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Eine Werbemitteilung der Metzler Asset Management GmbH - 27.8.2018 - Edgar-Walk

Brexit: Stolperstein ist die irische Grenze


Eigentlich könnte der Brexit so einfach sein: Großbritannien verlässt die EU im März 2019 und verhandelt anschließend in einer Übergangsphase ein Freihandelsabkommen à la Kanada. Zudem könnte die EU Großbritannien den Zugang zu europäischen Institutionen wie dem Patentamt etc. gewährleisten – gegen Zahlung natürlich. Der luxemburgische Premierminister Xavier Bettel beschrieb die britische Verhandlungsstrategie denn auch treffend: „Before, they (the British) were in with a lot of opt-outs; now they are out and want a lot of opt-ins.”

Freihandelsabkommen wie im „Kanada-Modell“ nicht möglich

Der Knackpunkt ist jedoch die irische Grenze. In dem „Kanada-Modell“ ist es nicht möglich, die Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland offenzuhalten – für die notwendigen Personen- und Zollkontrollen müsste sie geschlossen werden. Vorschläge für ein „Kanada-Modell“ mit offener Grenze gab es durchaus, zum Beispiel eine automatische Zollabfertigung noch in der Fabrik. Diese Vorschläge liefen bisher aber ins Nichts, da die notwendige Technologie zur Umsetzung noch nicht existiert oder die Anforderungen hierfür die Bürokratie sprengen würden. Daher gibt es nur eine Entweder-oder-Lösung: einen harten Brexit oder einen sehr „weichen“ Brexit, also einen De-facto-Verbleib in der EU.

In Großbritannien sind Politik und Bevölkerung derzeit gespalten. Die zuletzt veröffentlichten Umfragen zeigen, dass nach wie vor etwa die Hälfte der Bevölkerung für den Brexit ist, die andere Hälfte dagegen. Die Zeit spielt jedoch den Befürwortern eines harten Brexit in die Hände, die zudem Oberwasser zu haben scheinen. Unterstützung erhielten sie unter anderem vom Boulevardblatt „The Sun“: Ein harter Brexit – so die Zeitung – träfe die EU viel härter als das Vereinigte Königreich. Auch würde nur ein harter Brexit der britischen Regierung ermöglichen, eigene Handelsabkommen zu schließen, damit Großbritannien eine ähnliche Erfolgsgeschichte wie Singapur werden könne.

Befürchtete Rezession nach Brexit-Referendum blieb aus

Die Befürworter eines harten Brexit bezeichnen Studien wie die des Internationalen Währungsfonds (IWF) als „Project Fear“. Der IWF kam im August dieses Jahres zu dem Ergebnis, dass ein harter Brexit das britische BIP bis 2030 um 4 % reduzieren würde, das EU-BIP nur um 1,5 %. Mit „Project Fear“ wird die Tatsache bezeichnet, dass die von vielen Brexit-Gegnern prognostizierte schwere Rezession nach dem Brexit-Referendum im Juni 2016 ausblieb. In der Tat schwächte sich das Wirtschaftswachstum seit dem Referendum nur minimal ab, und das Bruttoinlandsprodukt fiel nur geringfügig unter den seit 2009 intakten Aufwärtstrend. Gleichzeitig sank die Arbeitslosenquote im Juni 2018 auf nur 4,0 %, den niedrigsten Stand seit März 1975. Offensichtlich nahm die britische Wirtschaft bisher keinen nennenswerten Schaden.

