
1.10.2026 | Asset Management
CIO View – Anleihen

Tristan Krieger
Portfoliomanager
Mit dem spürbaren Renditeanstieg bei langlaufenden deutschen Staatsanleihen befinden sich die Renditen auf dem höchsten Niveau seit mehr als 15 Jahren. Inzwischen sind damit Zinsregionen erreicht, die Anlegern selbst mit bonitätsstarken Anleihen sehr attraktive Ertragschancen eröffnen. Das gilt gleichermaßen für die Steuerung kurzfristiger Liquidität wie für die langfristige Allokation von ALM-Anlegern.
Die Rückkehr attraktiver Zinsen sind nicht nur Resultat der gestiegenen Wachstumserwartungen, die beispielsweise im Aktienmarkt beim KI-Thema zweifelsfrei eingepreist werden, denn dafür haben sich die Zinsen in Jahren 2024 und 2025 zu wenig bewegt. Vielmehr lässt sich in diesem Jahr eine bedenkliche Mischung beobachten: ein neuerlicher Inflationsschock, der an den Märkten gegenwärtig als temporäres Phänomen eingestuft wird, trifft auf eine zunehmend restriktive Gangart der Notenbanken sowie auf eine schwelende Vertrauenskrise in die Staatshaushalte. Sollten sich diese Themen in den nächsten Jahren weiter verschärfen, sind gerade bei den längeren Laufzeiten weiter steigende Renditen zu erwarten.
Im Unterschied zur geldpolitischen Kehrtwende nach der COVID-Pandemie lässt sich an den Kreditmärkten bislang keine nennenswerte Ausweitung der Risikoaufschläge bei Unternehmensanleihen beobachten. Auffällig ist zudem, dass sich seit dem Sommer weder Titel mit einem BBB-Rating gegenüber defensiveren A-Papieren unterdurchschnittlich entwickelt haben, noch sind strukturell anfälligere Branchen wie der zyklische und zinssensitive Automobilsektor hinter dem Gesamtmarkt zurückblieben. Die Risiken, die zuletzt deutlich bei Staatsanleihen eingepreist wurden, haben somit nicht auf die eigentlich risikoreicheren Marktsegmente übergegriffen.
Grundsätzlich schwierig zu beantworten ist die Frage, ob die stabil niedrigen Risikoprämien der Unternehmensanleihen ein Zeichen gestiegenen Vertrauens, eventuell gar einer Hybris, des Marktes gegenüber dem Privatsektor sind, oder ob sie vielmehr einen Vertrauensverlust in den Staatsanleihemarkt widerspiegeln. Das Sentiment und die Nachfrage am Staatsanleihemarkt jedenfalls scheinen den tiefsten Stand seit der Eurokrise erreicht zu haben; ein Umstand, der sich auch auf die erstklassigen Bonitäten wie deutsche Staatsanleihen auswirkt.
Zusätzlichen Druck erfährt der Staatsanleihemarkt insbesondere in den USA durch das immense Anleiheangebot erstklassig bewerteter Technologiekonzerne wie Alphabet (AA+) oder Amazon (AA-). Es wäre jedoch verfrüht, hier eine Zeitwende mit dauerhaft niedrigen Risikoprämien aufgrund des gestiegenen Risikos von Staatsanleihen auszurufen. Im Falle schwerer Marktverwerfungen erwarten wir, dass die klassischen sicheren Häfen, allen voran deutsche Staatsanleihen, ihrer Rolle als verlässlicher Zufluchtsort in Krisenzeiten gerecht werden.
Zusammengefasst haben wir sowohl bei Staatsanleihen als auch bei Unternehmensanleihen eine hohe Präferenz für gute Bonitäten. Der potenzielle Mehrertrag für die Übernahme höherer Risiken fällt in vielen Fällen überschaubar aus und dürfte nicht hoch genug sein, um den meisten Anlegerbedürfnissen gerecht zu werden.