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Metzler meets Fraunhofer - 8.1.2020

Über die Widersprüche der Arbeitswelt 4.0

Vielfach ist von der vierten industriellen Revolution die Rede, die zahlreiche Arbeitsplätze wegdigitalisiert, ganze Berufsbilder verschwinden lässt und zu einem umfassenden Strukturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft führen wird. Alles scheint in Bewegung – genau wie der digitale Arbeitsplatz, der nicht mehr an feste Orte und Zeiten gebunden ist: Egal ob Büro, Zug oder Homeoffice – Laptop und Smartphone sind immer betriebsbereit. Arbeit 4.0 und New Work scheinen also fast immer und überall möglich zu sein, mit all den damit einhergehenden Vor- und Nachteilen.

Über die Widersprüche der Arbeitswelt 4.0 sprachen Dr. Stefan Rief, Institutsdirektor und Leiter des Forschungsbereichs Organisationsentwicklung und Arbeitsgestaltung am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), und Michael Klaus, persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses Metzler und zuständig für den Personalbereich.

Klaus: Herr Dr. Rief, das Arbeiten 4.0 ist in aller Munde – wie lässt sich der Begriff definieren? Und worin unterscheidet er sich im Hinblick auf „New Work“?

Rief: Arbeiten 4.0 ist der umfassendere Begriff, der auch die Elemente von New Work beinhaltet. Vereinfacht geht es bei New Work darum, Arbeit gut, das heißt sinnhaft, motivierend und nachhaltig zu gestalten – auch unter Nutzung der Möglichkeiten digitaler Technologien und Werkzeuge. Arbeit 4.0 schließt diese Aspekte idealerweise ein, befasst sich aber auch mit den quantitativen und qualitativen Veränderungen von Arbeitsinhalten, Tätigkeiten sowie einem veränderten Kompetenzbedarf infolge digitaler Technologien wie Plattformen oder der künstlichen Intelligenz.

Klaus: Wenn ich einen zentralen Unterschied zwischen der neuen und alten Arbeitswelt benennen müsste, dann sind das für mich die Effizienzsteigerungen durch den Einsatz moderner Kommunikationsmittel und -technologien.

Rief: Für mich ist es auch die atemraubende Geschwindigkeit der Veränderung. Am höchsten ist sie bei Technologien – vorangetrieben durch die Digitalisierung. Gefolgt von den hieraus resultierenden Veränderungen in Geschäftsmodellen, Produkten und Dienstleistungen beispielsweise in der Medizin oder bei der Mobilität. Und am Ende verändert dies unser Leben und unsere Gesellschaft – man denke nur an das Aufkommen und die Wirkung sozialer Medien.

Klaus: Die neuen Technologien machen es möglich, dass Ingenieure in ihren jeweiligen verschiedenen Zeitzonen quasi rund um die Uhr an einem Projekt arbeiten – ein unglaublicher Effizienzgewinn. Allerdings werden durch eine immer weitergehende „Verrechtlichung“ unserer Arbeitswelt und eine überbordende Regulierung solche Effizienzgewinne wieder teilweise vernichtet. Viele unserer Arbeitsgesetze sind in einer Zeit entstanden, als harte körperliche, oftmals gefährliche Arbeiten das Gros der Tätigkeiten ausmachten.  Dort waren sie auch sinnvoll. Wer acht Stunden unter Tage im Kohlebergbau arbeitete, der brauchte eine elfstündige, ununterbrochene Ruhepause. Ein angestellter Anwalt hingegen, der kurz vor Mitternacht noch eine E-Mail seines Mandanten liest, sollte vor 11 Uhr am nächsten Morgen seine Arbeit wieder aufnehmen dürfen, ohne gegen das Arbeitszeitgesetz zu verstoßen.

Rief: Die mit New Work verbundenen Freiheiten bei der Wahl von Arbeitszeit und Arbeitsort werden insbesondere hochqualifizierte Talente mit stark nachgefragten Qualifikationen noch intensiver nutzen. Auf der Ebene von Organisationen werden wir noch viel, viel mehr in agilen Projektteams und in organisationsübergreifenden Ökosystemen arbeiten.

Klaus: Die Kehrseite davon ist allerdings das Phänomen einer zunehmenden Entgrenzung von Arbeits- und Privatleben. Ständige Verfügbarkeit per Smartphone, das Gefühl, nie wirklich abschalten zu können bis hin zum Stadium der Selbstausbeutung mit entsprechenden Folgen für Physis und Psyche dürften die größten Gefahren für die Generation der „Digital Natives“ sein. Dass wir allerdings den „Burn-out“ – die „Staublunge“ des Digitalzeitalters – mit einer Arbeitszeiterfassung à la EuGH wirksam eindämmen können, sehe ich eher skeptisch. Hier wird vielmehr der Fürsorgepflicht von Führungskräften eine bedeutendere Rolle zukommen.

