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Metzler meets Fraunhofer - 10.7.2018

Blockchain – Mythen und Wirklichkeit

Seit 2014 besteht eine stabile Partnerschaft zwischen der Fraunhofer-Gesellschaft und Metzler. Gemeinsam haben wir die Veranstaltungsreihe „Innovation mit Tradition – Metzler meets Fraunhofer“ ins Leben gerufen, bei der wir im Rahmen eines Business-Lunches ausgewählten Geschäftspartnern und Kunden von Metzler exklusive Einblicke in gesellschaftlich und wirtschaftlich bedeutsame technologische Prozesse ermöglichen.

Die Blockchain lockt mit dem Versprechen, transparent, nachvollziehbar, manipulationssicher und kostensparend zu sein. Zudem kommt sie ohne Intermediäre aus, manch einer träumt bereits von einer Zukunft mit Banken ohne Banker, Verträgen ohne Anwälte und Verwaltungen ohne Angestellte. Wo heute noch Vertrauen nötig ist – in die Bank, den Anwalt oder die Versicherung – reicht morgen vielleicht der Algorithmus einer Blockchain. Nahezu alle Branchen und Bereiche forschen heute an dieser dezentralen Datenbanktechnologie, zu deren derzeit bekanntesten Anwendungen die umstrittene und hochspekulative Kryptowährung Bitcoin zählt.

Anlässlich der Veranstaltung „Metzler meets Fraunhofer“ sprachen Prof. Wolfgang Prinz, PhD, stellvertretender Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT, und Michael Klaus, persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses Metzler und zuständig für das Kerngeschäftsfeld Capital Markets, über Mythen und Wirklichkeit der Blockchain.

Michael Klaus: Das Interesse an der Blockchain-Technologie ist über die Jahre gewachsen – sowohl in der Industrie als auch bei Privatpersonen. Viele haben schon davon gehört, aber die wenigsten haben eine genauere Vorstellung davon, wie diese Technologie funktioniert. Meine Kurzdefinition der Blockchain ist, dass sie ein dezentral geführtes Register aus Transaktionsdaten ist. Jeder neu hinzugefügte Datenblock ist von bereits bestehenden, vorhergehenden Blöcken abhängig, was eine nachträgliche Manipulation von Transaktionsdaten nahezu unmöglich macht.

Wolfgang Prinz: Genau. Die Blockchain ist eine Technologie, mit der sich Transaktionen in einem Netzwerk von bekannten oder unbekannten Partnern sicher, unverfälschbar und nachvollziehbar verwalten lassen.

Michael Klaus: Beinahe bekannter noch als die Blockchain ist ja die Kryptowährung Bitcoin, die auf dieser Technologie basiert.

Wolfgang Prinz: Darauf sollte die Technologie meines Erachtens nicht reduziert werden, diese Verbindung wird noch zu oft betont. Ich bin aber sicher, dass viele mittlerweile das Potenzial der Blockchain jenseits von Kryptowährungen erkannt haben.

Michael Klaus: Und die Volatilität des Bitcoin-Preises gerade der vergangenen zwei Jahre dürfte jedem vor Augen geführt haben, dass Bitcoin zum heutigen Stand ein Spekulationsgut ist und keine verlässliche „Währung“, auch wenn hier von „Kryptowährungen“ gesprochen wird. Zudem denke ich, dass ein Grundverständnis dieser oft noch für undurchsichtig erachteten Blockchain helfen würde, diese Technologie zu akzeptieren und zu erkennen, welcher Mehrwert dahinter zum Tragen kommen kann.

Wolfgang Prinz: Die Blockchain-Technologie ist vielfältig einsetzbar. Zum Beispiel lassen sich einfache Prozesse automatisieren, wenn die Blockchain mit sogenannten Smart Contracts kombiniert wird. Beispiele dafür sind die Verwaltung von Ausbildungsnachweisen mit Verfallsdatum, die von einem Smart Contract überwacht werden, oder einfache Versicherungen, die unter bestimmten Bedingungen in Kraft treten. Zum Beispiel, wenn ein Flug Verspätung hat oder ausfällt. Oder wenn im Rahmen des Internets der Dinge ein Gerät ausfällt – beispielsweise öffnet sich eine Tür nur dann, wenn der Nutzer vorher dafür bezahlt hat. Der Aufbau dezentraler autonomer Organisationen wäre ebenfalls möglich. Zu solchen Anwendungen zählen sich selbst verwaltende Container in einem Supply-Chain-Netzwerk. Ich sehe jedenfalls das größte Potenzial dieser Technologie in der Möglichkeit, Transaktionen und Prozesse in Netzwerken zu organisieren, ohne dass eine zentrale Plattform nötig ist.

