DEVISENWOCHE in der Börsen-Zeitung - 22.10.2019 - Sebastian-Sachs

Euro bietet leichtes Aufwärtspotenzial

Die Auseinandersetzung zwischen Euro und Dollar hat bei Deviseninvestoren im laufenden Jahr wohl kaum Begeisterungsstürme ausgelöst. Zwar konnte der Greenback - zumindest bisher - als Sieger vom Platz gehen, doch ist die Bewegung im Großen und Ganzen fast schon als langweilig zu bezeichnen. Das meistgehandelte Währungspaar der Welt befindet sich seit Anfang 2019 in einem leicht abwärts gerichteten Trendkanal. Standen im Januar noch Euro/Dollar-Notierungen von rund 1,15 auf dem Tacho, mussten wir uns bis vergangene Woche mit Kursen im Bereich von 1,10 begnügen.

Magnetische Anziehung

Von diesem Niveau ging nach unserer Einschätzung eine geradezu magnetische Anziehung aus; zumindest hat sich dieser Eindruck seit Anfang September ganz stark aufgedrängt. Durch die gestiegene Wahrscheinlichkeit einer baldigen nachhaltigen Lösung im Brexit-Streit scheint dieses Niveau allerdings um 1 bis 2 Cent nach oben verschoben worden zu sein, wie die Kursbewegung seit Ende vergangener Woche zeigt.

Betrachten wir die Ausgangslagen beiderseits des Atlantiks, so können wir uns nichtsdestotrotz nur schwer für eine Seite der Medaille entscheiden, denn eigentlich blicken wir nur auf Probleme. Letztlich müssen dann doch die Zentralbanken die wirklich wichtigen Pflöcke einschlagen. Und hier trauen wir insbesondere der Europäischen Zentralbank noch einiges zu. Dennoch: Bis zum Jahresende prognostizieren wir eine weitgehende Seitwärtsbewegung in vergleichsweise engen Spannen.

Deutliche Abschwächung

Im Euro-Währungsraum beobachten wir nun bereits seit geraumer Zeit eine doch deutliche Abschwächung der Konjunktur. Vorreiter (im Negativen) ist Deutschland. Die Wirtschaftszahlen sind weitgehend katastrophal, der Markit-Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe rangiert mittlerweile in Regionen von Südafrika. Das wirklich Schlimme an der Situation ist aber unseres Erachtens, dass ein Gegensteuern aus Berlin ausbleibt. Das Festhalten an der schwarzen Null wird über alle Dinge gestellt, zudem steht nun auch noch der nicht gerade billige, aber dringend notwendige Klimaschutz ganz oben auf der Agenda. Statt sich angesichts der sehr günstigen Konditionen am Kapitalmarkt ganz offiziell neu zu verschulden, wird über Schattenhaushalte und Ähnliches nachgedacht; konsequentes Agieren sieht in unseren Augen anders aus. Und genau deshalb bleiben wir mit Blick auf die Wirtschaftsentwicklung skeptisch. Die anderen Länder der Eurozone präsentieren sich nicht viel besser; fast nirgends gibt es fiskalische Unterstützung einer sehr expansiven Geldpolitik. Eigentlich müsste Deutschland in diesem Punkt eine Vorreiterrolle beanspruchen.

Expansive Geldpolitik

Für den Euro verheißen schon allein diese Argumente nichts wirklich Gutes - führen sie doch zwangsläufig zu einer weiterhin sehr expansiven Geldpolitik der EZB, die auch unter neuer Leitung keinen baldigen Kurswechsel vollführen wird. Ganz im Gegenteil: Christine Lagarde gilt als erklärte Unterstützerin offener Geldschleusen. Verbessert sich die Zahlenlage nicht, dürfen von den Währungshütern durchaus auch noch weitere Maßnahmen erwartet werden. Wirksamkeit in Bezug auf konjunkturelle Belebung? Mehr als fraglich! Mut macht lediglich, dass Frau Lagarde eine Politikerin ist; aus dieser Position heraus findet sie vielleicht einen besseren Zugang zu den Regierungen der einzelnen Länder, um mittels leichtem (oder auch stärkerem) Druck fiskalpolitische Flankierung zu erwirken. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Hort der Sorglosigkeit

Auf Seiten der USA bestimmt vor allem der Handelskonflikt mit China und in abgeschwächter Form auch mit der EU die Geschehnisse am Devisenmarkt. Sehr argwöhnisch registriert werden natürlich auch die jüngst teils deutlich schwächere Konjunkturentwicklung - und davon abhängig der zu erwartende geldpolitische Entscheidungsweg der Fed - sowie innenpolitische Querelen. Lange wurden die USA, insbesondere im direkten Vergleich zur Eurozone, als Hort der Sorglosigkeit in puncto Konjunktur gesehen. Zudem gab es noch einen sehr attraktiven Rendite-Pick-up bei Investments in länger laufenden US-Treasuries, der die Kapitalströme in Richtung USA lenkte und dem Greenback somit Zugewinne bescherte.

