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Gastbeitrag zur Serie „Anlagethema im Brennpunkt“ (12) - 13.4.2018

Von intelligenten Maschinen und Menschen

 

Gastbeitrag zur Serie: Anlagethema im Brennpunkt (12)

Börsen-Zeitung, 13.4.2018

Das Thema Digitalisierung ist alles andere als neu. Die Digitalisierung begleitet uns Finanzmarktakteure schon seit Dekaden und ist im beruflichen und privaten Alltag längst auf dem Vormarsch. Und trotzdem scheint es so, als wäre das Thema nie so aktuell gewesen wie heute. Kaum eines der zahlreichen Gespräche, die wir mit Eigentümern und Vorständen von Unternehmen führen, in dem Digitalisierung derzeit keine Rolle spielt – sei es ganz direkt als zentraler Geschäftsinhalt, sei es als Mittel zum Zweck oder im schlimmsten Fall als Bedrohung des eigenen angestammten Geschäfts. Und wer glaubt, am spannendsten hätte sich die Digitalisierung in den letzten zehn Jahren entwickelt, der unterschätzt die kommenden Jahre gewaltig.

Mit dem „Internet of Things“ (IoT) hält die Digitalisierung jetzt auch Einzug in die klassische Industrie – einer Branche, die in Sachen Internet bislang eher unverdächtig schien. Begriffe wie vernetzte Produktion und „Predictive Maintenance“ gehen mittlerweile fast jedem Vorstand flüssig von den Lippen. In immer mehr Bereichen übertrifft die Maschine die menschliche Effizienz, und die wertvolle (und teure) Ressource Humankapital muss sich behaupten – auch und gerade bei Anwendungen, in denen der Mensch lange Zeit unverzichtbar erschien.

Künstliche Intelligenz holt auf … und überholt

Ein anschauliches Beispiel hierfür ist Googles „AlphaGo“-Initiative. Das 3.000 Jahre alte chinesische Go ist das komplexeste Brettspiel der Welt – so komplex, dass es lange Zeit unmöglich schien, einem Computer dieses Spiel überhaupt beizubringen. Mit der unvorstellbaren Zahl von 10170 Möglichkeiten gibt es mehr Spielsteinkombinationen als Atome im bekannten Universum, sodass typisch menschliche Fähigkeiten wie Intuition und Antizipation als der einzig mögliche Weg zum Sieg galten. Bis 2015. Da nämlich schlug die Maschine erstmals einen menschlichen Champion, im Jahr darauf dann den 18-fachen Weltmeister. „AlphaGo“ lernte das Spiel aus dem Verlauf tausender von Menschen gespielter Partien.

Im Jahr 2017 ging dann die Weiterentwicklung des Programms an den Start – „AlphaGo Zero“. Diese Version übertraf alle vorigen. Sie ist zum vom Menschen nicht besiegbaren besten Go-Spieler aller Zeiten avanciert. Das Faszinierende – und vielleicht Erschreckende – daran: Diese Version hat nicht mehr von Menschen gelernt. Nur mit den grundsätzlichen Regeln programmiert, hat sie sich Go innerhalb von drei Tagen ausschließlich im Spiel gegen sich selbst beigebracht.

Digitalisierung ist Chefsache

Aber auch an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine tut sich viel. So ist es natürlich kein Zufall, wenn beispielsweise die Großhandelsaktivitäten der aufgespaltenen Metro unter dem Börsenkürzel „B2B“ notiert sind und der neue Deutschlandchef einschlägige Erfahrung aus dem Silicon Valley mitbringt. Das Ergebnis ist ein lückenlos digital gesteuerter Warenfluss vom Lager bis zum Kunden – unter Einbindung verschiedener Apps für Fahrer und Außendienstmitarbeiter. Klöckner & Co hat diese Idee für den Stahlhandel weiterentwickelt und mit Klöckner.i gleich eine eigene Digitaltochter in Berlin gegründet. Sie ist als Start-up organisiert, das die gesamte Prozesskette im Stahlhandel neu denken soll. Und mit Prof. Tobias Kollmann sitzt seit 2015 auch ein digitaler Vordenker und Lehrstuhlinhaber für E-Business und E-Entrepreneurship im Aufsichtsrat.

