
01.10.2026 | Kapitalmarktkommentar
Das Jahr 2026 neigt sich langsam dem Ende zu, doch ein politisches Großereignis steht noch bevor. Anfang November richten sich alle Blicke nach Washington, wenn in den USA bei den Zwischenwahlen („Midterms“) über die künftigen Kräfteverhältnisse im Kongress abgestimmt wird.
Die ersten beiden Amtsjahre von Präsident Trump waren von einer konfrontativen Handelspolitik, geopolitischen Spannungen und einem Umbau staatlicher Institutionen geprägt, was an den Finanzmärkten wiederholt für Unsicherheit sorgte. Entsprechend rückt die Frage in den Fokus, ob die Regierung ihren bisherigen Kurs uneingeschränkt fortsetzen kann.
Die Antwort darauf hängt maßgeblich vom Wahlausgang ab. Schließlich entscheiden die Mehrheitsverhältnisse im Kongress darüber, wie leicht sich politische Vorhaben in den kommenden zwei Jahren umsetzen lassen.
Die US-Zwischenwahlen markieren traditionell die politische Halbzeitbilanz der Regierung. Sie sind damit ein wichtiger Gradmesser der Zufriedenheit der Bevölkerung. Gewählt werden sämtliche 435 Abgeordneten des Repräsentantenhauses sowie 33 der 100 Mitglieder des Senats. Bereits die Kontrolle über eine Kammer ermöglicht der Opposition, politische Vorhaben zu bremsen und größeren Einfluss auf die Gesetzgebung auszuüben.
Historisch stellten die Midterms für den amtierenden Präsidenten meist eine Herausforderung dar. In den vergangenen Jahrzehnten verlor die Regierungspartei häufig die Kontrolle über mindestens eine Kammer des Kongresses. Die bekannteste Ausnahme lag im Jahr 2002, als die Republikaner unter George W. Bush ihre Mehrheiten angesichts der besonderen politischen Lage nach den Terroranschlägen vom 11. September sogar ausbauen konnten. Die letzte vergleichbare Konstellation hatte es zuvor im Jahr 1978 gegeben, als die Demokraten unter Jimmy Carter dem sonst üblichen Muster trotzten.
Quellen: 270toWin, Metzler, Stand 29. September 2026
Quellen: 270toWin, Metzler, Stand: 29. September 2026
FactSet, Metzler, Stand: September 2026
Für die Wahlen 2026 hat sich die Stimmungslage zuletzt spürbar zugunsten der Demokraten verschoben. Während die Republikaner unmittelbar nach Trumps Amtsantritt noch von einem komfortablen Vertrauensvorschuss profitierten, hat die zunehmende Unzufriedenheit vieler Wähler in den vergangenen Monaten die Ausgangslage in beiden Kammern wieder deutlich offener erscheinen lassen. Im Senat zeichnet sich inzwischen ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen ab.
Aktuelle Schätzungen sehen die Demokraten bei 48 und die Republikaner bei 47 Sitzen, die als sicher oder wahrscheinlich gelten (siehe Abb. 1). Über die Mehrheitsverhältnisse dürften damit lediglich fünf besonders umkämpfte Bundesstaaten entscheiden. Allerdings würden die Republikaner selbst bei einem Gleichstand von 50 zu 50 Sitzen in vielen Gesetzesentscheidungen die Kontrolle behalten, da Vizepräsident JD Vance als Präsident des Senats das Patt mit einer zusätzlichen Stimme brechen könnte.
Im Repräsentantenhaus stellt sich die Situation für die Demokraten dagegen günstiger dar. Dort werden derzeit 220 Sitze als (tendenziell) sicher eingestuft, gegenüber 200 auf republikanischer Seite. Für eine Mehrheit benötigt eine Partei 218 Sitze. Auch in den verbleibenden 15 offenen Wahlkreisen deuteten die jüngsten Umfragen eher auf Vorteile für die Demokraten hin. Anders als im Senat erscheint ein Machtwechsel im Repräsentantenhaus damit aktuell sehr wahrscheinlich.
Sollten die Republikaner mindestens eine der beiden Kammern verlieren, würde dies die innenpolitische Handlungsfähigkeit der Regierung deutlich einschränken. Das liegt daran, dass der Gesetzgebungsprozess in den USA grundsätzlich die Zustimmung sowohl des Repräsentantenhauses als auch des Senats erfordert.
Bei unterschiedlichen Mehrheiten in beiden Kammern wären größere steuer-, ausgaben- oder sozialpolitische Vorhaben künftig nur noch schwer durchsetzbar, da sie überparteiliche Unterstützung erfordern würden. Selbst eine Mehrheit der Demokraten in beiden Kammern dürfte eine politische Blockade kaum verhindern. Der Präsident hat grundsätzlich die Möglichkeit, Gesetzesvorhaben des Kongresses mit seinem Vetorecht zu stoppen. Um ein solches Veto wiederum zu überstimmen, ist eine Zweidrittelmehrheit in beiden Kammern erforderlich, die angesichts der politischen Mehrheitsverhältnisse kaum erreichbar sein dürfte.
