Gastbeitrag zur Serie Anlagethema im Brennpunkt (94) – Börsen-Zeitung - 9.11.2019 - Pascal-Spano

Die Energiewende erreicht immer mehr Industriezweige

Deutschland meint es ernst mit der Energiewende. Das ambitionierte Ziel, klimaschädliche Treibhausgase bis 2050 nahezu vollständig zu eliminieren, stellt die deutsche Industrie vor gewaltige Herausforderungen. War dies vor wenigen Jahren allenfalls Randnotiz in unseren Gesprächen mit deutschen Unternehmen, steht das Thema jetzt in vielen Industriezweigen ganz oben auf der Agenda. Während die Elektrifizierung des Autos von den Herstellern mit großem Kraft- und Finanzaufwand angegangen wurde, stehen nun viele weitere traditionelle Industrien vor der großen Aufgabe, ihre Produktionsstandorte in Europa "klimafest" zu machen.

In den ersten beiden Phasen, zwischen 2005 und 2012, machte der Handel mit den sogenannten Verschmutzungszertifikaten vor allem negative Schlagzeilen. Die Anreizwirkung, CO2 einzusparen, war nur gering. Zum einen lag das an der relativ hohen anfänglichen Zuteilung von Zertifikaten an die Industrie und der geringen jährlichen Verknappung dieser Zuteilungen, zum anderen nutzten Betrüger den grenzüberschreitenden Handel mit Zertifikaten für einen millionenschweren Umsatzsteuerbetrug. Erst seit 2017, in der Mitte der aktuell dritten Emissionshandelsperiode, scheinen die Mechanismen besser zu greifen. Der CO2-Preis hat sich seit August 2017 auf aktuell rund 25 Euro pro Tonne fast verfünffacht, und mit Blick auf die 2021 beginnende vierte Handelsphase ist ein weiterer Anstieg das wahrscheinlichste Szenario.

Bis 2020 sinkt die Menge der zur Verfügung stehenden Zertifikate um 1,74 % pro Jahr. Dieser sogenannte lineare Reduktionsfaktor steigt ab 2021 auf 2,2 %. Weitere Maßnahmen zielen in die gleiche Richtung. So soll es über eine Verknappung von Zertifikaten und entsprechend steigende Preise attraktiver werden, in die CO2-Vermeidung zu investieren.

Stahlbranche unter Druck

Die deutsche Stahlindustrie trifft diese Verschärfung zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Preisdrückende Importe aus dem Nicht-EU-Ausland, eine schwache Binnennachfrage, hohe Rohmaterialkosten und niedrige Stahlpreise lasten schwer auf den Gewinnmargen der Produzenten und lassen eine wirtschaftliche Stahlerzeugung in Europa derzeit kaum zu. Milliardenschwere Investitionen in die Dekarbonisierung der Stahlerzeugung sind daher ohne Hilfe aus der Politik kaum zu schultern. Entsprechend wird in den jüngsten Positionspapieren der Wirtschaftsvereinigung Stahl gefordert, die politischen Rahmenbedingungen "von einem Belastungs- in ein Transformationsszenario" umzuwandeln. Genau hierin ist für die deutsche Industrie durchaus eine Chance zu sehen. Mit der in Deutschland vorhandenen, weltweit führenden Verfahrenstechnologie kann aus der Not eine Tugend werden, die am Ende nicht nur der Umwelt hilft, sondern auch die Industrietechnologie langfristig an der Spitze hält.

Weitblick bewiesen hat beispielsweise die Salzgitter AG, die sich durch den frühzeitigen Kauf von CO2-Zertifikaten und einen Vorrat an Verschmutzungsrechten bis 2030 in eine günstige Position gebracht hat. Schlägt sich ein weiterer Anstieg des CO2-Preises - wie allgemein erwartet und politisch gewollt - in der nächsten Dekade in höheren Stahlpreisen nieder, dürfte sich das deutlich in der Marge bemerkbar machen.

