
1.10.2026 | Asset Management
CIO View – Multi-Asset
Die Aktienmärkte haben sich trotz geopolitischer Spannungen, erneut gestiegener Energiepreise und deutlich erhöhter Anleiherenditen bislang bemerkenswert robust gezeigt. Unterstützt werden die Märkte primär von einer weiterhin starken Entwicklung der Unternehmensgewinne. Gleichzeitig nimmt jedoch der Gegenwind vom Rentenmarkt zu. Genau in diesem Spannungsfeld aus steigenden Unternehmensgewinnen auf der einen und steigenden Renditen auf der anderen Seite liegt für uns derzeit das zentrale Risiko für die Märkte.
Die jüngste Zinserhöhung der US-Notenbank hat dabei zunächst einen wichtigen langfristigen Belastungsfaktor entschärft: Die Zweifel an der geldpolitischen Unabhängigkeit der Fed. Sollte sich die US-Notenbank auch künftig klar an Inflation und Konjunktur orientieren, dürfte dies perspektivisch ein wichtiger Stabilisierungsfaktor für die Märkte sein.
Gleichwohl beginnen mehrere Säulen, die die Märkte bislang stützten, simultan an Stabilität einzubüßen. Der hohe Ölpreis verstärkt den Inflationsdruck, die Geldpolitik wird restriktiver und die Notenbanken stehen möglicherweise erst am Beginn eines neuen Zinserhöhungszyklus. Hinzu kommen die hohe US-Staatsverschuldung und sehr ambitionierte Erwartungen an den KI-Investitionszyklus. Auch mit Blick auf die Geopolitik spiegeln die aktuellen Marktpreise ein hohes Maß an Zweckoptimismus wider. Eingepreist scheint zu sein, dass in allen denkbaren Szenarien immer das bestmögliche Ergebnis eintritt.
Vor diesem Hintergrund haben wir die Aktienquote zuletzt reduziert. Sie liegt nun leicht unter unserer neutralen Positionierung. Das ist nicht als ausgeprägt pessimistisches Signal zu verstehen ist, denn unser Indikatorenset für den Aktienmarkt bleibt grundsätzlich konstruktiv. Allerdings hat sich die technische Marktverfassung zuletzt, ausgehend von einem zuvor sehr guten Niveau, geringfügig verschlechtert. Insbesondere die fallende Risikofreude mahnt zur Vorsicht.
Nach der ausgeprägt positiven Performance im bisherigen Jahresverlauf und angesichts des ungünstiger gewordenen Chance-Risiko-Verhältnisses nehmen wir daher bewusst den Fuß vom Gaspedal. Auch innerhalb des Aktienbausteins stellen wir uns robuster auf: durch defensivere sektorale Akzente, ein geringeres Beta und eine breite regionale Diversifikation. Energietitel erfüllen eine wichtige Funktion als Makro-Hedge gegen weitere Ölpreisanstiege, Gold behält seine strategische Rolle als systemischer Schutzschild.
Der wahrscheinlichste Auslöser einer starken Aktienmarktkorrektur ist aus unserer Sicht der Rentenmarkt. Steigende Renditen erhöhen die Attraktivität von Anleihen, verteuern die Finanzierung und setzen Bewertungsmultiplikatoren unter Druck. Wir halten die Duration weiterhin kurz und bevorzugen bonitätsstarke Unternehmensanleihen gegenüber langlaufenden Staatsanleihen.
Unser Basisszenario impliziert keinen Crash am Aktienmarkt. Eine moderate Korrektur oder eine längere volatile Seitwärtsphase erscheint jedoch plausibel. Verschärfen sich Zins- und Inflationsrisiken weiter, könnte ausgerechnet der Rentenmarkt zum entscheidenden Risikofaktor werden.

Nicolai Austein
Co-Head of Multi-Asset Solutions, Portfolio Manager