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Werbeinformation der Metzler Asset Management GmbH - 14.8.2026 - Edgar Walk

Steht Chinas Wirtschaft vor einer Implosion?

Grundsätzlich ist die Misere der chinesischen Wirtschaft darauf zurückzuführen, dass in den vergangenen Jahren ein viel zu hohes Wirtschaftswachstum angestrebt wurde. Das Problem ist dabei weniger, dass China zu wenig investieren würde. Das Gegenteil ist der Fall.

Zunächst ermöglichte ein Boom am Immobilienmarkt das gewünscht hohe Wachstum, der aber 2022 in einer schweren Krise endete, die immer noch anhält. So verzeichnete der Wohnungsbau im Juni einen Rückgang um etwa 18 Prozent. Damit ist ein Wachstumsmotor ausgefallen, der über viele Jahre Bauinvestitionen, Landverkäufe, lokale Staatseinnahmen, Kreditwachstum und den Vermögensaufbau der privaten Haushalte gestützt hatte.

Peking reagierte darauf nicht mit einer grundlegenden Neuausrichtung des Wachstumsmodells, sondern startete stattdessen den nächsten Investitionszyklus. Die Industrie wurde zum neuen Wachstumsmotor, und ihre Kapazitäten wurden insbesondere seit 2021 massiv ausgebaut. Ein erheblicher Teil dieses Ausbaus konzentrierte sich auf politisch priorisierte Bereiche wie Elektrofahrzeuge, Batterien, Solartechnologie und Halbleiter.

Das Problem besteht aber darin, dass zusätzliche Produktionskapazitäten nur dann dauerhaft Wachstum schaffen, wenn es auch zusätzliche Nachfrage nach den produzierten Gütern gibt. Und genau hier beginnt die chinesische Wachstumsarithmetik problematisch zu werden. Die aufgebauten Kapazitäten sind inzwischen so groß, dass Unternehmen in zahlreichen Branchen mit immer niedrigeren Preisen um Marktanteile konkurrieren. In China hat sich dafür der Begriff „neijuan – Involution“ etabliert: Unternehmen investieren mehr, produzieren mehr und senken gleichzeitig ihre Preise. Laut eines Fachbeitrags1 arbeitet inzwischen fast ein Drittel der chinesischen Industrieunternehmen im Verlustbereich; in besonders investitionsintensiven strategischen Sektoren liegt der Anteil noch höher. 

So werden in der Automobilindustrie nunmehr die gesamten chinesischen Produktionskapazitäten in dem genannten Fachbeitrag auf rund 55 Millionen Fahrzeuge geschätzt – etwa 60 Prozent des gesamten Weltmarktes. Die inländische Nachfrage ist dagegen in den vergangenen Monaten kollabiert – von 25 Millionen Fahrzeugen im Oktober 2025 auf nur noch 21 Millionen Fahrzeuge im Juli (gleitende Summe über 12 Monate). In einer freien Marktwirtschaft würden diese Unternehmen vom Markt verschwinden, in China erhalten sie dagegen anhaltend staatliche Unterstützung.

Die mittlerweile entstandenen massiven Überkapazitäten erzeugen erheblichen Deflations- und Profitabilitätsdruck. Der Versuch, Wachstum durch immer mehr Angebot zu erzeugen, stößt auf ein eigentlich triviales ökonomisches Problem: Produktion schafft nicht automatisch ihre eigene Nachfrage. Wenn Haushalte nicht ausreichend konsumieren und Unternehmen angesichts sinkender Margen ihre Investitionen zurückfahren, muss der zusätzliche Output entweder über niedrigere Preise oder über steigende Exporte abgesetzt werden. Beides ist auf Dauer problematisch. Der industrielle Investitionsboom scheint daher ebenfalls seinen Höhepunkt überschritten zu haben – die Anlageinvestitionen der Industrie lagen im Juni bei etwa -1,2 Prozent.

China: Wachstumsmodell kommt an seine Grenzen
Anlageinvestitionen in % ggü. Vj.

Quelle: Bloomberg; Stand: 30.6.2026

Im Mai und Juni zeigten die Wachstumsraten der Anlageinvestitionen in der Industrie und im Wohnungsbau ungewöhnlicherweise gleichzeitig negative Werte. Vor diesem Hintergrund ist es zumindest erklärungsbedürftig, wie die chinesische Wirtschaft im zweiten Quartal gleichzeitig ein reales Wachstum von 4,3 Prozent erreichen konnte. Die monatlichen Aktivitätsindikatoren zeichnen eindeutig ein schwächeres Bild als die aggregierten Wachstumszahlen.

