
11.09.2026 | Asset Management
Donald Trumps wirtschaftspolitische Strategie vor den Zwischenwahlen lässt sich derzeit auf eine erstaunlich einfache Formel reduzieren: mehr Geld für die Wähler, niedrigere Zinsen und mehr Druck auf das Ausland.
Nach den überraschend starken Arbeitsmarktdaten für August – die US-Wirtschaft schuf 162.000 neue Stellen – forderte Trump die Federal Reserve erneut auf, die Zinsen zu senken. Die USA sollten sogar die niedrigsten Zinsen der Welt haben. Falls die Fed nicht handle, drohte er, den Handel mit Ländern einzustellen, gegenüber denen die USA ein Handelsdefizit aufweisen. Wörtlich schrieb er: „High interest rates put the U.S.A. at a very unfair disadvantage, and I won’t allow that to happen!”.
Noch bemerkenswerter ist sein jüngster Vorschlag: Wenn die Republikaner beide Häuser des Kongresses behalten, will Trump jedem erwachsenen US-Bürger eine „Trump Dividend“ von 5.000 Dollar zahlen. Die Gesamtkosten könnten mehr als eine Billion US-Dollar betragen. Aus konjunktureller Sicht wäre das im Grunde ein riesiges, schuldenfinanziertes Nachfrageprogramm.
Damit steigt das Risiko eines klassischen Policy-Mix-Problems: expansive Fiskalpolitik treibt Nachfrage und Inflation nach oben, während Trump gleichzeitig von der Fed verlangt, die Zinsen zu senken.
Daneben setzt Trump weiter auf sein bekanntes Programm: Steuerentlastungen für Arbeitnehmer und Familien, niedrigere Gesundheits- und Medikamentenkosten, Maßnahmen gegen hohe Wohnkosten sowie eine aggressive Handelspolitik zum Schutz amerikanischer Produktion. Die politische Logik dahinter ist klar: Trump versucht, die Debatte vor den Wahlen weg von Inflation, hohen Energiepreisen und dem Iran-Krieg hin auf die Frage zu verschieben: Was bekommt der einzelne Wähler unmittelbar von meiner Politik?
Derzeit schätzt das GDPNow-Modell der Federal Reserve of Atlanta ein Wirtschaftswachstum von 4,7 Prozent im dritten Quartal. Auch andere Frühindikatoren signalisieren eine Belebung der Wachstumsdynamik in den kommenden Monaten, der Investitionsboom verbreitert sich. Damit dürfte auch eine weitere Verbesserung der Lage am Arbeitsmarkt einhergehen. Schon seit November 2025 ist ein stetiger Rückgang der Arbeitslosenquote von 4,5 Prozent auf zuletzt 4,1 Prozent im August zu beobachten.
Quellen: FRED Database, U.S. Federal Reserve, BEA, Metzler, Stand: 15.8.2026
Damit steigen die Inflationsrisiken infolge eines drohenden (Wieder-)Anspringens der Lohndynamik. Allein schon vor diesem Hintergrund müsste die US-Notenbank den Leitzins am Mittwoch anheben. Die US-Notenbank kämpft jedoch darüber hinaus noch mit einem Glaubwürdigkeitsproblem. US-Notenbankpräsident Kevin Warsh hatte sich vor der Notenbanksitzung im Juli als entschlossener Inflationsbekämpfer präsentiert, die Fed ließ die Zinsen jedoch unverändert. Im Rückblick war dies ein entscheidender Fehler: Eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte hätte ökonomisch vielleicht wenig verändert, aber ein starkes Signal gesendet, nämlich dass Kevin Warsh seinen Worten auch Taten folgen lässt. Stattdessen hat sich am Markt das Narrativ verfestigt, dass die Fed zwar über Inflation spreche, im Zweifel aber vor höheren Zinsen zurückschrecke. Warsh scheint dieses Problem inzwischen erkannt zu haben. In Jackson Hole betonte er, dass die Inflation noch immer zu hoch sei, die Finanzierungsbedingungen nicht besonders restriktiv seien und die Fed noch „Arbeit vor sich“ habe, wenn sie nicht überzeugt sei, dass die Inflation nachhaltig zum Zwei-Prozent-Ziel zurückkehrt. Seine Aussagen wurden von den Märkten deshalb als ein Signal für eine mögliche Zinserhöhung im September interpretiert. Ganz überzeugt sind die Finanzmärkte aber nicht: die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung wird derzeit nur bei ungefähr 60 Prozent gehandelt.
Bisher zeigt die Break-even-Inflationsrate von 10-jährigen Staatsanleihen mit 2,4 Prozent, dass die Finanzmarktakteure immer noch ein sehr großes Vertrauen in die US-Notenbank haben und keine Sorgen vor der Inflation.
