wir verbinden fundamentale und regelbasierte Strategien mit individuellen Risiko- und Anlagevorgaben. Wir müssen nicht alles anbieten, sondern das Richtige besonders gut.
BZ: Wertsicherung klingt attraktiv, solange die Märkte fallen. Bezahlen Anleger in einer Hausse nicht vor allem für eine Versicherung, die sie nicht brauchen?
Für bestimmte institutionelle Anleger mit beschränkter Risikotoleranz sind definierte Wertuntergrenzen wichtig. In unseren regelbasierten Strategien haben wir seit mehr als 20 Jahren keine Wertuntergrenze verletzt, auch nicht in der Corona-Krise. Zugleich blieb Risikobudget für die Erholung.
BZ: Aber Ihr Ansatz ist prozyklisch: Sie reduzieren Risiken, wenn Kurse fallen.
Ja. In der Krise hat die Untergrenze Vorrang. Trotzdem soll genug Risikobudget bleiben, um an der Erholung teilzuhaben. Für Anleger mit harten Risikogrenzen macht Wertsicherung Kapitalmarktanlagen oft erst möglich.

arbeitet seit 2014 bei Metzler. Seit 2023 ist er Mitglied des Vorstands und verantwortet das Geschäftsfeld Asset Management. Er ist zudem unter anderem Mitglied des Verwaltungsrats der Metzler Asset Management (Japan) Ltd. sowie der Metzler Japan Holdings in Tokio und darüber hinaus stellvertretender Vorsitzender der Aufsichtsräte der Metzler Sozialpartner Pensionsfonds AG, der Metzler Pensionsfonds AG und der Metzler Mittelstands Pensionsfonds AG.