Michael Klaus: Ja, denn gerade die Standardprozesse sind aus heutiger Sicht noch relativ ineffizient. Die Blockchain könnte beispielsweise in großen Verwaltungsapparaten langwierige Prozesse verbessern oder gar automatisieren. Mit Blick auf die aktuelle Forschung gehe ich davon aus, dass es künftig zahlreiche Blockchain-Anwendungen geben wird – auch außerhalb der Finanzbranche.

Wolfgang Prinz: Interessanterweise ist die Blockchain keine an sich neue Technologie, sondern eine sehr interessante Verbindung von bekannten und stellenweise auch schon lange bekannten Technologien aus den Bereichen der Kryptografie oder verteilter Systeme. Es gibt in Deutschland zahlreiche Start-ups zu dem Thema, und auch die Forschung nimmt sich des Themas vermehrt an. Das Rennen um die Marktführerschaft ist noch offen.

Michael Klaus: Ich sehe Deutschland im Grunde bei Forschung und Entwicklung sehr gut aufgestellt, was neue Technologien anbelangt. Jedoch lässt sich feststellen, dass die Vermarktung der Forschungsergebnisse im angelsächsischen Raum erfolgreicher verläuft. Das ist beispielsweise auch auf den Gebieten der künstlichen Intelligenz und Elektromotoren so. Hier können wir noch aufholen. Das Problem von Start-ups ist oft das fehlende Kapital. Erfolgversprechende Start-ups nutzen zunehmend sogenannte Initial Coin Offerings (ICOs) als alternative Risikokapitalquelle.

Wolfgang Prinz: Hier scheint noch sehr viel Wildwest-Mentalität zu herrschen. Meines Erachtens wird sich noch zeigen müssen, wie nachhaltig dieser Ansatz ist. Wenn man es schafft, diesen Markt zu regulieren, dann würden sicher auch Käufer jenseits mutiger Spekulanten angesprochen werden.

Michael Klaus: Den Kapitalgebern muss darüber hinaus auch bewusst sein, dass sie anders als bei Aktienneuemissionen keinen Anteil an den zukünftigen Gewinnen des Unternehmens erwerben. ICOs richten sich noch hauptsächlich an private Investoren und erfüllen aufgrund fehlender Regulatorik nur äußerst niedrige Transparenzstandards. Sie werden demzufolge kritisch beobachtet; in China sind sie sogar verboten. Trotz all dieser Hürden sehen wir für die Zukunft durchaus Potenzial für ICOs.

Wolfgang Prinz: Wie sieht es mit Regulierungen im Markt für Kryptowährungen aus? Diese wären sicherlich auch dringend erforderlich.

Michael Klaus: Ja, Regulierungen sind nötig, um Kryptowährungen für den Verbraucher sicherzumachen. Interessant hierbei ist meines Erachtens der Aspekt, wie sich der Grundgedanke von Bitcoin als dezentral organisierter und unregulierter Währung mit der Realwirtschaft vereinbaren lässt. Es besteht ein Konflikt zwischen einem theoretischen Ideal und der praktischen Handhabbarkeit. Die gegenwärtigen Bemühungen um die Zulassung herkömmlicher Finanzderivate auf Bitcoin lassen sich auch so interpretieren, dass genau diese Frage an die Aufsichtsbehörden weitergeleitet wird. Zu einem funktionierenden Markt gehört meines Erachtens ein Mindestmaß an Transparenz, wodurch die Anonymität bei Bitcoin-Transaktionen zu einem großen Teil verlorenginge.

Wolfgang Prinz: Ein weiterer Aspekt, der gerade mit Bitcoin zunehmend diskutiert wird, ist der immens hohe Energieverbrauch, der bei den öffentlichen Blockchains wie Ethereum oder Bitcoin entsteht.

