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11.6.2019 - Edgar-Walk

Neue Ära Reiwa bringt frische Chancen

Die Heisei-Epoche von Kaiser Akihito wird in Japan als Periode der Krisen und Katastrophen gesehen. Daher wecken die Thronübergabe zu Kaiser Naruhito und der Beginn der Reiwa-Zeit („schöne Harmonie“) bei vielen Japanern die Hoffnung auf bessere Zeiten. Ihre Zuversicht ist nicht aus der Luft gegriffen. Die Grundlagen für eine positive Epoche sind durch Reformen der Finanz- und Wirtschaftspolitik, den Abenomics, gelegt. Für Investoren ergeben sich aussichtsreiche Gelegenheiten.

Die Geschichte Japans lässt sich als eine Aneinanderreihung von Kaiser-Epochen lesen. Ein Wechsel auf dem Chrysanthementhron symbolisierte häufig einen Zeitenwandel. Mit Kaiser Akihito endete das Wirtschafts­wunder der Nachkriegszeit, Kaiser Naruhito könnte für eine Periode der Öffnung und Modernisierung stehen. Der 59-Jährige ist der erste Tenno, der bei seinen Eltern aufwuchs, ein Studium abschloss, im Aus­land lebte und eine berufstätige Frau heiratete. Nie war das Kaiserhaus so modern wie heute – ein verheißungsvolles Zeichen für die Zukunft.

Heisei: Blasenwirtschaft endet, demografischer Wandel

Im Rückblick erscheinen die drei Jahrzehnte Heisei („Frieden schaffen“) als schwere Zeit. Zum Auftakt passierte Japan den Scheitelpunkt einer gewaltigen Spekulationsblase. Ende 1989 markierte der marktbreite Aktienindex Nikkei 225 bei 38.916 Punkten seinen Höchststand. Das Grundstück des Kaiserpalastes im Zentrum von Tokio war damals so viel wert wie alle Immobilien von Kalifornien zusammen. Mitsubishi Estate kaufte das Rockefeller Center in New York, und Sony schluckte das Hollywood-Studio Columbia Pictures. Japans Aufstieg zur dominanten Wirtschaftsmacht des 21. Jahrhunderts schien unaufhaltsam.

Dann entwich die Luft aus der „Blasenwirtschaft“, wie die Japaner sagen. 20 Jahre lang stagnierte das nominale Bruttoinlandsprodukt. Der Staat stützte die Wirtschaft massiv, Japan verschuldete sich dadurch wie keine andere Nation. Der TOPIX gab bis zu 70 % nach – der Nikkei 225 sogar bis zu 82 %. Ähnlich herb verloren Immobilien an Wert. Eine ganze Generation Japaner erlebte nur fallende Löhne und Preise, am Arbeitsmarkt herrschte „Eiszeit“. Die Bevölkerung alterte – jeder fünfte Japaner ist heute über 70 Jahre alt – und schrumpfte: Seit dem Hoch von 2010 ging die Zahl der Einwohner um 1,3 % auf 126,4 Mio. zurück.

Resilienz gegen Populismus, Belohnung für Investoren

Die Heisei-Zeit war aber nicht nur schlecht: Trotz Rezessionen, mehr Armut und sozialer Ungleichheit, einem Giftgasanschlag (1995) und dem schwersten Erdbeben seit 1.000 Jahren (2011) radikalisierte sich die Gesellschaft nicht. Ihre hohe Resilienz verhinderte den nationalistischen Populismus, der andere Industrieländer heute plagt.

Investoren konnten gutes Geld verdienen. Staatsanleihen haussierten; die Top-Aktien waren Keyence (Fabrikautomation) mit einem Plus von 5.000 % und Nidec (Feinelektrik) mit einem Kursgewinn von 3.500 %; Büro- und Wohnimmobilien brachten ansehnliche Renditen ein. Beim Bruttoinlandsprodukt wurde die Inselnation von China überholt. Doch Japan blieb bis heute der größte Kreditgeber der Welt, ungeachtet Chinas „Belt and Road“-Initiative.

Reiwa: Nationaler Reformkonsens verbessert Ausblick

An den Aussichten für die Reiwa-Zeit scheiden sich die Geister: Für die einen führen die hohen Staatsschulden, die steigenden Sozialausgaben für Senioren und die sinkende Bevölkerung in den Niedergang. Die anderen betrachten Japan als potenzielles Vorbild dafür, wie ein Land den demografischen Wandel erfolgreich bewältigen kann. Die Optimisten verweisen auf die Finanz- und Wirtschaftspolitik der letzten sechs Jahre. Die Abenomics-Reformen entsprangen einem nationalen Konsens, auf den sich die Elite aus Beamten, Managern und Politikern nach der Großen Finanzkrise verständigte.