Hiervon profitieren zunächst nur die Aktionäre und nicht die Umwelt. Salzgitter denkt aber bereits einen Schritt weiter – nämlich an eine CO2-neutrale Stahlerzeugung. Und dabei kommt wieder Technologie ins Spiel. In der konventionellen Stahlerzeugung dienen große Mengen an Kohlenstoff in Form von Kohle als Reduktionsmittel, um bei großer Hitze dem Eisenerz Sauerstoff zu entziehen. Dabei werden über Zwischenschritte große Mengen Kohlendioxid freigesetzt. Will man das vermeiden, bleibt nach aktuellem Stand der Technik nur der Weg über die Direktreduktion auf Basis von Wasserstoff. Und genau daran forschen die europäischen Stahlhersteller derzeit intensiv.

Im Fall von Salzgitter offenbaren sich dabei aber auch die Stolpersteine auf dem Weg in eine CO2-freie Zukunft: Die Kosten für die Umrüstung der drei konventionellen Hochöfen und die notwendige Anpassung des Produktionsprozesses schätzt das Unternehmen auf bis zu 2 Mrd. Euro. Zudem werden hierfür entlang der gesamten Prozesskette gigantische Mengen grünen Stroms aus erneuerbaren Energien benötigt. Allein um die Rohstahlerzeugung von Salzgitter weitestgehend CO2-neutral zu gestalten, wären mehr als 3 % des gesamten gegenwärtigen Stromverbrauchs in Deutschland nötig.

Wasserstoff im Fokus

Dieses Beispiel zeigt die Wechselwirkungen und die Komplexität der Klimapolitik für die Wirtschaft. Wasserstoff wird unseres Erachtens langfristig an Bedeutung gewinnen. Das gilt nicht nur für die direkte Anwendung in industriellen Prozessen, sondern auch für die Erzeugung von synthetischen Kraftstoffen, den sogenannten E-Fuels. An die Erzeugungskosten von Erdgas werden E-Fuels auf absehbare Zeit nicht heranreichen können. Hierfür sind sehr hohe Skaleneffekte, technologischer Fortschritt und drastisch steigende CO2-Preise nötig. Bleibt für Kraftfahrzeuge vermutlich die direkte Nutzung von Strom das Mittel der Wahl, ist in der Luftfahrt ein Einsatz synthetischer Kraftstoffe schon eher denkbar. Denn hier scheidet eine Lösung mit Batterien aus - sie sind zu schwer.

Chancengleichheit wichtig

Das Themenfeld erneuerbare Energien und ihre Anwendungen wird größer und breiter, und es wird in immer mehr Industriezweige hineinreichen. Denn technisch machbar ist in einem hoch entwickelten Land wie Deutschland vieles. In unserer globalisierten Welt dürfen die Unternehmen mit solchen Herausforderungen aber nicht alleingelassen werden. Dem Stahl wird man nicht anmerken, ob er zu deutlich höheren Kosten klimaneutral erzeugt wurde oder billig aus Osteuropa und China ins Land gekommen ist. Möchten wir in Europa beim Klimaschutz unsere Vorreiterrolle weiter ausbauen, ist es auch Sache der Politik, hier Chancengleichheit herzustellen.

Börsen-Zeitung, 09.11.2019, Nummer 216, Seite 14, 828 Wörter

Pascal Spano leitet den Bereich Research im Kerngeschäftsfeld Capital Markets.
Pascal Spano

Head of Research Metzler Capital Markets , Metzler Capital Markets

Pascal Spano ist seit 2017 bei Metzler tätig und leitet den Bereich Research im Kerngeschäftsfeld Capital Markets. Vor seiner Tätigkeit bei Metzler war er von 2013 bis 2017 Geschäftsführer des von ihm mitgegründeten FinTech-Unternehmens PASST Digital Services GmbH in Köln. Davor leitete Herr Spano zwei Jahre den Bereich Cash Equities bei der UniCredit Group in München und Frankfurt am Main. Für die Credit Suisse Ltd. verantwortete er von 2007 bis 2010 als Head of German Research die Analyse deutscher Aktiengesellschaften. Zuvor war Herr Spano über zehn Jahre bei der Deutschen Bank im Bereich Global Markets Research tätig und baute für ABN Amro die deutschen Research-Aktivitäten aus Frankfurt und London mit auf. Nach absolvierter Bankausbildung und berufsbegleitendem Studium der Wirtschaftswissenschaften an der FernUniversität in Hagen ist er seit rund 20 Jahren Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Finanzanalyse

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