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Gastbeitrag zur Serie Anlagethema im Brennpunkt (78) – Börsen-Zeitung 13.7.2019 - 2.3.2019 – Pascal Spano - 13.7.2019 - Pascal-Spano

Am falschen Ende gespart

Ein verlockendes Angebot: Man investiert heute in eine Anleihe und erhält dafür eine Verzinsung, die gerade eben die zu erwartende Inflationsrate deckt. Die Rückzahlung erlebt man nicht mehr. Dafür bekommen die Enkel oder Großenkel in knapp 100 Jahren aber immerhin zwei Drittel der heute investierten Summe zurück.

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Wem dieses Angebot nicht ganz so attraktiv vorkommt, der mag sich bei der jüngsten Anleiheemission in Österreich Ende Juni verwundert die Augen gerieben haben. Investoren griffen beherzt zu, als die Republik Österreich die bestehende 100-jährige 2,1-Prozent-Anleihe aus 2017 mit Laufzeit bis 2117 erneut anbot. Diesmal allerdings zu einem Preis von 154 % und damit einer Rendite von gerade einmal 1,17 %. Noch vor weniger als zehn Jahren hätte sich jeder Tagesgeldanleger bei diesem Angebot in der Bankfiliale umgedreht und wäre kommentarlos gegangen. Anders heute: Bei über 5 Mrd. Euro Kaufnachfrage hätte Österreich bequem das Vierfache des angebotenen Emissionsvolumens von 1,25 Mrd. Euro losschlagen können. Nur am Rande sei erwähnt, dass Österreich zeitgleich auch eine mit minus 0,44 % verzinste fünfjährige Anleihe auf den Markt gebracht hat. Erstmals in der Geschichte wurden damit europäische Staatsanleihen unterhalb des aktuellen EZB-Einlagensatzes emittiert.

Geschenktes Geld

Man gewöhnt sich in diesen Zeiten an so manche Absurdität der Finanzmärkte, auch wenn sie jahrhundertelang bewährte Zusammenhänge auf den Kopf stellt: Wer sich Geld leiht, bezahlt Zinsen. Wer Geld verleiht, erhält Zinsen. Aktuell bekommen europäische Staaten guter Bonität - und hier spielt Deutschland in der obersten Liga - über weite Teile des Laufzeitenspektrums Geld dafür, dass sie sich verschulden. Das klingt nach einem guten Geschäftsmodell. Warum macht Deutschland keines daraus?

Der deutsche Staat erzielte 2018 einen Rekordüberschuss von 58 Mrd. Euro. Bund, Länder, Kommunen und die Sozialversicherung erwirtschafteten dabei alle ein zweistelliges Milliardenplus. Wovon andere Länder nur träumen können, führt in Deutschland allerdings zur fast reflexhaften Warnung, dass jetzt erst recht gespart werden müsse, weil die nachlassende Wirtschaft in den nächsten Jahren die Bilanz verhageln könnte. Sparsamkeit ist natürlich per se nichts Schlechtes, und niemand verlangt, dass die Regierung jetzt jede Ausgabendisziplin über Bord wirft. Doch wem hilft ein mustergültiger Haushalt, wenn Deutschland gleichzeitig international den Anschluss verliert? Wenn eine Hand voll US-Technologiekonzerne mehr verdient als alle 30 Dax-Unternehmen zusammen? Und wenn digitale Schlüsseltechnologien hier zwar erforscht und entwickelt, die Geschäfte damit aber in anderen Ländern gemacht werden?

Digitale Wüste

Jahrzehnte stand "Made in Germany" beispielsweise im Maschinenbau, der Anlagen- und Prozesstechnik und in vielen anderen Industriefeldern international für Technologieführerschaft und beste Exportchancen. Das gilt in einigen Bereichen heute noch – doch der Vorsprung erodiert. Zeitgleich werden wir in vielen Zukunftstechnologien links und rechts überholt. Zuvorderst natürlich von den USA, vermehrt von asiatischen Ländern – und in einigen Bereichen reicht es noch nicht einmal für einen Spitzenplatz in Europa. Eine Untersuchung der EU-Kommission machte das jüngst wieder einmal deutlich. Bei den digitalen öffentlichen Diensten landete Deutschland nur knapp vor Schlusslicht Rumänien auf Platz 24, in den anderen Kategorien wie Konnektivität oder Integration digitaler Technik sind wir allenfalls Mittelmaß.