Rief: Ich würde mir zudem wünschen, dass wir die Möglichkeiten von New Work nicht nur für Vereinbarkeit von Arbeit und Freizeit, sondern auch für unsere Weiterqualifikation und ein wirklich lebenslanges Lernen nutzen werden, dass wir unsere Lernfähigkeit und Neugierde an neuen Themen, Technologien und Kooperationen neu entdecken bzw. erhalten.

Klaus: Die Digitalisierung wird ganz sicher sehr viele bislang nicht existente Arbeitsplätze, aber auch Studien- und Ausbildungsgänge neu erschaffen – ich denke da zum Beispiel an den neuen Studiengang „Data Science“ der Uni Mannheim. Mit zunehmender Automatisierung manueller Tätigkeiten und dem Einsatz von „künstlicher Intelligenz“ befürchte ich aber per saldo eher einen Rückgang von Arbeitsplätzen.

Rief: Einige Untersuchungen zur Arbeitsplatzentwicklung vor dem Hintergrund der Digitalisierung gehen von einer ausgeglichenen Bilanz, andere von einem Verlust aus. Hier eine abschließende Aussage zu treffen, ist noch zu früh. Sicher ist aber, dass sich die Aufgaben und Tätigkeiten innerhalb der einzelnen Berufe teilweise radikal verändern werden und wir einem erheblichen Weiterqualifikationsbedarf gegenüberstehen. Wir müssen die Rolle des Gestalters annehmen, um erfolgreich zu bleiben.

Klaus: Die größten Veränderungen sehe ich in den Branchen, in denen der Einfluss menschlicher Kreativität eher gering ist, kurz dort, wo wir es mit relativ klar zu beschreibenden, repetitiven und monotonen Aufgaben zu tun haben.

Rief: In den mittleren Qualifikationsniveaus wird die Veränderung am deutlichsten zu spüren sein. Aber auch Jobs, in denen das Verarbeiten von Informationen und die Analyse und Aufbereitung von Daten einen hohen Anteil ausmachen, werden sich stark verändern. Hier unterstützen selbstlernende Systeme zum Beispiel beim Erkennen und Darstellen von Zusammenhängen.

Klaus: Zunehmend sind auch die sogenannten „White Collar“-Jobs davon betroffen.

Rief: Routinen in der Büroarbeit lassen sich in Kürze und umfassend automatisieren – sie verschwinden sozusagen in der Maschine. Je höher allerdings der Anteil an wirklicher Wissensarbeit ist – also analytisch-konzeptioneller Arbeit – umso weniger werden diese Tätigkeiten umfassend ersetzt. Sie werden vielmehr durch digitale Werkzeuge ergänzt.

Klaus: Derzeit ist agiles Arbeiten „in“. Doch vor allem bei spezifischen Tätigkeiten, wo es darauf ankommt, hochspezialisierte und mit klaren Verantwortlichkeiten abgegrenzte Kapazitäten passgenau und „in-time“ zur Verfügung zu stellen und genau zu koordinieren, werden agile Methoden auf absehbare Zeit meines Erachtens nicht möglich sein. Mit anderen Worten: Überall dort, wo stark prozess-orientierte Arbeitsmethoden hochpräzise Ergebnisse mit geringstmöglicher Fehlertoleranz liefern müssen, sind der Agilität Grenzen gesetzt. Wo liegen Ihres Erachtens die Grenzen des agilen Arbeitens?

Rief: Im Hinblick auf Branchen sehe ich per se keine Grenzen, agile Arbeitsweisen anzuwenden. Denn im Prinzip bedeutet es ja, dass Mitarbeitende deutlich mehr Verantwortung für ihre Entscheidungen übernehmen und auch übernehmen dürfen, dass Entwicklungen und Arbeitsstände transparent und für alle sichtbar gemacht werden und dass durch die Entscheidungskompetenz von Teams schneller auf Veränderungen der Umweltbedingungen vor Ort reagiert werden kann. Zudem sind Iterationen Teil der Methode. Die Grenzen sehe ich eher in der Persönlichkeit: Nicht alle Mitarbeiter wollen oder können eine solche Verantwortung übernehmen.

Klaus: Die Babyboomer gehen in Rente, junge Nachwuchskräfte sind wählerisch und Mangelware. Der Arbeitsmarkt kehrt sich um, und Unternehmen müssen sich bei potenziellen Mitarbeitern bewerben. Gleichzeitig finden qualifizierte Fachkräfte über 50 nur schwer einen neuen Job. Ein Widerspruch?

