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Aus der Handelsblatt-Serie DIE ÄLTESTEN FAMILIENUNTERNEHMEN DEUTSCHLANDS - 4.10.2022

"Man muss Mut haben, Gewinne liegen zu lassen"

Drei Grundprinzipien haben der Privatbank Metzler geholfen, die Unabhängigkeit 348 Jahre lang zu erhalten: Vorsicht, Familiensinn und Risikostreuung.

Das Frankfurter Bankhaus Metzler hat schon viele Krisen überstanden, auch die schwerste. Und die ist schon eine ganze Weile her - über zweihundert Jahre. "Ende des 18. Jahrhunderts, Anfang des 19. Jahrhunderts zur Zeit der napoleonischen Besatzung, lag die Geschäftstätigkeit komplett darnieder", erzählt Emmerich Müller, der als Primus inter Pares im fünfköpfigen Vorstand das Traditionshaus führt.

Schuld an der damaligen Misere waren die "unerfüllbaren Kontributionszahlungen", die der französische Kaiser Frankfurt aufgebürdet hatte, um seine Feldzüge zu finanzieren. Schlimmer seien weder die Folgen des Ersten noch des Zweiten Weltkriegs für das Bankhaus gewesen und auch nicht die vielen kleinen und großen Wirtschaftskrisen seither.

Das 1674 gegründete und seitdem in Familienbesitz befindliche Privatbankhaus ist eine der wenigen Frankfurter Institutionen, die den Finanzplatz der alten Freien Reichsstadt mit dem modernen, nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Finanzzentrum verbinden. Von den drei bedeutenden Frankfurter Privatbankhäusern, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Geschäfte wieder aufnahmen, ist nur Metzler in Familienbesitz geblieben. Heute arbeiten etwa 800 Mitarbeiter für die Bank, die ihr Geld im Kapitalmarktgeschäft, im Investmentbanking, in der privaten Vermögensverwaltung und dem Asset-Management verdient.

Warum gelang Metzler, woran die Bethmann Bank und Georg Hauck & Sohn scheiterten? Wie erhält man ein Familienunternehmen über mehr als drei Jahrhunderte am Leben? Die Antwort findet sich an der Untermainanlage 1 im Frankfurter Zentrum, dem Hauptsitz von Metzler. Von außen erinnert nichts an die lange Tradition. In dem schmucklosen Bürohaus könnte genauso gut eine Anwaltskanzlei oder eine x-beliebige Fondsgesellschaft sitzen.

Innen finden sich in den modernen Konferenzräumen ein paar Reminiszenzen an die lange Geschichte, wie zum Beispiel Carl Morgensterns Ölgemälde "Frankfurt vom Westen" aus dem Jahr 1866, das in einem der modernen Besprechungszimmer hängt.

Unbedingter Wille zur Unabhängigkeit

Das Höchstmaß an Exzentrik, das sich das Bankhaus leistet, dürfte der hauseigene Schwarztee sein mit seinen eigentümlichen Raucharomen, den ein Partner vor einigen Jahrzehnten eingeführt hat. "Man muss ihn nicht mögen, wenn man hier arbeitet, aber es hilft", lacht Müller. Der Vorstand hatte genügend Zeit, sich an den Rauchtee zu gewöhnen. Seit 22 Jahren arbeitet er für die Privatbank. Vornehm wirkt er nicht unbedingt, eher bodenständig, ein Hauch von hessischem Dialekt hat sich bei dem Rheingauer auch nach vielen Jahrzehnten im internationalen Bankgeschäft noch erhalten.

Die Antwort auf die Frage nach der Langlebigkeit der Privatbank ist kurz: der unbedingte Wille zur Bewahrung der eigenen Souveränität. "Im ersten Satz unserer Strategie ist die Erhaltung der Unabhängigkeit als oberstes Ziel festgeschrieben", erläutert Müller, und so wie der 66-Jährige diesen Satz sagt, ist klar, dass dieser der Nordstern ist, nach dem sich alles und jeder in der Bank auszurichten hat.

Dass das seit Jahrhunderten funktioniert, führt Müller auf drei Faktoren zurück: den Zusammenhalt der Familie, langfristiges Denken und Diversifikation. "In Extremsituationen wie Kriegen, bei Hyperinflation und Deflation verlieren alle Geld, die entscheidende Frage lautet: Bleibt genügend Substanz übrig, um danach neu starten zu können?"

