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Gastbeitrag zur Serie: Anlagethema im Brennpunkt (213) - 9.3.2022 - Pascal Spano

Tektonische Verschiebungen für die Finanzmärkte

Ein Krieg mitten in Europa ist furchtbar, und man hätte sich gewünscht, dass es niemals so weit kommt. Angesichts der menschlichen Schicksale, die mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine verbunden sind, fühlt es sich nicht richtig an, wenn in solchen Zeiten Aktienkurse steigen. Doch an den Börsen wird die Zukunft gehandelt, nicht die Gegenwart - und schon gar nicht die Vergangenheit. Für einige Branchen scheint gerade eine neue Ära zu beginnen.

Mit dem Angriff auf die Ukraine hat Russland auf tragische Weise eine Linie überschritten. Eine Rückkehr zum Ex-ante-Status der Ost-West-Beziehungen ist auf absehbare Zeit schwer vorstellbar. Das erklärte Ziel Russlands - und insbesondere Wladimir Putins - war und ist, die stetige Erosion des Einflussgebiets in den früheren Warschauer-Pakt-Staaten und vor allem in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion aufzuhalten. Jede Nato-Osterweiterung ist in dieser Hinsicht zumindest ein Nadelstich - in Bezug auf die Ukraine und ihre rund 2 000 Kilometer Landgrenze mit Russland wäre es ein Dolchstich, wenn man dieser Logik folgt. Dieser Umstand kann und darf völkerrechtswidriges Verhalten in keiner Weise entschuldigen und auch keinem Volk das Recht auf Selbstbestimmung absprechen. Aus ihm lässt sich nur der vermutlich einzige Ausweg aus der militärischen Auseinandersetzung lesen. Eine Ausbreitung des westlichen Militärbündnisses in die Ukraine, die auf den in der Schlussakte des Nato-Gipfels in Bukarest 2008 festgeschriebenen Plan zum Nato-Beitritt der Ukraine hinausliefe, lässt sich schwerlich mit Russlands Interessen unter Putin vereinbaren. Wie ein gesichtswahrender Kompromiss für alle Beteiligten aussehen könnte, das ist die große diplomatische Herausforderung. Aussichtslos sollte ein solches Unterfangen im 21. Jahrhundert aber nicht sein.

Selten hat man die Politik im Allgemeinen und die Europäische Union im Besonderen so schnell und konsequent reagieren sehen wie in diesen Tagen. Innerhalb kürzester Zeit wurden nicht nur vorbereitete Sanktionspakete auf den Weg gebracht, sondern gleichzeitig auch noch eine neue Verteidigungsdoktrin und der rasante Einstieg in den Ausstieg aus der Abhängigkeit von russischem Gas und Öl. Für die Finanzmärkte und die betroffenen Unternehmen sind das tektonische Verschiebungen.

Sanktionsandrohungen der westlichen Welt haben sich als Mittel der Abschreckung in diesem Konflikt offensichtlich nicht bewährt. In der Anwendung werden sie aber tiefe Spuren in der russischen Wirtschaft hinterlassen. Der Zugriff auf zum Beispiel moderne elektronische Bauteile ist in vielen Industrien elementar. Kappt man hier die Versorgung, hat das unmittelbare Auswirkungen auf die Produktion zahlreicher industrieller Güter. Wie scharf dieses Schwert ist, hat zum Beispiel der chinesische Telekommunikationsriese ZTE 2018 leidvoll erfahren müssen. Das von der US-Regierung seinerzeit erlassene Verbot, amerikanische Komponenten an ZTE zu liefern, hat das Unternehmen nahe an den Ruin gebracht. Selbst China war nicht in der Lage, beispielsweise die fehlenden Qualcomm-Prozessoren in ähnlicher Güte zu produzieren.

Die Gefahr, sich durch Handelssanktionen selbst Schaden zuzufügen, sehen wir für Europa nur begrenzt. Der Handel mit Russland macht weniger als 5 % des EU-Außenhandels aus. Umgekehrt ist die EU für Russland ein erheblicher Wirtschaftsfaktor und damit eine wichtige Devisenquelle. Der Großteil der russischen Ausfuhren konzentriert sich erwartungsgemäß auf Öl und vor allem Gas, den Rest machen primär Nichteisen-Metalle und zu einem kleineren Teil Stahl aus.

Alarmstart

Die Erhöhung der deutschen Verteidigungsausgaben von 1,5 % auf mindestens 2 % des jährlichen Bruttosozialprodukts - wie von den USA schon lange gefordert - und die Schaffung eines 100 Mrd. Euro schweren Sondervermögens für die akute Beschaffung von Rüstungsgütern verschafft der Rüstungsindustrie einen nie dagewesenen Rückenwind. Gleichzeitig werden erste Stimmen laut, Rüstungsgüter auch im Rahmen der EU-Taxonomie wieder salonfähig zu machen. Das würde den betroffenen Unternehmen den Zugang zum Kapitalmarkt deutlich erleichtern und einen Schwenk bei finanzierenden Banken und ESG-Investoren ermöglichen, die sich in den letzten Jahren vermehrt abgewendet haben. Noch vor wenigen Monaten erschien so etwas undenkbar und wäre sicher nicht mit der Politik einer rot-grün-gelben Regierung assoziiert worden.

Auslastungsgarantie

Eine neue Dringlichkeit hat auch der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen bekommen. Nach dem Willen der Bundesregierung soll das durch massiven Zubau erneuerbarer Energien schon 2035 und nicht erst 2050 gelingen. Andere europäische Länder werden sich vermutlich in die gleiche Richtung bewegen. Angesichts der schieren benötigten Menge kommt das für die Hersteller von Wind-, Solar- und Wasserstoffanlagen fast einer Auslastungsgarantie bis weit in die kommende Dekade hinein gleich. Möchte man aus der Abhängigkeit von russischen Energielieferungen kommen, ist das die zwangsläufige Lösung. Ein solches Tempo und die fast einstimmige Entschlossenheit zeichnen trotzdem ein neues Bild der politischen Landschaft.

Insgesamt sehen wir in diesen Maßnahmen eine sehr starke, in den letzten Jahrzehnten sogar einzigartige Reaktion der Politik. Dieses Signal der Regierungskoalition ist an den Finanzmärkten angekommen. Hoffentlich nicht nur dort.

Börsen-Zeitung, erschienen am 9.3.2022,  Autor Pascal Spano, Leiter Research Metzler Capital Markets

Pascal Spano leitet den Bereich Research im Kerngeschäftsfeld Capital Markets.
Pascal Spano

Head of Research , Metzler Capital Markets

Pascal Spano ist seit 2017 bei Metzler tätig und leitet den Bereich Research im Kerngeschäftsfeld Capital Markets. Vor seiner Tätigkeit bei Metzler war er von 2013 bis 2017 Geschäftsführer des von ihm mitgegründeten FinTech-Unternehmens PASST Digital Services GmbH in Köln. Davor leitete Herr Spano zwei Jahre den Bereich Cash Equities bei der UniCredit Group in München und Frankfurt am Main. Für die Credit Suisse Ltd. verantwortete er von 2007 bis 2010 als Head of German Research die Analyse deutscher Aktiengesellschaften. Zuvor war Herr Spano über zehn Jahre bei der Deutschen Bank im Bereich Global Markets Research tätig und baute für ABN Amro die deutschen Research-Aktivitäten aus Frankfurt und London mit auf. Nach absolvierter Bankausbildung und berufsbegleitendem Studium der Wirtschaftswissenschaften an der FernUniversität in Hagen ist er seit rund 20 Jahren Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Finanzanalyse

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