Die Einkaufsmanagerindizes für die Gesamtwirtschaft (Composite PMI) in China zeichneten für Juli zudem eine erhebliche Verschlechterung der Binnenwirtschaft. Der offizielle Composite PMI des National Bureau of Statistics (NBS) fiel im Juli von 50,6 auf 49,3 Punkte und damit erstmals seit längerer Zeit wieder klar unter die Expansionsschwelle von 50. Der RatingDog China General Composite PMI blieb mit 50,8 Punkten zwar knapp im expansiven Bereich, verzeichnete gegenüber 53,6 Punkten im Juni aber ebenfalls einen außergewöhnlich starken Rückgang. Während der NBS-PMI stärker die binnenwirtschaftlich orientierten und größeren Unternehmen erfasst, umfasst das RatingDog-Universum mehrheitlich exportorientierte Privatunternehmen. So nahmen laut RatingDog die Exportaufträge im Juli erstmals seit drei Monaten wieder zu.

Das spricht dafür, dass Chinas aktuelle Schwäche weniger Ausdruck eines globalen Nachfrageschocks ist als vielmehr eines weiterhin ungelösten binnenwirtschaftlichen Problems. Der J.P. Morgan Global Composite PMI stieg nämlich im Juli von 52,0 auf 52,6 Punkte und erreichte damit den höchsten Stand seit Februar. China bewegt sich somit derzeit entgegen dem globalen Konjunkturtrend. Die Daten zur Industrieproduktion, den Einzelhandelsumsätzen und den Anlageinvestitionen im Juli (Montag) dürften die konjunkturelle Schwäche untermauern.

Bisher war auch das Exportwachstum ein wichtiger Pfeiler der chinesischen Wirtschaft, aber auch der wird zunehmend wackeliger. Chinas Handelsüberschuss erreichte 2025 nahezu 1,2 Billionen US-Dollar. Gleichzeitig wachsen die chinesischen Exporte inzwischen schneller als der Welthandel insgesamt. Bei einer sehr viel kleineren Volkswirtschaft ließ sich ein solches Modell über längere Zeit aufrechterhalten. Bei einer Volkswirtschaft von Chinas heutiger Größe entsteht jedoch ein einfaches mathematisches Problem: Die Welt kann chinesische Exporte nicht dauerhaft um ein Vielfaches schneller aufnehmen, als die globale Nachfrage selbst wächst. China beginnt gewissermaßen, aus seinem eigenen Wachstumsmodell herauszuwachsen.

Darüber hinaus stabilisierte die chinesische Regierung die Konjunktur immer wieder durch die Finanzierung von Infrastrukturprojekten. Das Problem ist, dass die Infrastruktur schon sehr gut ausgebaut ist und kaum noch sinnvolle Projekte gefunden werden können. Es besteht sogar ein großes Risiko, dass viele Infrastrukturprojekte der vergangenen Jahre nicht die wirtschaftlichen Erwartungen erfüllen können und eine Fehlallokation von Kapital darstellen. Auch wurden die Infrastrukturprojekte durch eine höhere Verschuldung des Staates und der Staatsunternehmen finanziert. Ein erneuter großer Investitionsstimulus würde damit zwar kurzfristig die gemessene Wirtschaftsleistung erhöhen, zugleich aber jene strukturellen Ungleichgewichte verschärfen, die bereits heute das Wachstum belasten.

China auf dem Weg zum Verschuldungsweltmeister
Gesamtverschuldung* in % des BIP

Quellen: Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Metzler; Stand: 30.6.2026

So ist Chinas Gesamtverschuldung seit 2022 von etwa 250 Prozent des BIP auf über 300 Prozent des BIP gestiegen. Im Gegensatz dazu ist die Verschuldung in Japan, den USA und der Eurozone über diesen Zeitraum gesunken. Hauptgrund dafür war die hohe Inflation in den drei Währungsräumen, während in China die Deflation den Schuldenanstieg beschleunigte. Solange China von einem deflationären Umfeld geprägt ist und die aktuelle Konjunkturschwäche mithilfe neuer Infrastrukturprojekte bekämpfen muss, wird die Verschuldung zwangsläufig weiter steigen. Chinas könnte sogar innerhalb der nächsten zehn Jahre Japan überholen.  

Da sich China in heimischer Währung verschuldet, kann es theoretisch unbegrenzt Schulden aufnehmen – zumal die Zinsen niedrig sind und damit auch die Zinslast. Einziges Limit wäre eine zu hohe Inflation, die das Vertrauen unterminiert. Davon ist China derzeit jedoch weit entfernt.

