
11.9.2026 | Asset Management
Oliver Schmidt im Interview mit Euro am Sonntag
€uro am Sonntag: Wie funktioniert die Barbell-Strategie, und warum eignet sie sich gerade jetzt?
Oliver Schmidt: Auf der einen Seite stehen Anlagen, die an Wachstum, Innovation und Unternehmensgewinnen partizipieren – vor allem Aktien um den KI-Investitionszyklus. Auf der anderen Seite stehen Stabilisatoren: Gold, kurze bis mittlere Anleihen hoher Bonität, gute Unternehmensanleihen und Energieaktien als Hedge gegen geopolitische und inflationäre Schocks. Gerade die Kombination aus realem KI-Boom, hohen Bewertungen und steigenden fiskalischen Risiken spricht für diese Balance.
Welche Rolle spielen KI-Infrastrukturaktien und Hyperscaler?
Halbleiter, Speicherchips, Rechenzentren und Cloud-Anbieter bleiben zentrale Profiteure des Investitionszyklus. Die Nachfrage ist real und die Hyperscaler investieren weiterhin massiv. Aber bei vielen Aktien ist bereits viel Wachstum eingepreist. Deshalb sollte der Portfolio-Erfolg nicht von wenigen, eng verbundenen US-Techwerten abhängen.
Welche Aktien oder Branchen gehören auf die defensive Seite?
Neben defensiveren Bereichen wie Gesundheit, Basiskonsumgütern, Versorgern oder Telekommunikation sehen wir Energieaktien als strategischen Makro-Hedge. Steigt der Ölpreis, können sie Belastungen in anderen Portfolioteilen teilweise kompensieren. Zusätzlich diversifizieren wir regional breiter und gewichten die USA geringer als klassische Weltindizes.
Wie hoch ist der Aktienanteil?
Das hängt natürlich von der individuellen Risikotragfähigkeit und dem Anlagehorizont ab. In unserer Flagship-Multi-Asset-Strategie liegt die Aktienquote derzeit bei rund 60 Prozent. Entscheidend ist aber nicht nur die Höhe der Quote, sondern ihre Zusammensetzung: breit diversifiziert und nicht übermäßig von USA, Mega-Caps oder einem einzelnen Investmentthema abhängig.
Welchen Anteil sollte Gold haben?
Gold ist für uns ein struktureller Diversifikator und kein kurzfristiger Trade. In unserer Strategie liegt die Quote aktuell bei rund sieben bis acht Prozent. Gold kann bei geopolitischen Risiken, Zweifeln an Geld- und Fiskalpolitik oder Dollar-Schwäche stabilisieren. Es ersetzt sichere Anleihen aber nicht voll, denn Gold zahlt keinen Zins.

Oliver Schmidt
Chief Investment Officer
Wo liegen weitere Risiken und Kosten der Barbell-Strategie?
Insbesondere Opportunitätskosten sollte man einkalkulieren. Läuft KI weiter sehr stark, können defensive Anlagen zeitweise hinterherhinken. Und auch Gold oder Energieaktien können deutlich korrigieren. Unser Ziel ist deshalb nicht, jede Schwankung zu vermeiden. Entscheidend ist, dass kein einzelnes Szenario das Gesamtrisiko des Portfolios dominiert. Risikomanagement beginnt für uns bei der Portfoliokonstruktion – und nicht erst dann, wenn die Krise da ist.
Erwarten Sie einen Börsencrash?
In unserem Basisszenario nein. Ein Rücksetzer von fünf bis zehn Prozent wäre aber nichts Außergewöhnliches. Gefährlicher als die KI erscheint uns derzeit ein möglicher Stress am Rentenmarkt.
Der Artikel erschien am 4.9.2026 in der Euro am Sonntag.