Ein Versprechen von Premierminister Shinzo Abe bringt diesen Konsens auf den Punkt: Japan soll niemals eine Nation zweiter Klasse sein. Gemeint ist: Japan darf kein Vasallenstaat der kommenden Weltmacht China werden. Da dies nur mit einer starken Wirtschaft gelingen

wird, bricht die Abe-Regierung seit 2013 viele langjährige Tabus. Ihre Strategie zielt darauf, die notwendige Modernisierung durch eine starke Öffnung Japans für Kapital, Menschen und Waren aus dem Ausland herbeizuführen.

Umdenken beim Außenhandel und am Arbeitsmarkt

Unter Abe verabschiedete sich Nippon von seiner Abschottungsstrategie und entwickelte sich zum Vorreiter der Globalisierung. Die weltweit größten Freihandelsverträge – mit der Europäischen Union (EPA) und mit zehn Pazifikanrainerstaaten (TPP-11) – gehen auf japanische Initiativen zurück. Beide traten bereits in Kraft. Neben mehr Absatzchancen für japanische Waren im Ausland sollen die Verträge die Wettbewerbsfähigkeit der Agrarwirtschaft beim Export heben.

Die stärksten Reformsignale setzte Abe am Arbeitsmarkt. Als Antwort auf den Arbeitskräftemangel und wider eigene Vorbehalte öffnete der rechtskonservative Politiker die Türen für Einwanderer. Spezielle Arbeitsvisa sollen zunächst 345.000 Ausländer anlocken. Zuvor wurde die Bevölkerung geschickt auf mehr Ausländer eingestellt: Erleichterte Einreisebedingungen lösten einen Tourismusboom aus. 2018 kamen 31 Mio. Besucher, viermal mehr als vor zehn Jahren. Und vor allem durch die großzügige Vergabe von Studentenvisa verdoppelte sich in fünf Jahren die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte auf 1,7 Mio.

Zudem traten in diesem Frühjahr die sogenannten „Arbeitsstil“-Reformen in Kraft. Das Gesetz begrenzt die Überstunden auf durchschnittlich 60 pro Monat und verpflichtet die Unternehmen dazu, dass ihre Mitarbeiter fünf ihrer Urlaubstage tatsächlich nehmen. Das soll das Arbeitsklima so verbessern, dass mehr Frauen und junge Mütter erwerbstätig sein können.

Langfristig im Blick: die Wasserstoffgesellschaft

Zu den langfristigen Zielen der Regierung gehört die „Wasserstoffgesellschaft“. Das farblose Gas verwandelt sich in Brennstoffzellen von Fahrzeugen und Privathäusern in sauberen Strom, es entsteht nur Wasser. Auch Kraftwerke lassen sich damit betreiben und überschüssiger Strom von Wind- und Solaranlagen damit speichern. Der Weg ist noch weit, es gibt bisher nicht einmal eine reguläre Lieferkette für Wasserstoff. Daher testen japanische Unternehmen im nächsten Jahr die karbonneutrale Erzeugung von Wasserstoff aus australischer Braunkohle und den Transport von chemisch verflüssigtem Wasserstoff mit Tankschiffen nach Japan. Bei Olympia 2020 in Tokio werden 100 Wasserstoff­busse von Toyota und eine mit Wasserstoff betriebene olympische Flamme diesen Energietraum sichtbar machen.

Unterstützung von Investoren, höhere Kapitalrenditen

Parallel erhöhte die Regierung die Attraktivität des Investitionsstandortes Japan. Eine verbesserte Corporate Governance stärkte den Einfluss von in- und ausländischen Aktionären und Investoren auf japanische Unternehmen. Die Übernahme von Firmenikonen wie Sharp (2016) und Japan Display (2019) durch Ausländer wurde vom Staat nicht mehr blockiert, anders als noch bei Renesas (2012).

Die Unternehmen kaufen im Rekordtempo im Ausland zu und globalisieren ihre Lieferketten. In der Folge wachsen die Außenkontakte und die Diversität in den Vorstandsetagen, sodass sich internationale Veränderungen rascher auswirken. Die Gesellschaften bauen um, stoßen unrentable Zweige ab und schütten über Dividenden und Aktienrückkäufe Rekordsummen aus. Das ruft ausländische Hedge- und Beteiligungsfonds auf den Plan, die den Wandel beschleunigen.