Längst geht es nicht mehr nur darum, bestehende Prozesse kostengünstiger zu machen. Vielmehr entwickeln sich aus der Digitalisierung neue Geschäftsfelder, die durch den Einsatz intelligenter Systeme erst möglich werden.

Metzler meets Science

Metzler Capital Markets widmet sich den großen Themen unserer Zeit im engen Austausch mit führenden Hochschulen und wissenschaftlichen Think-Tanks in Deutschland. Flankierend zum Börsengang der Siemens Medizintechniksparte Healthineers haben wir uns im Rahmen unserer Kooperation mit den Fraunhofer-Instituten in Deutschland zuletzt mit der Medizin der Zukunft beschäftigt. Die Medizin wird noch ganz überwiegend als menschliche Domäne wahrgenommen, ganz ähnlich wie bis vor kurzem das Go-Spiel. Doch die Gründe dafür, dass wir immer noch einem Menschen die Hand schütteln und keinem Roboter, sind überwiegend profan: Zu denken ist an fehlende Akzeptanz und mangelnde interdisziplinäre Vernetzung. Hürden sind zudem strikte Datenschutzvorschriften, ineffiziente Mittelallokation und das Fehlen eines zentralen Konsolidators großer Datenmengen.

Die Technologie selbst ist ganz offensichtlich keine Hürde mehr. Diesen Beweis erbrachte der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Bildgestützte Medizin in unserer Veranstaltung sehr eindrucksvoll. Das Berufsbild des Radiologen wird sich zweifelsohne ändern. Die Auswertung von Computertomographien, um das Fortschreiten eines Tumors zu beurteilen, ist eine rein graphisch-numerische Aufgabe. So wundert es nicht, dass verschiedene Mediziner bei der Beurteilung identischer Proben zu ganz unterschiedlichen histologischen Befunden kamen. In Zukunft dürfte man die Auswertung von Computertomographien vermehrt hochauflösenden Kameras in intelligenten Systemen überlassen. Durch Pixel-Subtraktion übereinandergelegter Bilder sollten sich falsch-positive oder falsch-negative Progredienz-Befunde zumindest deutlich reduzieren lassen. Und wann man das auffällige Muttermal per Iphone-Aufnahme einem selbstlernenden Analyse-Algorithmus zugänglich machen kann, statt auf den Termin beim Hautarzt zu warten, hängt wieder von den oben erwähnten, teils bürokratischen Faktoren ab. Die Technologie jedenfalls steht bereit.

Made in Germany – monetized in the US

Es ist faszinierend, wie viele Schlüsseltechnologien der Zukunft ihren akademischen Ursprung in Deutschland haben. Gleichzeitig ist es frustrierend zu sehen, wo aus diesen Technologien dann hinterher Geschäftsmodelle entstehen. Der Mastermind hinter Googles legendärer Forschungsabteilung Google X und verantwortlich für Produkte von Street View bis Google Glass ist Sebastian Thrun – ausgebildet an der Universität Bonn. Und sein Kollege aus Promotionstagen, Dieter Fox, baut gerade für Nvidia das Robotics Research Lab in Seattle auf, das schon bald Roboter auf den Markt bringen soll, die in natürlicher Weise mit dem Menschen interagieren. Viel deutsches Know-how also, das den unaufhaltsamen Aufstieg der US-Tech-Riesen befeuert. Gelänge es uns, mehr davon im Land zu halten – Investoren würden es begrüßen. Deshalb freuen wir uns auch künftig über jeden Dialog mit CEOs und CTOs, in dem Digitales zur Sprache kommt. Und wenn den Worten auch konsequent Taten folgen, dann könnte die nächste Evolutionsstufe des digitalen Wandels vielleicht auch ein deutsches Unternehmen als Champion hervorbringen.

Pascal Spano, Leiter Research Metzler Capital Markets


Börsen-Zeitung, 13.04.2018, Autor Pascal Spano, Leiter Research Metzler Capital Markets, Ausgabe 71, Seite 18