Brexit-Referendum hat bisher kaum negative Effekte auf das Wirtschaftswachstum in Großbritannien

Reales Bruttoinlandsprodukt in Billionen GBP, Jahresrate

Quellen: Thomson Reuters Datastream, Metzler; Stand: 30.6.2018

Prognose einer schweren Rezession basierte damals auf dem hohen Leistungsbilanzdefizit von mehr als 6 % des BIP. Damit war Großbritannien erheblich auf ausländische Kredite angewiesen, um den Importüberschuss des Landes zu finanzieren. Ausländische Investoren waren jedoch auch nach dem Brexit-Referendum zur Finanzierung des Leistungsbilanzdefizits bereit, sodass ein größerer Inflations- und Zinsschock ausblieb. Da das Leistungsbilanzdefizit Großbritanniens immer noch bei etwa 4 % des BIP liegt, kann es nach einem harten Brexit nach wie vor zu der befürchteten Rezession kommen – zumal der Handel aufgrund der fehlenden Zollabfertigungsanlangen für einige Zeit zum Erliegen kommen dürfte. Für einen Außenstehenden ist der Optimismus der Brexit-Befürworter daher nur schwer nachzuvollziehen.

Die Brexit-Befürworter scheinen unverändert zu glauben, dass die EU in letzter Sekunde einlenken und weitreichende Zugeständnisse machen wird, um einen harten Brexit zu verhindern. Die EU kann jedoch nicht einlenken, denn es steht zu befürchten, dass dann auch die populistische Regierung in Italien mit einem EU-Austritt liebäugelt. Jedes Zugeständnis der EU an Großbritannien könnte einen EU-Austritt Italiens wahrscheinlicher machen.

Vier Szenarien für einen möglichen Brexit

  • Die EU und Großbritannien einigen sich rechtzeitig auf einen Austrittsvertrag. Damit wäre die Basis für eine Übergangsphase geschaffen. Der Status quo würde beibehalten, bis eine Einigung für einen weichen Brexit erzielt werden kann (Wahrscheinlichkeit aus unserer Sicht: 50 %).
     
  • Die derzeitige britische Regierung scheitert. Es gibt Neuwahlen, bei denen die Labour-Partei gewinnt. Die Folge wäre, dass es zu gar keinem oder zu einem sehr weichen Brexit kommt (Wahrscheinlichkeit: 10 %).
     
  • Die Regierung scheitert, und die Brexit-Hardliner innerhalb der Tory-Partei kommen an die Macht (Wahrscheinlichkeit: 10 %). Ein harter Brexit wäre die Folge.
     
  • Es kommt zu einem ungewollten harten Brexit aufgrund einer fehlenden rechtzeitigen Einigung (Wahrscheinlichkeit: 30 %).

Ein weicher Brexit hätte positive Auswirkungen auf den Wechselkurs des britischen Pfunds und wahrscheinlich auch auf den des Euro. Auch würde er den britischen und europäischen Aktienmarkt beflügeln, da die Finanzmarktakteure eine geringere Risikoprämie einpreisen müssten.

Ein harter Brexit wäre ein exogener Wachstumsschock, der sich auf die Währungen und Aktienmärkte in beiden Wirtschaftsräumen mit hoher Wahrscheinlichkeit negativ auswirken würde. Sichere Staatsanleihen wären gesucht, da die Zentralbanken mit Zinssenkungen und QE-Programmen darauf reagieren würden.
 

Edgar Walk, Chefvolkswirt Metzler Asset Management GmbH
Edgar Walk

Chefvolkswirt , Metzler Asset Management

Edgar Walk arbeitet seit 2000 bei Metzler. Als Chefvolkswirt im Bereich Asset Management ist er für die volkswirtschaftlichen Prognosen verantwortlich. Aufgrund seiner engen Zusammenarbeit mit dem Portfoliomanagement liegt sein Fokus neben der volkswirtschaftlichen Analyse verstärkt auf Kapitalmarktthemen. Vor seiner Anstellung bei Metzler studierte Herr Walk in Tübingen Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Regionalstudien Ostasien und Japan. Zur Vertiefung seiner Studien verbrachte er ein Auslandssemester an der Doshisha-Universität in Kyoto (Japan). Am Institut für Weltwirtschaft in Kiel absolvierte er anschließend den Aufbaustudiengang „Advanced Studies in International Economic Policy Research“.