Wachstum über der Potenzialrate, Digitalisierung treibt Produktivität 

Der Strategiewechsel seit 2013 hat sich ausgezahlt. Das nominale Bruttoinlandsprodukt wächst wieder, Löhne und Preise steigen, die Zahl der Beschäftigten markiert neue Höchstwerte, dank mehr erwerbstätiger Frauen und Rentner. Die Deflation scheint besiegt und das Gespenst einer Staatspleite gebannt zu sein: Die Hälfte der Schulden wanderte aus privaten Händen in die Bilanz der Notenbank.

Vor allem belastet der demografische Wandel die Wirtschaftsleistung nicht. Zwischen Februar 2017 und Februar 2019 nahm die Bevölkerung um 840.000 Menschen ab. In derselben Zeit stieg die Zahl der Beschäftigten um 2,3 Mio., obwohl es weiter stark an Arbeitskräften mangelte. Auf jeden Jobsuchenden warten 1,63 Stellenangebote. Daher kommen Digitalisierung und künstliche Intelligenz ins Spiel.

Daher hat bei Abes großen Reformvorhaben die Digitalisierung vieler Lebensbereiche Vorrang, um menschliche Arbeitskraft einzusparen, etwa durch die schnelle Zulassung von autonomen Fahrzeugen. Viele dieser Maßnahmen dienen gleichzeitig der Revitalisierung des ländlichen Raums, die zweite Top-Aufgabe auf der Agenda. Zudem will die Regierung die Finanzierung von Städten und Gemeinden nachhaltiger organisieren. 

Das Potenzial von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz sind gewaltig. Daher verwundert es wenig, dass nicht nur die Softbank Group mit ihrem gigantischen Vision Fund, sondern die meisten anderen Unternehmen massiv in diese Technologien investieren. Der Siegeszug des Cloud-Computing hat erst begonnen. Die Regierung strebt eine „Gesellschaft 5.0“ mit vielen digitalen Dienstleistungen an. Deswegen vergab sie die Lizenzen für den 5G-Mobilfunk kostenlos. Im Gegenzug bauen die Anbieter gerade ein flächen­deckendes 5G-Netz für ein Internet der Dinge auf, mit dem sich große Datenmengen nutzen lassen.

Akzeptanz von Automatisierung wegen Arbeitskräftemangel

Die erste Generation der Reiwa-Erwerbstätigen erlebt goldene Zeiten: Wer ihre Arbeitskraft bekommen will, muss ein gutes Umfeld bieten, so scharf ist der Wettbewerb der Arbeitgeber. Jeder Schul- und Universitätsabsolvent erhält einen Job, die Einstiegsgehälter sind höher, die Aufstiegschancen größer. Daher haben die Japaner keine Angst vor Automatisierung. Vielmehr steigert eine erhöhte Produktivität ihre Einkommen. Die Reiwa-Wirtschaft dürfte für weniger Menschen mehr Wohlstand schaffen.

Natürlich hat die neue Zeit ihre Risiken – erstens eine Kursänderung der Bank of Japan: Bisher garantiert der 74-jährige Haruhiko Kuroda, noch bis 2023 im Amt, Konstanz. Der „Kuroda-Put“ für einen schwachen Yen sichert Investitionen in Japan ab. Zweitens die Rivalität zwischen China und den USA, den beiden wichtigsten Handelspartnern von Japan. Eine Zuspitzung träfe Nippon hart. Drittens ein heftiges Erdbeben in der Metropolregion Tokio. Wegen der starken Zentralisierung wären dramatische Auswirkungen auf Japans Wirtschaft und Währung zu befürchten.

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Edgar Walk, Chefvolkswirt Metzler Asset Management
Edgar Walk

Chefvolkswirt , Metzler Asset Management

Edgar Walk arbeitet seit 2000 bei Metzler. Als Chefvolkswirt im Bereich Asset Management ist er für die volkswirtschaftlichen Prognosen verantwortlich. Aufgrund seiner engen Zusammenarbeit mit dem Portfoliomanagement liegt sein Fokus neben der volkswirtschaftlichen Analyse verstärkt auf Kapitalmarktthemen. Vor seiner Anstellung bei Metzler studierte Herr Walk in Tübingen Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Regionalstudien Ostasien und Japan. Zur Vertiefung seiner Studien verbrachte er ein Auslandssemester an der Doshisha-Universität in Kyoto (Japan). Am Institut für Weltwirtschaft in Kiel absolvierte er anschließend den Aufbaustudiengang „Advanced Studies in International Economic Policy Research“.

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