Eine demokratische Mehrheit in mindestens einer der beiden Kammern hätte jedoch nicht nur Nachteile. Aus volkswirtschaftlicher Sicht könnte die damit verbundene Einschränkung des politischen Handlungsspielraums dazu beitragen, den finanzpolitischen Kurs der USA zu disziplinieren. Da Regierung und Kongress bei zentralen Haushaltsentscheidungen Kompromisse finden müssten, wäre eine weitere Ausweitung des Defizits schwerer durchsetzbar.
Mit abnehmendem Gestaltungsspielraum in der Gesetzgebung dürfte Trump seinen Fokus verstärkt auf Politikfelder richten, die sich weitgehend durch präsidentielle Entscheidungen gestalten lassen. Dies gilt insbesondere für die Außen-, Handels- und Migrationspolitik.
Für die Kapitalmärkte bliebe damit ein erhebliches Maß an Unsicherheit bestehen. Die Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre zeigen, dass insbesondere der erratische Politikstil des Präsidenten immer wieder kurzfristige politische und marktseitige Turbulenzen auslösen kann.
Anders verhielte es sich, sollten die Republikaner ihre Mehrheiten in beiden Kammern behaupten. Trump könnte dann weiterhin erheblichen innenpolitischen Einfluss ausüben. Zusätzliche Steuererleichterungen oder neue Ausgabenprogramme wären in diesem Fall deutlich leichter durchsetzbar.
Für die Finanzmärkte wäre dies kurzfristig mit größerer politischer Kontinuität verbunden. Gleichzeitig stiege aber auch das Risiko höherer Haushaltsdefizite und damit eines stärkeren Inflationsdrucks. Dies wiederum könnte dazu beitragen, dass die Zinsen länger auf einem erhöhten Niveau blieben.
Die Finanzmärkte reagieren nicht nur auf den Wahlausgang selbst, sondern bereits im Vorfeld auf die mit den US-Zwischenwahlen verbundene politische Unsicherheit. Ein Blick in die Historie zeigt, dass die Aktienmärkte rund um die Kongresswahlen häufig einem wiederkehrenden Muster folgten.
In den Monaten vor dem Wahltermin nahm die Schwankungsintensität oftmals zu, da Investoren die möglichen Folgen veränderter Mehrheitsverhältnisse im Kongress einpreisten. Nach dem Wahltag ging diese Unsicherheit dagegen häufig zurück, was in vielen Fällen von einer positiven Entwicklung der US-Aktienmärkte begleitet wurde. Über alle Midterms seit 1946 hinweg ergibt sich für den US-Aktienmarkt ein bemerkenswert konsistentes Bild.
Während die durchschnittliche Entwicklung in den Monaten vor der Wahl eher seitwärts verlief, legten die Kurse in den zwölf Monaten nach dem Urnengang meist deutlich zu (siehe Abb. 2). Ein Jahr nach den Wahlen notierte der US-Aktienmarkt historisch betrachtet durchschnittlich rund 14,4 % höher als zum Zeitpunkt der Wahl. Ein möglicher Grund hierfür ist, dass die politischen Rahmenbedingungen für die verbleibenden zwei Jahre einer Präsidentschaft nach den Wahlen besser abschätzbar werden. Gleichzeitig zeigt die große Spannbreite zwischen den besten und schlechtesten Wahlzyklen, dass einzelne US-Zwischenwahlen sehr unterschiedliche Auswirkungen auf die Aktienmärkte hatten. Die Historie liefert damit ein interessantes Indiz, sollte aber nicht als treffsichere Prognose für die diesjährige Wahl verstanden werden.
Deutlich weniger klar fällt das historische Bild bei US-Staatsanleihen aus. Für die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen lässt sich über die vergangenen Midterm-Zyklen hinweg kein vergleichbares Muster erkennen. Während die Renditen nach den Wahlen in einigen Phasen, insbesondere während der Hochinflationsjahre der 1980er-Jahre, deutlich stiegen, waren in anderen Wahlzyklen auch spürbare Renditerückgänge zu beobachten, etwa nach den Midterms 2018.
Anders als bei Aktien scheint der Einfluss der Wahl auf den Rentenmarkt daher begrenzt zu sein. Für die Entwicklung langfristiger Staatsanleiherenditen dürften vielmehr Faktoren wie Inflationsaussichten, Geldpolitik und Konjunkturentwicklung entscheidend bleiben.
Die US-Zwischenwahlen dürften die politischen Kräfteverhältnisse in Washington neu ordnen und den Handlungsspielraum von Präsident Trump für die verbleibenden zwei Jahre seiner Amtszeit einschränken. Vieles spricht dafür, dass politische Kompromisse künftig wichtiger werden und größere gesetzgeberische Vorhaben schwerer durchzusetzen sein könnten. Für Anleger sollte die Bedeutung der Wahlen jedoch nicht überschätzt werden.
Die Historie zeigt, dass politische Ereignisse an den Finanzmärkten meist schneller in den Hintergrund treten, als zunächst erwartet. Aus unserer Sicht spricht daher wenig dafür, Portfolios allein aufgrund der anstehenden Zwischenwahlen neu auszurichten. Eine breite Diversifikation und der Fokus auf qualitativ hochwertige Geschäftsmodelle bleiben auch über den Wahltag hinaus ein sinnvoller Ansatz.

Julian Albrecht
CFA Kapitalmarktanalyst

Rudi Stooff
Makroanalyst
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