
1.10.2026 | Asset Management
CIO View – ESG-Corner
Hohe Börsenbewertungen bei vergleichsweise emissionsarmen Geschäftsaktivitäten sind die Hauptgründe für die aktuell hohe Gewichtung der US-Technologie-Schwergewichte in Klimastrategien. So beläuft sich das Gewicht der vier größten Hyperscaler – Alphabet, Amazon, Meta Platforms und Microsoft – im MSCI World Climate Change CTB Index auf 14,8 Prozent. Im MSCI World Index kommen die Tech-Giganten auf einen Anteil von 11,9 Prozent.
Zwar halten die Konzerne an ihren ambitionierten Klimazielen bislang offiziell fest, doch angesichts absehbar steigender CO₂-Emissionen wachsen die Zweifel an deren Realisierbarkeit. So streben etwa Microsoft und Alphabet danach, ihre CO₂-Emissionen entlang der Wertschöpfungskette (Scope 1, 2 und 3) bis zum Jahr 2030 auf Netto-Null zu senken. Microsoft verfolgt sogar das Ziel, eine negative CO₂-Bilanz zu erreichen, also mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu entziehen als selbst auszustoßen.
Angesichts der massiven Investitionen in Rechenzentren erscheinen diese Ziele unrealistisch. Der Ausbau der Kapazitäten erfordert erhebliche Mengen an Stahl, Beton und KI-Infrastruktur wie Speicherchips, was die Scope-3-Emissionen sprunghaft ansteigen lässt.
Zusätzlich treibt der immense Energiebedarf für den Betrieb der Rechenzentren die Scope-1- und Scope-2-Emissionen in die Höhe. Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert bis zum Jahr 2030 eine Verdopplung des weltweiten Strombedarfs durch Rechenzentren, der mehrheitlich über fossile Energieträger wie Gas und Kohle gedeckt werden dürfte. Um langwierige Netzausbauten zu umgehen, setzen Hyperscaler vermehrt auf eigene Inselkraftwerke vor Ort. Ein prominentes Beispiel ist Amazons geplante „GW Ranch“ in Texas: Das Rechenzentrum soll über 35 eigene Gasturbinen versorgt werden, dessen Emissionen voll auf Amazons Scope-1-Bilanz durchschlagen. Mit einer Leistung von 7,65 Gigawatt wäre es das größte Erdgaskraftwerk in der US-Geschichte.
Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass die indirekten Emissionen aus dem Einkauf von Strom (Scope-2) zukünftig nicht mehr so einfach wie bisher bilanziell gesenkt werden können. Bislang reduzieren Unternehmen die über das lokale Stromnetz bezogene Emissionen buchhalterisch über Energiezertifikate für Erneuerbare Energien (sog. „Energy Attribute Certificates“). Von dieser durch das Greenhouse Gas (GHG) Protocol legitimierten Praxis machen die US-Hyperscaler extensiv Gebrauch: Die ihnen zurechenbaren Emissionen aus dem physisch vor Ort bezogenen Strom („location-based“) übersteigen die Emissionen nach Berücksichtigung vertraglicher Vereinbarungen und Zertifikate („marked-based“) um ein Vielfaches. Die für 2028 geplante Reform des GHG Protocol wird diese Verrechnungspraxis mit hoher Wahrscheinlichkeit erschweren. Die ausgewiesenen Scope-2-Emissionen sollten also absehbar steigen.
Mit den steigenden CO₂-Emissionen dürfte die derzeit hohe Gewichtung der US-Tech-Giganten in Klimastrategien perspektivisch sinken. Im Gegenzug könnte zum Beispiel die Bedeutung CO₂-ärmerer Technologiewerte sowie ganzer Sektoren wie Finanzen und Gesundheit zunehmen. Für Anleger, die die ausgeprägte Big-Tech-Dominanz im eigenen Portfolio mit Sorge betrachten, ist das eine gute Nachricht.