Sollte jedoch eine Leitzinserhöhung am Mittwoch ausbleiben, könnte dieses Vertrauen erschüttert werden und die Inflationserwartung und die Inflationsrisikoprämie in Bewegung kommen. Dies könnte sogar einen Crash am Bondmarkt auslösen.
Der US-Finanzminister Scott Bessent hat deutlich gemacht, dass die USA eine Leitzinserhöhung der Bank von Japan am Freitag erwarten. Damit soll der Wechselkurs des japanischen Yen gestärkt und so die vergangenen gemeinsamen Devisenmarktinterventionen gerechtfertigt werden.
Die Fundamentaldaten mit einem nominalen BIP-Wachstum von etwa 4,0 Prozent, einem Kreditwachstum von mehr als 5,0 Prozent und merkliche Verbesserungen der Geschäftsklimaindizes sprechen für ein robustes wirtschaftliches Umfeld – mit Risiken, dass sich die Inflationsrate von derzeit 2,0 Prozent wieder merklich beschleunigt. Selbst mit einer Leitzinserhöhung auf 1,25 Prozent in der kommenden Woche bleibt der reale Leitzins jedoch immer noch signifikant negativ.
Natürlich stellt sich die Frage, ob eine Leitzinserhöhung Turbulenzen auslösen kann, da Yen-Carry-Trades aufgelöst werden müssten. Jahrzehntelang war der Yen eine der wichtigsten Finanzierungswährungen der Welt: Investoren konnten sich zu sehr niedrigen Zinsen in Yen finanzieren und das Kapital in höher verzinste Anleihen, Aktien oder andere Risikoanlagen investieren.
Der August 2024 zeigte, wie schnell dieser Mechanismus wirken kann. Nach der Zinserhöhung der BoJ, schwächeren US-Konjunkturdaten und zunehmenden Erwartungen von Fed-Zinssenkungen wertete der Yen innerhalb weniger Wochen um mehr als 10 Prozent auf. Gleichzeitig verlor der Nikkei am 5. August 2024 rund 12 Prozent an einem einzigen Handelstag, der S&P 500 fiel deutlich und der VIX sprang zeitweise auf über 60 Punkte. Entscheidend war dabei weniger die Zinserhöhung selbst als die Geschwindigkeit, mit der gehebelte Positionen gleichzeitig geschlossen wurden.
Historisch gibt es allerdings noch extremere Beispiele. 1998 kam es im Umfeld der Russlandkrise und des Zusammenbruchs von LTCM zu einer massiven Auflösung von Yen-Carry-Trades. Der Yen wertete innerhalb weniger Monate um rund 20 bis 25 Prozent gegenüber dem US-Dollar auf; allein innerhalb weniger Handelstage im Oktober kam es zu einer zweistelligen Aufwertung.
Auch 2008 wertete der Yen während der globalen Finanzkrise massiv auf. Von vor der Lehman-Pleite bis zum Jahresende gewann er gegenüber dem US-Dollar rund 20 Prozent und gegenüber klassischen Carry-Währungen wie dem australischen Dollar erheblich mehr. Allerdings wäre es falsch, die damaligen Kursverluste an den Aktienmärkten dem Yen-Carry-Trade zuzuschreiben: Die Rückabwicklung des Yen-Carry-Trades war damals eher ein Verstärker einer bereits bestehenden globalen Finanzkrise.
Der entscheidende Punkt lautet daher: Die Gefahr liegt nicht primär in der Höhe japanischer Zinsen, sondern in der Geschwindigkeit der Veränderung. Eine graduelle Normalisierung der BoJ-Geldpolitik kann der Markt wahrscheinlich absorbieren. Eine überraschend falkenhafte Pressekonferenz mit der Ankündigung weiterer schneller Schritte könnte dagegen eine Kettenreaktion aus Yen-Aufwertung, Deleveraging und Verkäufen globaler Risikoanlagen auslösen. Die Bank von Japan dürfte somit sehr vorsichtig mit ihren Aussagen sein und wahrscheinlich weitere Leitzinserhöhungen in einem Tempo von einem Schritt pro Quartal ankündigen.
Edgar Walk, CESGA, arbeitet seit 2000 bei Metzler. Als Chefvolkswirt im Bereich Asset Management ist er für die volkswirtschaftlichen Prognosen verantwortlich. Aufgrund seiner engen Zusammenarbeit mit dem Portfoliomanagement liegt sein Fokus neben der volkswirtschaftlichen Analyse verstärkt auf Kapitalmarktthemen. Vor seiner Anstellung bei Metzler studierte Herr Walk in Tübingen Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Regionalstudien Ostasien und Japan. Zur Vertiefung seiner Studien verbrachte er ein Auslandssemester an der Doshisha-Universität in Kyoto, Japan. Am Institut für Weltwirtschaft in Kiel absolvierte er anschließend den Aufbaustudiengang „Advanced Studies in International Economic Policy Research“.

Edgar Walk
Chefvolkswirt
Metzler Asset Management
Economic Research
Frankfurt am Main
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