
1.10.2026 | Asset Management
CIO View – Volkswirtschaft
Langfristige Staatsanleiherenditen bestehen vereinfacht aus einer realen Rendite und einer Kompensation für Inflation. Bemerkenswert ist, dass diese langfristige Inflationsprämie bislang weitgehend stabil geblieben ist. Der Renditeanstieg ist deshalb vor allem ein Realzinsphänomen. Dafür gibt es zwei zentrale Gründe: Zum einen hellen sich die globalen Wachstumsperspektiven auf und der private Investitionsbedarf steigt. Zum anderen benötigen auch die Staaten immer mehr Kapital. Der Internationale Währungsfonds erwartet, dass die weltweite Staatsverschuldung in den kommenden Jahren weiter zunimmt. Mehr private Investitionen und mehr staatliche Verschuldung erhöhen die Nachfrage nach Kapital und damit den Realzins. Für die Notenbanken ist das eine beruhigende Nachricht: Bislang signalisiert der Markt damit keinen grundlegenden Vertrauensverlust in die langfristige Geldwertstabilität.
Vorausgesetzt der angebotene Zins ist attraktiv genug, findet der Staat normalerweise auch bei hoher Verschuldung Käufer für seine Anleihen. Kritisch wird die Lage erst dann, wenn die vom Markt geforderte Rendite die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen gefährdet. In einem solchen Szenario hat die Politik im Wesentlichen drei Auswege.
Das aus Sicht der Anleiheinvestoren vorteilhafteste Szenario ist die fiskalische Konsolidierung: Der Staat drosselt sein Defizit durch Ausgabenkürzungen, Verbesserung der Einnahmen oder strukturpolitische Reformen, die das Wachstum stimulieren.
Die schmerzhafte Alternative ist ein Zahlungsausfall oder eine Umschuldung. Dieses Risiko ist bei denjenigen Staaten geringer, die sich in ihrer eigenen Währung verschulden. Länder wie die USA, Japan oder Großbritannien verfügen über eine Zentralbank, die ihre eigene Währung schaffen kann. Der Euroraum ist dagegen ein Sonderfall: Einzelne Mitgliedstaaten verschulden sich zwar in der Gemeinschaftswährung, besitzen jedoch keine eigene geldpolitische Souveränität.
Die dritte Möglichkeit besteht in einem Eingreifen der Zentralbank. Droht ein Staatsanleihemarkt in eine systematische Abwärtsspirale zu geraten, kann die Zentralbank als Käufer letzter Instanz intervenieren (sog. „lender of last resort"). Ein solches Mandat kann zunächst sinnvoll sein, wenn es lediglich einen vorübergehend gestörten Markt stabilisieren soll. Problematisch wird es hingegen, wenn die Zentralbank zu dauerhaften Stützungskäufen gezwungen ist, weil der Staat die vom Markt geforderten Zinsen nicht mehr tragen kann. Der Preis dafür kann eine höhere Inflation sein. Für einen langfristig orientierten Anleger ist daher die Erkenntnis entscheidend: Der Staat kann jeden Zins zahlen und am Ende den vollständigen Nominalwert seiner Schuldtitel tilgen, der Anleger kann real trotzdem Vermögensverluste erleiden, weil seine Investition an Kaufkraft verloren hat.
Die langfristige Inflationskompensation ist trotz steigender Staatsschulden bislang stabil. Der Markt vertraut also weiterhin darauf, dass die Zentralbanken langfristig Preisstabilität gewährleisten. Genau darin liegt das Risiko. Sollte dieses Vertrauen schwinden, würden Anleger nicht mehr nur höhere reale Renditen verlangen, sondern zusätzlich eine höhere Inflationsrisikoprämie. Weitere Verluste an den Anleihemärkten wären die direkte Folge.