
1.10.2026 | Asset Management
CIO View – Spotlight
Die Lage am Ölmarkt ist kritisch. Die Passage durch die Straße von Hormus bleibt weiterhin gestört, zusätzliche Transportwege rund um das Rote Meer sind gefährdet und die saudische Ost-West-Pipeline als wichtige alternative Route ist Angriffen der Huthis ausgesetzt. Die Folge: Mehr als zehn Mio. Barrel täglicher Öl-Fördermenge aus der Golfregion fallen derzeit aus. Global betrachtet sind die Ölbestände seit Februar um 507 Mio. Barrel gefallen. Allein im August sank der Bestand um 95 Mio. Barrel.
Noch angespannter ist die Lage bei den Raffinerien und bei Ölprodukten. Die globale Raffinerieverarbeitung lag im August mit 81 Mio. Barrel pro Tag um 4,2 Mio. Barrel unter dem Vorjahresniveau. Die Exporte raffinierter Produkte und von Flüssiggas aus den Golfstaaten liegen fast 60 Prozent unter dem Niveau vor dem Iran-Krieg. Besonders knapp ist Diesel. Vor dem Krieg entfielen auf die Region inklusive Russland fast 45 Prozent des weltweiten Seehandels.
Selbst, wenn zusätzliches Rohöl verfügbar wäre, ließe sich kurzfristig nicht beliebig mehr Diesel und (Flug-)Benzin produzieren. Die Internationale Energieagentur (IEA) spricht inzwischen von einem globalen Raffineriesystem, das „stretched to the limit“ sei.
Dazu kommt: Die staatlichen Reserven können einen weiteren Schock inzwischen weniger gut abfedern als noch zu Kriegsbeginn. So sind die US-Reserven erheblich gesunken und die kurzfristig mobilisierbare Menge ist durch niedrige Füllstände und infrastrukturelle Restriktionen begrenzt.
Wenn der Ölpreis längere Zeit über der Marke von 120 US-Dollar notieren sollte, wären erhebliche negative Auswirkungen auf die Weltkonjunktur zu erwarten. Außerdem würde die bereits hohe Inflation weiter angeheizt. In vielen Volkswirtschaften hält sich die Kerninflation (d.h. ohne Energiepreise) bereits heute hartnäckig über den Inflationszielen der Zentralbanken. Steigende Ölpreise würden das allgemeine Preisniveau weiter anheben. Sie würden die Kraftstoffpreise erhöhen und damit die Transportkosten. Im verarbeitenden Gewerbe wäre mit steigenden Produktionskosten zu rechnen.
Damit droht aus dem erneuten Energiepreisschock eine zweite Inflationswelle zu werden. Für Europa wären die Folgen besonders problematisch: Als großer Nettoenergieimporteur würde der europäische Wirtschaftsraum gleichzeitig an Kaufkraft und Wachstum verlieren – gerade in dem Moment, in dem sich die Konjunktur spürbar erholt.

Edgar Walk
Chief Economist
Metzler Asset Management
Economic Research
Normalerweise ignorieren Zentralbanken einen temporären Ölpreisschock weitgehend. Denn höhere Leitzinsen produzieren kein zusätzliches Öl und schaffen keine zusätzlichen Raffineriekapazitäten. Allerdings wächst die Weltwirtschaft derzeit aufgrund des globalen Investitionsbooms dynamisch, sodass die höheren Energiepreise stärkere inflationäre Effekte haben dürften als bei früheren Ölpreisschocks. Nicht überraschen würden uns zwei Leitzinsschritte der Europäischen Zentralbank auf 3,0 Prozent bis Jahresende. Auch die US-Notenbank dürfte die Leitzinsen in zwei Schritten auf 4,4 Prozent erhöhen. Fallen die Ölpreise nicht wieder, sind weitere Zinserhöhungen nicht ausgeschlossen.