Probleme am Repo-Markt

Doch momentan hat auch der Dollar Probleme. Zwar wurde die US-Devise in den vergangenen Wochen aufgrund der offensichtlichen Probleme im US-Repo-Markt wieder deutlich stärker nachgefragt und stieg damit handelsgewichtet und auch gegen den Euro deutlich an. Doch war dieser Höhenflug durch diesen Liquiditätsengpass ausgelöst und eben nicht maßgeblich durch fundamentale Faktoren. Und kaum kündigte die US-Notenbank an, ab Mitte Oktober Liquidität zur Verfügung zu stellen, war es mit der Über-Performance auch schnell wieder vorbei. Die Investoren haben nun wieder eher die Probleme im Fokus, die sich aus dem Handelskonflikt und der Konjunkturabschwächung ergeben. Denn gelöst scheint uns der Handelsstreit noch lange nicht, auch wenn wir jüngst die erste kleine Einigung gesehen haben. Es ist eben nur ein winziger Teilschritt, der zudem unseres Erachtens wohl auch aufgrund strategischer Überlegungen beiderseits vereinbart wurde. Wenn dann - nicht nur ausschließlich durch Handelshemmnisse begründet - die Konjunktur auch auf der anderen Seite des Atlantiks merklich Probleme bekommt, wird auch die Fed wieder Gewehr bei Fuß stehen. Jerome Powell hat in der Vergangenheit nicht nur einmal betont, seine Notenbank werde "datenabhängig" agieren. Der Blick auf diese Entscheidungsgrundlage lässt sogar bis zum Jahresende zwei weitere Zinssenkungen nicht eben unwahrscheinlich erscheinen - natürlich wieder als "Versicherungsschritte" getarnt.

Gestiegener Optimismus

All dies ergibt für das Verhältnis von Euro zu Dollar eine weitgehend ausgeglichene Ausgangslage für unsere Erwartungen bis zum Jahresende. Das leicht höhere negative Überraschungspotenzial liegt unseres Erachtens dennoch in den USA - vor allem, wenn der gestiegene Optimismus hinsichtlich einer schnellen Beendigung der Handelsstreitigkeiten enttäuscht werden sollte und wenn infolge des zwangsläufigen Stimmungseinbruchs die amerikanischen Währungshüter stärker auf den Plan gerufen würden.

Vor diesem Hintergrund erscheinen uns Ausschläge bei Euro/Dollar nach oben wahrscheinlicher als nach unten. Auch unsere Erwartung, dass sich für das Brexit-Drama eine zeitnahe Lösung findet - und damit ein massiver Unsicherheitsfaktor wegfällt -, spricht eher dem Euro zu.

Sebastian Sachs ist Stratege im Bereich Capital Markets mit Schwerpunkt in der Analyse der Anleihe-, Devisen- und Rohstoffmärkte.
Sebastian Sachs

Finanzanalyst FI/FX , Metzler Capital Markets

Sebastian Sachs ist seit 2011 bei Metzler tätig. Er ist Stratege im Bereich Capital Markets mit Schwerpunkt in der Analyse der Anleihe-, Devisen- und Rohstoffmärkte. Vor seiner Tätigkeit bei Metzler arbeitete Herr Sachs von 2006 bis 2011 als Covered-Bonds-Analyst bei der DZ Bank in Frankfurt am Main, von 2000 bis 2005 als Finanzmarktjournalist bei der Financial Times Deutschland in Frankfurt am Main und von 1998 bis 2000 als Analyst für Staatsanleihen bei Dresdner Kleinwort Benson in Frankfurt am Main. Dazwischen war er für kurze Zeit bei MTS Deutschland in Frankfurt am Main und der Berenberg Bank in Düsseldorf tätig. Herr Sachs studierte Volkswirtschaftslehre an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main mit den Schwerpunkten Finanzwirtschaft, Finanzwissenschaft sowie Geld und Währung.

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