
02.09.2026 | Vorstandssprecher Gerhard Wiesheu im Interview mit der Börsen-Zeitung
BZ: Sie bauen derzeit neben dem Berliner den Hamburger Standort aus. Ist Frankfurt nicht mehr attraktiv für Metzler?
Hauptstandort war immer Frankfurt. In Hamburg sind wir seit etwa zehn Jahren und weil es sehr viele wohlhabende Menschen und Unternehmer in der Region gibt, bauen wir den Standort gezielt aus. Wir gehen da nicht in die Vollen, sondern setzen da auf organisches, langfristiges Wachstum. So machen wir das auch in Berlin: Wir sind mit vier Kundenbetreuern gestartet, jetzt kommt einer dazu.
BZ: Ist Frankfurt als Finanzplatz auf dem absteigenden Ast?
Im Gegenteil. Ich war vier Jahre Präsident von Frankfurt Main Finance und habe das live mitbekommen. Die Reise geht hierher, das ist klar. Seit dem Brexit sind zwei Bill. Euro Bilanzsumme nach Frankfurt bewegt worden, bis zu 10 000 neue Arbeitsplätze sind entstanden. Und nach der Ansiedlung des ISSB zieht mit der Geldwäschebehörde Amla die nächste Aufsicht nach Frankfurt.
BZ: Dabei hieß es immer, dass in Frankfurt nichts los sei.
Viele, die hergezogen sind und das englischsprachige Kulturangebot entdeckt haben und wissen, dass es hier internationale Schulen gibt, denken um. Und die machen dann Werbung. Das ist momentan der Fall.
BZ: Gleichzeitig wird die Commerzbank bald zur italienischen Unicredit gehören, ABN Amro hat HAL gekauft - die Konsolidierung ist in vollem Gange und das zu Lasten der deutschen Häuser. Bekommen Sie denn ebenfalls Offerten?
Unser Unternehmen ragt hier schon heraus und auf viele wirken wir attraktiv. Aber das kommt bei uns nicht in Frage.
BZ: Es ist ausgeschlossen?
Absolut.
BZ: Warum?
Wir bleiben unabhängig. Wir wollen da weiter wachsen, wo wir unsere Chancen sehen. Wir verkaufen im Private Banking keine eigenen Produkte und das soll so bleiben. Wir wollen uns weiter den Luxus gönnen, auch mal schnelle Gewinne liegen zu lassen, wenn wir sagen, dass das dem Kunden langfristig dient. Das könnten wir als Niederlassung einer ausländischen Bank nicht.
BZ: Also bleibt Metzler als letzte eigenständige, familiengeführte Privatbank erhalten?
Ja, und das hat enorme Vorteile, auch dass mit Elena und Franz von Metzler die Familie Verantwortung übernommen hat. Wir müssen uns nicht mit der Konkurrenz messen. Und wir stecken alles, was nach Ausschüttung der Dividende an die Eigner bleibt, in die Stille Reserve. Wenn wir an der Börse wären, wären die Rufe nach einer Ausschüttung groß.
BZ: Stattdessen investieren Sie lieber. In welche Bereiche denn?
Wir investieren im Rahmen unserer Strategie in alle vier Geschäftsfelder. Im Bereich Capital Markets stärken wir die Fremd- und Eigenkapitalbeschaffung. Unsere Kunden sind Unternehmerinnen und Unternehmer und die brauchen nicht nur Dienstleistungen für ihr privates Vermögen, sondern auch für ihre Unternehmen. Da können wir weiterhelfen. Wir haben den Japan-Standort ausgebaut, eine Holding gegründet und bieten dort neben M&A- und Immobilienberatung auch Asset Management an. Gleichzeitig investieren wir weiter in unser Pension Management, das wird nicht aufhören zu wachsen und wir werden weiter in dieses Zukunftsthema investieren. In diesem Bereich haben wir vor anderthalb Jahren von der Nürnberger Lebensversicherung AG die Nürnberger Pensionsfonds AG übernommen.
BZ: Das ist neu bei Metzler: Sie sind jetzt offen für Zukäufe, oder?
Ja, auch da haben wir uns 2023 geöffnet. Wir screenen regelmäßig alles, was auf den Markt kommt. Aber es muss passen, wir wollen keine Energie verschwenden.
BZ: All die Änderungen verbildlicht Metzler in einem neuen Logo. Warum jetzt?
Es ist das Symbol für einen Sprung, den wir 2023 gewagt haben, um uns auf neues Wachstum auszurichten.
BZ: Das Logo zeigt eine Unterschrift vor grünem Hintergrund. Von welchem Metzler ist sie denn?
Sie ist an die Unterschrift von Friedrich von Metzler angelehnt, der in elfter Generation bis 2021 Gesellschafter war und im November 2024 verstorben ist. Aber die Signatur ist nicht nur ein Andenken an ihn. Auch Elemente der Unterschriften seiner Vorgänger sind enthalten. Es zeigt uns als Familienunternehmen, das seit 352 Jahren erfolgreich ist und weiß, wie langfristiger Erfolg gelingt. Dahinter haben wir einen Punkt gesetzt, als Statement: Wir kommen zum Punkt.