Damit bleibt als Wachstumsmotor letztlich nur jener Teil der chinesischen Volkswirtschaft übrig, der im bisherigen Modell systematisch zu kurz gekommen ist: der private Konsum.

Eine nachhaltige Neuorientierung müsste deshalb das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte erhöhen und zugleich ihre außergewöhnlich hohe Sparneigung reduzieren. Dafür wäre vor allem ein deutlich besseres soziales Sicherungssystem erforderlich. Wenn Haushalte weniger für Krankheit, Alter, Arbeitslosigkeit und Ausbildung vorsorgen müssen, können sie einen größeren Anteil ihres Einkommens für Konsum ausgeben. Genau deshalb sind Sozialversicherungen in diesem Zusammenhang nicht primär Sozialpolitik, sondern makroökonomische Wachstumspolitik.

Des Weiteren müssten die Löhne steigen und die privaten Haushalte müssten stärker am Volkseinkommen beteiligt werden. China müsste gewissermaßen Einkommen vom Unternehmens- und Staatssektor hin zum Haushaltssektor umverteilen. Das würde kurzfristig die Margen vieler Unternehmen belasten, wäre aber gerade deshalb Teil der notwendigen Anpassung.  Auch eine deutliche Aufwertung des Renminbi von etwa 30 Prozent wäre Teil einer solchen Neuausrichtung. Eine stärkere Währung würde Importe für chinesische Haushalte verbilligen, ihre reale Kaufkraft erhöhen und gleichzeitig den permanenten Anreiz reduzieren, Wachstum über immer größere Handelsüberschüsse zu erzeugen.

Genau darin liegt letztlich Chinas große wirtschaftspolitische Herausforderung. Das Land verfügt über enorme industrielle Kapazitäten, eine leistungsfähige Infrastruktur, hohe Ersparnisse und einen Staat mit erheblichen fiskalischen und finanziellen Handlungsmöglichkeiten. Was fehlt, ist nicht Produktionsfähigkeit, sondern ausreichend konsumtive Nachfrage.

Sollte sich tatsächlich bestätigen, dass sich die chinesische Konjunktur in einer konjunkturellen Abwärtsspirale befindet, ist die Regierung zum Handeln gezwungen. Ob sie für einen größeren Reformschritt bereit ist oder doch wieder nur neue Kapazitäten schafft?

USA: Welches Tier beschreibt Kevin Warsh?

Bisher ist der Eindruck entstanden, dass der neue US-Notenbankpräsident Kevin Warsh wie ein Falke spricht, aber wie eine Taube handelt. Das Protokoll der vergangenen US-Notenbanksitzung am Mittwoch könnte einen besseren Einblick in die Arbeitsweise des neuen Vorsitzenden ermöglichen.

Darüber hinaus wird noch der NAHB-Index (Montag) veröffentlicht sowie die Neubaugenehmigungen und -beginne (jeweils Dienstag). Der Wohnimmobilienmarkt leidet unter den hohen Zinsen und hat an Bedeutung verloren. Der Wachstumsmotor sind die Investitionen und damit eher die Industrieproduktion (Dienstag).

Eurozone: Wachstumsperspektiven hellen sich auf

Der ZEW-Index am Dienstag und die Einkaufsmanagerindizes am Freitag dürften sich verbessern und somit eine Wachstumsbelebung signalisieren. Darüber hinaus werden noch der Arbeitskostenindex am Mittwoch und die Lohnentwicklung am Freitag veröffentlicht. Beide Indikatoren sind sehr wichtig, da sie maßgeblich die Inflation im Dienstleistungssektor beeinflussen.

Edgar Walk
Edgar Walk

Chefvolkswirt , Metzler Asset Management

Edgar Walk arbeitet seit 2000 bei Metzler. Als Chefvolkswirt im Bereich Asset Management ist er für die volkswirtschaftlichen Prognosen verantwortlich. Aufgrund seiner engen Zusammenarbeit mit dem Portfoliomanagement liegt sein Fokus neben der volkswirtschaftlichen Analyse verstärkt auf Kapitalmarktthemen. Vor seiner Anstellung bei Metzler studierte Herr Walk in Tübingen Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Regionalstudien Ostasien und Japan. Zur Vertiefung seiner Studien verbrachte er ein Auslandssemester an der Doshisha-Universität in Kyoto (Japan). Am Institut für Weltwirtschaft in Kiel absolvierte er anschließend den Aufbaustudiengang „Advanced Studies in International Economic Policy Research“.

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