Rief: Ja, das ist ein Widerspruch, der sogar durch die Verlängerung der Lebensarbeitszeit noch verstärkt wird. Dieser Widerspruch wird sich aber bei Arbeitskräften mit gefragten Qualifikationen bald auflösen. Beispielsweise gibt es nicht genügend junge Datenwissenschaftler – zugegeben auch nicht unbedingt ältere – aber hier setzt auch das Erfordernis der Neu- und Weiterqualifikationen an. Unternehmen, die diesen Widerspruch in ihrer Personalpolitik und -entwicklung früher lösen als andere, werden auch früher von Fachkräften in ihrem Business profitieren.

Klaus: Bereiten Schulen, Universitäten und Ausbildungsbetriebe die kommende Generation der Arbeitsnehmer ausreichend auf den rasanten Wandel der Arbeitswelt vor?

Rief: Ja und nein. Hier besteht natürlich immer Optimierungsbedarf, aber ich denke vielmehr, dass wir nicht nur auf die heutigen Schüler, Auszubildenden und Studierenden warten können. Wir müssen uns auch mehr und intensiver um die bereits Mitarbeitenden kümmern und ihnen die Möglichkeit bieten, sich zu qualifizieren. Hier lassen sich eventuell auch noch mehr die Möglichkeiten von New Work genutzen: Warum nicht einen Tag pro Woche für Qualifikation verwenden, warum nicht ein Sabbatical häufiger mit Lernen verknüpfen und dies finanziell oder steuerlich noch weiter fördern? In einer OECD-Studie wird von einem erheblichen Anteil an Re- und Weiterqualifizierungsmaßnahmen ausgegangen, die mehrere Monate und über ein Jahr beanspruchen. In manchen erfolgreichen Organisationen gibt es ja den Arbeitszeitanteil für Innovationen, vielleicht müssen wir auch über solche Anteile für das Lernen nachdenken.

Klaus: In einer digitalisierten Arbeitswelt ist die Kreativität eine zentrale Eigenschaft: Erfindungsgeist, künstlerisches Schaffen, die Fähigkeit, Überraschendes und völlig Neues zu tun und zu denken, sind nach meiner Einschätzung jene Bastionen, die der unerbittlichen Konkurrenz der „AI“ vermutlich am längsten widerstehen können. Vor allem, wenn sich diese Bastionen dabei die Möglichkeiten der „künstlichen Intelligenz“ konstruktiv zunutze machen.

Rief: Neugierde, Experimentierfreude, Lernbereitschaft, Kommunikationsfähigkeit, aber eben ganz sicher auch Technologieverständnis und -kompetenz – also Fachwissen – sind Kernkompetenzen.

Klaus: Im Digitalzeitalter könnte sich Programmieren, zumindest aber der virtuose Umgang mit digitaler Technologie zu einer Kulturtechnik entwickeln, ohne deren Beherrschung es schwer vorstellbar ist, einen anspruchsvollen Job zu bekommen. Ähnlich dem Lesen und Schreiben zu Beginn der Neuzeit. Was nun die Rolle der Frauen in der Wirtschaft des digitalen Zeitalters angeht, sehe ich die Gefahr, dass wir die ohnehin bescheidenen Erfolge bei der Besetzung von Führungspositionen wieder zu verlieren drohen, wenn sich an der Unterrepräsentierung junger Frauen in den MINT-Fächern nichts Grundlegendes ändert. 

Rief: Ja, es ist sehr schade, dass in den MINT-Berufen Frauen unterrepräsentiert sind. Hier ist es sicherlich wichtig, dass Hochschulen und Universitäten noch mehr darauf achten, wie Studiengänge adressiert werden und wie sich diese für junge Frauen attraktiver gestalten lassen, aber ganz besonders wichtig sind auch neue Rollenbilder und vor allem Vorbilder in der Wirtschaft. Es gibt ja zum Glück immer mehr erfolgreiche Frauen wie etwa Anja Hendel, die Leiterin des Porsche Digital Lab, Jennifer Morgan als Co-CEO des Technologiekonzerns SAP oder Aya Jaff, die sich das Programmieren selbst beigebracht und die Codesign Factory gegründet hat. Sie ist mit nur 21 Jahren zum weiblichen Star der deutschen Tech-Branche avanciert.

Klaus: Herr Dr. Rief, ich danke für das Gespräch.

Metzler meets Fraunhofer – Neue Arbeitswelten

Dr. Stefan Rief studierte Architektur- und Stadtplanung an der Universität in Stuttgart. Am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO leitet Herr Rief den Forschungsbereich Organisationsentwicklung und Arbeitsgestaltung.

Metzler meets Fraunhofer – Neue Arbeitswelten

Michael Klaus ist seit 2005 Mitglied des Partnerkreises B. Metzler seel. Sohn & Co. Holding AG. Neben dem Geschäftsfeld Capital Markets ist er zuständig für das Personalwesen, die Unternehmenskommunikation und verantwortet das nordamerikanische Immobiliengeschäft.

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