Zur Tradition bei Metzler gehört auch das Jahresergebnis. "Der Gewinn beträgt wie immer 2,3 Millionen Euro", verkündete Müller bei der Bilanzpressekonferenz Ende Mai. Dieses Ergebnis dient zur Ausschüttung einer seit Jahrzehnten unveränderten Dividende an die Eigentümerfamilie, der Rest fließt in die Reserven.

Mit über 20 Prozent leistet sich das Bankhaus eine im Branchenvergleich ausgesprochen üppige Kernkapitalquote. Im Stresstest wurden 5,9 Prozent verlangt. Zum Vergleich: die der Deutschen Bank liegt bei 7,4 Prozent, die der Commerzbank bei 8,2 Prozent.

Aber zur Resilienz gehört mehr als der Aufbau möglichst dicker Risikopuffer. "Man muss den Mut haben, Gewinne liegen zu lassen, wenn man den Verdacht hat, dass die damit verbundenen Geschäftsideen zu riskant sind", meint Müller. So wie während des Dotcom-Booms und des Hypes rund um den Neuen Markt. Das Kapitalmarktgeschäft gehört zwar zum Kerngeschäft von Metzler, trotzdem beteiligte sich die Bank an keinem einzigen Neuen-Markt-Börsengang, "obwohl es damals Geld regnete", wie Müller sich erinnert.

Als die Blase platzte und der Neue Markt kollabierte, nahm die Reputation von Metzler keinen Schaden, und das ist für Müller das Wichtigste. "Wenn man nach einer schweren Krise neu aufbauen muss, dann funktioniert das für eine Privatbank nur, wenn der gute Ruf intakt ist."

"Die wachstumsstärkste Bank ist Metzler ganz sicher nicht, aber wenn es um Krisenfestigkeit in schwierigen Zeiten geht, dann sprechen die Fakten für sich", meint ein Frankfurter Konkurrent. Dazu trägt auch der politische und gesellschaftliche Einfluss der Bank bei, den die Familie im Laufe der Jahrhunderte immer wieder geschickt genutzt hat. Was heute unter dem Begriff "Networking" läuft, nannte Reichskanzler Otto von Bismarck "Metzlern", weil er beim Sonntagstee in der Sachsenhausener Villa der Bankiers beinahe jeden traf, der in Politik und Wirtschaft etwas zu sagen hatte.

Doch die Geschäfte mit den Mächtigen sind heikel. Das zeigte sich schon Ende des 18. Jahrhunderts im österreichischen Erbfolgekrieg. Die größten Gewinne versprechen damals die in Wien regierenden Habsburger, die stets in Geldnöten sind und hohe Zinsen zahlen. Bankiers wie die Gebrüder Bethmann verdienen zunächst prächtig mit den Habsburgern. Anders die Metzlers, die trotz der deutlich niedrigeren Renditen Preußen finanzieren.

Die konservativere Strategie zahlt sich aus. Während Preußen seine Schulden stets bediente, mussten die Habsburger viele ihrer Anleihen umschulden oder gar platzen lassen. Als schließlich Napoleon auf das Schlachtfeld tritt, steigen die Metzlers ganz aus dem riskanten Geschäft mit den Herrschern aus.

Hier kommt Metzlers zweites Prinzip zur Erhaltung der Unabhängigkeit ins Spiel: ein diversifiziertes Geschäftsmodell. Immer wieder musste sich die Bank neu erfinden, auch während des Nationalsozialismus: Im "Dritten Reich" hatten die Nazis den deutschen Kapitalmarkt komplett abgeschottet. Das Geschäft mit der Vermögensverwaltung kollabierte. Um diese Zeit zu überstehen, konzentrierte sich das Bankhaus auf die Finanzierung von Industriekunden und unterstützte sie bei Wechsel- und Kreditgeschäften. Der Fokus lag dabei auf der Lederindustrie, Brauereien und der Zementindustrie.

Weitere Einnahmen kamen aus Finanz- und Grundstücksgeschäften mit Schweizer Banken über die Continentale-Commerz-Gesellschaft, an der das Bankhaus beteiligt war. Im März 1944 fielen der Frankfurter Stammsitz in der Großen Gallusstraße sowie die meisten Geschäftsunterlagen bei einem Luftangriff den Flammen zum Opfer. Im Moment arbeitet Metzler intensiv an einem historischen Projekt, das die Geschichte der Bank in der Nazizeit aufarbeiten soll.