Michael Klaus: Worin begründet sich der hohe Energieverbrauch? Und gibt es bereits Lösungen, wie er sich drosseln lässt?

Wolfgang Prinz: Der in einem offenen Netzwerk mit unbekannten Partnern verwendete Konsensmechanismus (Proof of Work) basiert auf der Lösung eines Kryptorätsels. Dieses Rätsel versuchen viele Rechner parallel zu lösen, darin liegt der Energieaufwand begründet. Aber Lösungen ohne hohen Energieverbrauch sind jetzt schon verfügbar, wenn man die Blockchain in einer abgeschlossenen Umgebung einsetzt, zum Beispiel in einem Konsortium, weil sich dann Verfahren wie Proof of Stake oder im einfachsten Fall explizite Validierungsknoten nutzen lassen, die den Rechenaufwand minimieren.

Michael Klaus: Mit der Blockchain ist für einige eine Welt mit Banken ohne Banker oder Verträgen ohne Anwälte bereits beschlossene Sache. Wir sehen die Entwicklung aber nicht ganz so eindeutig. Es ist aber durchaus sehr wahrscheinlich, dass durch die Blockchain ebenso wie durch die künstliche Intelligenz in Zukunft viele standardisierte Prozesse hochautomatisiert verlaufen werden. Das ist auf der anderen Seite eine große Chance, da zum Beispiel der Anwalt oder Bankberater weniger Zeit für die Abwicklung administrativer Prozesse aufbringen muss. Das Ergebnis wäre mehr Zeit für die profunde Beratung der Kunden. Wie schätzen Sie genanntes Zukunftsszenario ein?

Wolfgang Prinz: Es wird sicher noch eine Reihe von Veränderungen geben. Aktuell finden diese aber noch in der Optimierung von Backoffice-Prozessen statt. Organisationen werden dadurch effizienter, und neue Geschäftsmodelle lassen sich erschließen. Eine komplette Ablösung der Banker oder Anwälte wird meines Erachtens kurzfristig nicht eintreten.

Michael Klaus: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Professor Prinz.


 

Prof. Wolfgang Prinz, PhD, stellvertretender Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

Prof. Wolfgang Prinz, PhD, studierte Informatik an der Universität Bonn und promovierte an der Universität Nottingham. Seit 2001 ist er Professor an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und leitet als stellvertretender Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT den Forschungsbereich Kooperationssysteme. Dort werden Projekte für die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung durch den Einsatz von Kooperationsplattformen, Mixed Reality und flexiblen Kommunikationsinfrastrukturen realisiert und Lösungen für die Anwendungsbereiche Mobilität und Digitale Energie entwickelt. Im Rahmen des Blockchain-Labs von Fraunhofer FIT beschäftigt sich Herr Prinz mit den technischen Grundlagen der Blockchain sowie der Entwicklung und Analyse von Blockchain-basierten Anwendungen. Wolfgang Prinz organisierte internationale Konferenzen, er ist Editor von wissenschaftlichen Zeitschriften und Koordinator nationaler und internationaler Forschungsprojekte.

Michael Klaus, persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses Metzler und zuständig für das Kerngeschäftsfeld Capital Markets

Michael Klaus ist seit 1991 in verschiedenen Funktionen für das Bankhaus B. Metzler seel. Sohn & Co. KGaA tätig. Seit 2005 ist er Mitglied des Partnerkreises B. Metzler seel. Sohn & Co. Holding AG. 2012 wurde er in den Vorstand der B. Metzler seel. Sohn & Co. Holding AG und in den Kreis der persönlich haftenden Gesellschafter des Bankhauses Metzler aufgenommen. Neben dem Geschäftsfeld Capital Markets leitet er auch das Treasury Komitee und ist Geschäftsführer der Metzler Securities GmbH. Darüber hinaus ist er zuständig für das Personalwesen, die Unternehmenskommunikation und verantwortet das nordamerikanische Immobiliengeschäft. Vor seiner Tätigkeit bei Metzler war Herr Klaus bei der Salomon Brothers AG in Frankfurt am Main, London und New York in verschiedenen Funktionen beschäftigt. Herr Klaus absolvierte eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank AG in Frankfurt am Main. Im Anschluss daran studierte er Betriebswirtschaftslehre an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.