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Prof. Dr. Tobias Kollmann im Interview - 7.1.2019

Digitalisierung geht uns alle an

Prof. Dr. Tobias Kollmann, Inhaber des Lehrstuhls für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen
Alles, was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert.
Prof. Dr. Tobias Kollmann
Inhaber des Lehrstuhls für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen

Smart Home, Industrie 4.0, Robo-Advisor – die Digitalisierung verändert unser Leben, unser Arbeiten und unsere Gesellschaft. Veränderungen hat es immer gegeben. Das Telefon, die Elektrizität und der Computer zählen insofern auch zu den disruptiven Einschnitten in das (Arbeits-)Leben des Menschen. Inzwischen beschäftigt die Digitalisierung nicht mehr nur IT-Experten, sondern ist auch bei Managern und Mitarbeitern deutscher Unternehmen sowie der breiten Bevölkerung angekommen. Aber immer noch liegt Deutschland beim digitalen Wandel im internationalen Vergleich weit zurück. Wir sprachen mit Prof. Dr. Tobias Kollmann über den digitalen Wandel, Chancen und Risiken der Digitalisierung sowie mögliche Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Prof. Kollmann, wie lässt sich die Digitalisierung kurz und knapp definieren?

Digitalisierung ist die Nutzung der Informationstechnologien für die Vorbereitung, Verhandlung und Durchführung von Geschäftsprozessen zwischen ökonomischen Partnern über elektronische Netzwerke. Die Informationstechnologien werden also in der Informations-, Kommunikations- und Transaktionsphase genutzt.

 

Wo sehen Sie die größten Potenziale der Digitalisierung? Was halten Sie für die größten Risiken?

Die Potenziale liegen insbesondere im Auf- und Ausbau von digitalen Geschäftsmodellen, die mithilfe von Daten erst entstehen können und die einen klaren elektronischen Mehrwert für den Kunden bieten. Die Risiken liegen dort, wo die Daten missbräuchlich gegen den Kunden verwendet werden.

 

Wie wird sich unsere Gesellschaft durch die zunehmende Digitalisierung verändern?

Alles, was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert. Das bezieht sich auf die gesamte Wirtschaft, aber eben auch auf die Gesellschaft, weil insbesondere die Kommunikation einem digitalen Wandel unterzogen wurde und weiter unterzogen wird. Damit werden wir uns alle in Zukunft verstärkt über die digitalen Technologien informieren, austauschen und tätig werden.

 

Die Technikaffinität eines Menschen sinkt gewöhnlich mit zunehmendem Alter. Wie stehen Ihres Erachtens die Chancen für eine zunehmende Digitalisierung des täglichen Lebens angesichts der immer älter werdenden Bevölkerung in Deutschland? Ist Digitalisierung nur etwas für junge Menschen?

Gerade die neueren Entwicklungen rund um die Sprachsteuerung der digitalen Welt in Verbindung mit einfachen Displays machen es auch älteren Menschen
zunehmend einfacher, an der digitalen Welt teilzuhaben. Wenn es im Zuge der Steuerung ausreicht, meine Stimme zu nutzen, dann entfällt die zum Teil komplizierte Eingabe über reale oder virtuelle Tastaturen.

 

Kontrovers diskutiert werden die Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Schafft oder vernichtet die Digitalisierung Ihres Erachtens Arbeitsplätze?

Beides! Die Prognosen sagen, dass wir genauso viele neue Arbeitsplätze durch die Digitalisierung schaffen, wie wir auf der anderen Seite aber auch durch die Automatisierung und Systeme der künstlichen Intelligenz vernichten werden. Das Problem ist aber, dass die betroffenen Menschen nicht so einfach kompatibel zwischen diesen beiden Szenarien austauschbar sind. Ein Lkw-Fahrer, der in Zukunft vielleicht nicht mehr gebraucht wird, weil die Fracht autonom von A nach B gebracht wird, kann nicht einfach zum hippen Coder umgeschult werden. Gleichzeitig werden zahlreiche neue Berufe entstehen wie der Data-Analyst, der Content-Manager oder der Software-Engineer.

 

Manch einem gilt Deutschland als digitale Diaspora. Wo liegen Ihres Erachtens die Gründe dafür, dass deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich abgeschlagen im hinteren Mittelfeld rangieren? Wie schätzen Sie die Aufholchancen im digitalen Wettbewerb ein?