Jüngere Krisen wie die Pleite der Kölner Herstatt Bank, die der Bundesrepublik ihre erste Bankenkrise beschert hatte, oder den Kollaps von Lehman Brothers überstand das Frankfurter Bankhaus mit ein paar Schrammen. "Wir litten wie alle unter den Folgen für den gesamten Markt, aber wir hatten in beiden Krisen keinerlei Ausfälle. Das haben wir auch jetzt nicht vor", betont Müller. Trotz Ukrainekrieg, Inflation und heftiger Turbulenzen an den Märkten erwartet der Banker "ein ordentliches Jahr". Und es sei "selbstverständlich keine Frage", dass es wie immer für die Dividende für die Familie reichen werde.

Der dritte Faktor, der die Bank durch die Jahrhunderte getragen hat, der Zusammenhalt der Familie, zeigte sich zum Beispiel in der Weltwirtschaftskrise. Als reihenweise Kredite ausfielen und die Verluste immer größer wurden, waren auch Mitglieder, die nicht mehr an der Bank beteiligt waren, bereit, Vermögen zuzuschießen und eigene Immobilien oder Grundstücke zu verkaufen.

Neben Solidarität und Tradition trägt aber auch ein gesunder Pragmatismus dazu bei, das Familienerbe zusammenzuhalten. Anteile an der Bank werden nur von Familienmitgliedern gehalten, die ein ernsthaftes Interesse am Geschäft zeigen. "Die Familienmitglieder, die an der Bank interessiert sind, haben die Möglichkeit, die Anteile der anderen zu einem fairen Preis zu erwerben", sagte der aktuelle Patriarch Friedrich von Metzler einmal in einem Interview.

Das sei der Grund, warum es gelungen sei, die Zahl der Aktionäre klein zu halten und die Bank über einen so langen Zeitraum konfliktfrei zu führen. Umgekehrt wird von Familienmitgliedern nicht verlangt, in die Bank einzutreten. Ein weiteres Prinzip: Familienmitglieder können nur dann in die operative Führung der Bank aufsteigen, wenn sie bewiesen haben, dass sie die nötigen Talente und Qualifikationen mitbringen.

Seit Jahrzehnten ist Friedrich von Metzler das Gesicht des Bankhauses. Aber "FM" ist weit mehr als ein Manager. "Als Mäzen, Gastgeber und Ehrenbürger verkörpert er die Tradition der liberalen Frankfurter Bürgergesellschaft, von der heutzutage leider nicht mehr allzu viel geblieben ist", meint ein hochrangiger Frankfurter Banker. Friedrich von Metzler hat sich seit Jahren immer mehr von seiner aktiven Rolle in der Bank verabschiedet. Seine Mandate hat er abgegeben, auch wenn er noch hin und wieder Kundentermine wahrnimmt. Seinen Mehrheitsanteil an der Bank hat er an seinen Sohn Franz und seine Tochter Elena weitergegeben.

Einige Jahre schien es unsicher, ob die junge Generation ins operative Geschäft einsteigen würde. Auch an einer 348 Jahre alten Bank gehen die Zeitläufe nicht spurlos vorüber. Seit ein paar Monaten ist B. Metzler seel. Sohn & Co., zuvor eine Kommanditgesellschaft auf Aktien, eine normale Aktiengesellschaft, und aus den persönlich haftenden Gesellschaftern wurden Vorstände.

"Die Aktien bleiben zu 100 Prozent im Familienbesitz, und wir bleiben ein Familienunternehmen", betont Müller. Ein Familienunternehmen, bei dem inzwischen klar ist, dass die Familie auch künftig eine Schlüsselrolle spielen wird.

Elena von Metzler sitzt mittlerweile im Aufsichtsrat, und Franz von Metzler ist Geschäftsführer im Asset-Management der Privatbank. Sein Lebenslauf liest sich vom Betriebswirtschaftsstudium an der Bocconi-Universität in Mailand über seine Zeit als Investmentbanker bei HSBC in London bis zu den diversen Stationen bei Metzler wie das Drehbuch für einen künftigen Bankchef. Es wäre die Fortsetzung einer langen Tradition.

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Der Artikel erschien am 4. Oktober 2022 im Handelsblatt