Die nichtdigitale Verwaltung mag noch erträglich sein. Kritischer wird es, wenn andernorts Schüler mit Laptops und Programmiersprachen aufwachsen, während in unseren Schulen häufig noch nicht einmal der Overhead-Projektor funktioniert. Den größten Schaden aber richten wir an, wenn es mittelfristig nicht gelingt, unsere schlauesten Köpfe aus Hochschulen und Forschungsinstituten im Land zu behalten. Hier ist nicht erkennbar, dass sich etwas ändert. Während wir noch darüber sinnieren, warum das vom Fraunhofer-Institut entwickelte MP3-Verfahren letztlich Apple - und keinem deutschen Unternehmen - den Weg zu einem der wertvollsten Unternehmen der Welt bereitet hat, wiederholt sich das gleiche Muster auch in anderen Technologien. Wesentliche Entwicklungen auf dem Weg zu ultraschnellen Quantencomputern wurden unter anderem am Karlsruher Institut für Technologie erdacht. Kommerziell nutzbare Quantencomputer gibt es allerdings ganz überwiegend von IBM, Google und einer Hand voll weiterer, primär amerikanischer Konzerne.

Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit, hier zumindest in einigen Teilbereichen gegenzusteuern? Unternehmen schaffen Wert dadurch, dass ihre Investitionen in Anlagen oder Humankapital eine Rendite oberhalb der Kapitalkosten erwirtschaften. Nichts anderes gilt auch für den Staat. Dringend benötigte Investitionen in die klassische und die digitale Infrastruktur, Technologie und Forschung - das sind Investments, die sich für den Staat über eine langfristige Sicherung der Wirtschaftsleistung lohnen.

Signale in diese Richtung würden nachgelagert auch Investitionen der privaten Wirtschaft auslösen, denn Investoren mögen zukunftsträchtige Branchen. Das zeigt sich deutlich an der Gravitation der US-Technologie-Schwergewichte, die die Börse seit einem Jahrzehnt dominieren.

Das „Brain Capital“ für Themen wie die digitale Fabrik, das Internet of Things, künstliche Intelligenz oder die Mobilität der Zukunft haben wir im Land. Am Kapitalmarkt bekommt der Bund, bei aktuellen Negativzinsen bis in den zehnjährigen Bereich, noch Geld geschenkt für die Ausgabe neuer Anleihen. Die Gelegenheit war nie besser. Jetzt mit Blick auf die nachlassende Konjunktur in Europa zu sparen, zäumt das Pferd von hinten auf. Langfristig wird Deutschland dadurch ärmer.

Pascal Spano, Leiter Research Metzler Capital Markets

Börsen-Zeitung, 13.7.2019, Autor Pascal Spano, Leiter Research Metzler Capital Markets, Nummer 132, Seite 14

Pascal Spano leitet den Bereich Research im Kerngeschäftsfeld Capital Markets.
Pascal Spano

Head of Research Metzler Capital Markets , Metzler Capital Markets

Pascal Spano ist seit 2017 bei Metzler tätig und leitet den Bereich Research im Kerngeschäftsfeld Capital Markets. Vor seiner Tätigkeit bei Metzler war er von 2013 bis 2017 Geschäftsführer des von ihm mitgegründeten FinTech-Unternehmens PASST Digital Services GmbH in Köln. Davor leitete Herr Spano zwei Jahre den Bereich Cash Equities bei der UniCredit Group in München und Frankfurt am Main. Für die Credit Suisse Ltd. verantwortete er von 2007 bis 2010 als Head of German Research die Analyse deutscher Aktiengesellschaften. Zuvor war Herr Spano über zehn Jahre bei der Deutschen Bank im Bereich Global Markets Research tätig und baute für ABN Amro die deutschen Research-Aktivitäten aus Frankfurt und London mit auf. Nach absolvierter Bankausbildung und berufsbegleitendem Studium der Wirtschaftswissenschaften an der FernUniversität in Hagen ist er seit rund 20 Jahren Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Finanzanalyse

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