Die Liste an digitalen Versäumnissen in Deutschland ist lang. Angefangen von der digitalen Infrastruktur über die digitale Aus- und Weiterbildung bis hin zur Bereitschaft unserer Unternehmen, auch zu digitalen Weltmarktführern zu werden. Vor diesem Hintergrund haben wir ja bekanntlich die erste Halbzeit im B2C-Bereich verloren, also bei den Kommunikations- und Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen und Privatpersonen. Die Hoffnung liegt nun auf der zweiten Halbzeit, wo wir über die starke Industrie und den führenden Mittelstand weltweit noch den Zugang zu den Märkten haben. Diese müssen nun digital transformiert werden, damit wir nicht auch in diesem Bereich den Anschluss verpassen.

 

Wie gut sind die etablierten Unternehmen aufgestellt, ihre bisherigen Geschäftsmodelle zu digitalisieren? Gibt es bereits Beispiele für gelungene Transformationen?

Da zeigt sich ein sehr ambivalentes Bild, denn auf der einen Seite haben wir gute Beispiele von Unternehmen, die die Zeichen der Zeit im Hinblick auf die Digitalisierung erkannt haben. Ich würde hier Klöckner, Bosch und Vorwerk als Vorreiter nennen. Auf der anderen Seite zeigen aber Studien, dass mehr als die Hälfte der mittelständischen Unternehmen noch überhaupt keine digitale Strategie haben. Es fehlt also noch die breite digitale Bewegung in der Wirtschaft, die unsere Industrienation auch zu einer Digitalnation macht.

 

Die Blockchain ist derzeit in aller Munde. Wie wird diese Technologie unseren Alltag künftig verändern?

Diese Technologie wird als sogenannte Grundlagentechnologie zu einem echten Game-Changer werden, da sie die Information, Kommunikation und Transaktion im Netz neu ordnen und ohne zentralen Vermittler organisieren kann. Wenn aber zentrale Instanzen nicht mehr gebraucht werden, weil alle Daten und auch Zahlungen über die Blockchain und mithilfe von virtuellen Währungen oder Smart-Contracts zwischen den einzelnen Akteuren direkt ausgetauscht werden, dann müssen sich die heutigen Intermediäre fragen, welche Rolle sie in Zukunft noch einnehmen können. Die Antwort darauf sollten sie für sich schnell finden!

 

Seit Ende Mai hält die neue Datenschutz-Grundverordnung in Europa tätige Unternehmen auf
Trab – wie gravierend dürfte sich die DSGVO auf digitale Geschäftsmodelle auswirken?

Daten sind die Grundlage der digitalen Wirtschaft, und der Datenschutz und die Datensicherheit sind berechtigte Anforderungen für die digitale Zukunft. Nur: Eine zu radikale Beschneidung und zu restriktive Regulierung des Datenflusses könnten die Chancen und Möglichkeiten rund um digitale Geschäftsmodelle beeinträchtigen. Und das eben nicht nur für Facebook & Co., sondern auch für unsere eigenen Online-Angebote. Deswegen stelle ich mir die allgemeinen Fragen: Ist das DSGVO-Gebot der Datenvermeidung, Datensparsamkeit und Transparenz vor allem im ersten und zweiten Punkt wirklich die richtige Antwort auf das digitale Zeitalter? Wie wollen wir mit Systemen der künstlichen Intelligenz oder Blockchain-Anwendungen auch aus Deutschland heraus weltweit punkten, wenn uns hier solche digitalen Handschellen angelegt werden? Dabei kann es auch für den Kunden nicht von Interesse sein, wenn er im E-Health-Bereich eine Empfehlung oder Anwendung vorgeschlagen bekommt, die eben nicht auf möglichst vielen Daten beruht. Die Ergebnisse dieser Beeinträchtigung werden wir neben der kurzfristigen Diskussion rund um Abmahnungen von mangelhaften Datenschutzerklärungen erst in einer langfristigen Entwicklung der gesamten digitalen Wirtschaft in Deutschland und Europa einschätzen können.

Prof. Dr. Tobias Kollmann ist Inhaber des Lehrstuhls für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen. Seit 1996 befasst er sich mit wissenschaftlichen Fragen rund um die Themen Internet, E-Business und E-Commerce. 2013 übernahm er den Vorsitz des Beirats „Junge Digitale Wirtschaft“ im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Zusammen mit Dr. Holger Schmidt, dem ehemaligen Internet-Chefkorrespondenten des Magazins FOCUS, publizierte er 2016 den Bestseller „Deutschland 4.0“. Prof. Kollmann ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de und veröffentlicht dort regelmäßig eine Onlinekolumne.

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Stand: Juli 2018