BZ: Das verweist auf die lange Geschichte der Privatbank Metzler. Aber was sagt das neue Aussehen über die Strategie aus?
Blau wirkt sicher professionell und rational, grün ist dafür eine sehr menschliche Farbe. Wir richten uns noch stärker an den Kunden aus, sind eben viel persönlicher und menschlicher. Das zeigt die Unterschrift und die neue Farbe. Eine unserer Kernbotschaften lautet Wir schaffen Wert für Menschen, die etwas wertvolles schaffen.
BZ: Dazu passt der Ausbau des Pension Management Metzlers, oder?
Wir haben bereits in den vergangenen 25 Jahren unser Pension Management aufgebaut, das Unternehmer dabei unterstützt, ihren Mitarbeitern eine betriebliche Altersversorgung anzubieten. Mittlerweile sind wir mit unseren überbetrieblichen Pensionsfondslösungen marktführend. Das Thema passt zu uns, weil die Unternehmer Partner suchen, von denen sie wissen, dass sie auch die nächsten hundert Jahre noch da sind. Wir wussten - oder haben es vermutet-, dass irgendwann die kapitalgedeckte Altersvorsorge kommen muss, die bisherige Form der gesetzlichen Rente ist ja aus demografischen Gründen nicht mehr finanzierbar.
BZ: Und wie ist die Nachfrage Ihrer Kunden?
Seit sie die neuen Möglichkeiten erkannt haben, kommen die Unternehmen zu uns und fragen aktiv nach betrieblicher Altersversorgung, das Rad dreht sich immer schneller. Für die Unternehmer ist es wichtig, dass sie ihren Mitarbeitern etwas Kapitalmarktbasiertes anbieten können, ohne dabei die Risiken von Garantien für das eigene Unternehmen in die Zukunft zu tragen.
BZ: Und was bieten Sie denen an?
Wir setzen auf das Sozialpartnermodell in Form der reinen Beitragszusage. Das heißt, wir haben einen von der Versicherungsaufsicht regulierten Pensionsfonds. Wir sind seit Jahren in regelmäßigem Austausch mit den Gewerkschaften und den Unternehmen, um alle Sozialpartner gleichermaßen abzuholen und deren Interessen zu bündeln. Dieser Weg ist einer, bei dem wir uns gut vorstellen können, dass er gut in das politische Ziel der flächendeckenden Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung passt.
BZ: Wollen Sie auch bei der privaten Altersvorsorge mitmischen?
Wir haben ja weder Filialen noch Retail-Kunden. Also müssten wir uns dafür mit anderen zusammentun und Investmentprodukte hineinliefern.
BZ: Plant Metzler denn Kooperationen?
Da könnten neue kommen. Der Markt sortiert sich komplett neu, derzeit haben Sie einen offenen Markt und viele Möglichkeiten.
BZ: Das wäre auch eine Gelegenheit, um jüngere Kunden zu gewinnen, oder?
Die vermögenden Kunden, die wir betreuen, sind in der Regel im Schnitt mehr als 60 Jahre alt. Aber um sie herum sind Familien und die sitzen mit am Tisch, auch die Jungen. Sie lernen dadurch, dass man ein Vermögen nicht nebenher verwaltet, gerade wenn es um Umstrukturierungen geht, wie wir sie derzeit etwa bei den Autozulieferern sehen. Dann erwarten die Unternehmer, dass wir das Vermögen ganzheitlich denken - das private und das unternehmerische. Und das kommt auch bei den Jungen gut an.
BZ: Das funktioniert aber nur so lange, wie Sie Familienunternehmen betreuen, oder? Aber die werden nicht mehr und viele potenzielle Nachfolger wenden sich von den Betrieben ab und machen etwas anderes.
Das stimmt, das merken wir auch. Und deshalb haben wir auch vor einem Jahr einen Standort in Berlin eröffnet. Da gibt es sowohl „altes Geld" als auch viele Start ups. Und je spezialisierter die Unternehmen sind - gerade im Bereich Aerospace entwickelt sich ja viel - umso interessanter sind sie für uns. Weil sie oft jemanden brauchen, der sich um das Vermögen kümmert, damit sie sich auf ihr Fachgebiet konzentrieren können.
BZ: Können Sie die mit dem Verweis auf die Geschichte von Metzler die Berliner Gründer für sich gewinnen?
Wir haben nur so eine lange Geschichte, weil wir immer versuchen, ganz weit vorne mitzuspielen. Es gibt unter unserem Dach zum Beispiel ein Kompetenzzentrum für neueste Technologien, Metzler DX. Als erstes Haus in Deutschland haben wir etwa einen Fondsanteil tokenisiert und gehandelt. Wir sind beim Bundesbank-Projekt zum Digitalen Euro mit dabei. Wir sind auch ein bisschen eine Neobank und können durchaus mit Fortschrittlichkeit überzeugen.
BZ: Die Kunden dürfen nicht über die Investmentsmitentscheiden, Metzler bleibt diskretionär, Vertrauen ist demnach alles. Gibt es Bestrebungen, das zu ändern?
Es gibt Kunden, die das nachfragen. Aber wir bleiben bei dem, was wir über die Jahrzehnte erfolgreich machen.
Der Artikel erschien am 2.9.2026 in der Börsen-Zeitung.