„Am Ende macht der Mensch den Unterschied“
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Im Interview mit Heike Bangert von Focus Money erklärt Elena von Metzler, Gesellschafterin des Bankhauses Metzler, warum ein Privatbankhaus nur dann relevant bleibt, wenn es sich immer wieder neu erfindet, und gibt zugleich einen persönlichen Einblick in Familie, Verantwortung und Führung.
Focus Money: Frau von Metzler, ein heutzutage (zum Glück) nicht mehr ganz aktuelles Sprichwort lautet: Über Geld spricht man nicht. Wie war das früher bei Ihnen zu Hause?
Elena von Metzler: Das ist in der Tat eine spannende Frage, denn ohne Geld funktioniert eine Gesellschaft nun einmal nicht. Das war früher so, ist heute so und wird auch morgen so sein. Bei uns zu Hause spielte das Thema naturgemäß eine große Rolle. Im Bankhaus Metzler beschäftigen wir uns mit Geld, mit Vermögen, mit langfristigem Erhalt und mit der Frage, wie man Chancen nutzt und zugleich Krisen übersteht.
Sie haben früh erfahren, was Geldanlage bedeutet?
Ja, sehr früh sogar. Als ich zwölf Jahre alt war, schenkte mir meine Großmutter einmal 50 Mark. Ich hätte sie ausgeben können, habe mich aber entschieden, zu meinem Vater zu gehen und zu sagen: ‚Ich möchte das Geld anlegen.‘ Er hat sich darüber sehr gefreut und Fondsanteile für mich gekauft. Danach haben wir regelmäßig nachgeschaut, wie sich der Kurs entwickelt. Das war für mich sehr prägend. Ich habe dabei verstanden, wie wichtig langfristiges Investieren für Stabilität ist.
Also Finanzbildung ganz konkret, nicht theoretisch?
Genau. Ich finde es grundsätzlich sinnvoll, sich früh mit Finanzthemen zu beschäftigen. Es hilft, ein Gefühl für Geld, für Chancen und für Entwicklungen zu bekommen. Erfahrung ist da ein wichtiger Lehrmeister.
Das bezweckt die Bundesregierung mit der geplanten Frühstartrente. Halten Sie diese für sinnvoll?
Absolut. Mit der Frühstartrente sollen junge Menschen ein Startkapital für ihre private Altersvorsorge erhalten. Abgesehen davon, dass das Geld schlicht notwendig für die private Altersvorsorge ist, lernen junge Menschen frühzeitig auf eine gute Art und Weise, mit Investments umzugehen.
Wann haben Sie begriffen, dass ‚die Bank‘ nicht nur ein Ort der Familie ist, sondern ein Unternehmen?
Als Kind war die Bank für mich vor allem der Ort, an dem meine Großmutter wohnte. In der Großen Gallusstraße, einem unserer vorigen Standorte, war das ganz konkret so: Wir gingen ‚in die Bank‘, und für mich bedeutete das zunächst, die Großmutter zu besuchen. Erst später wurde mir bewusst, dass dahinter ein Unternehmen steht. Rückblickend war die Geschichte mit den 50 Mark wahrscheinlich ein Schlüsselmoment. Da muss ich verstanden haben, dass das nicht nur ein Gebäude ist, sondern auch eine unternehmerische Welt.
War Ihnen damals schon bewusst, dass Sie selbst einmal Teil dieses Unternehmens sein könnten?
Nein, nicht in dieser Klarheit. Unsere Eltern haben uns nie unter Druck gesetzt. Unsere Eltern haben immer gesagt: Ihr müsst eure eigene Berufung finden. Denn wenn jemand ins Unternehmen geht und dort nicht glücklich ist, ist das weder für die Person noch für das Unternehmen gut. Diese Freiheit war da. Trotzdem habe ich natürlich gespürt, wie viel Verantwortung mit dem Haus verbunden ist. Und genau daraus entstand bei mir ein innerer Konflikt: Gehe ich irgendwann in die Bank, weil ich es wirklich will – oder weil ich mich verantwortlich fühle?
Wie haben Sie diesen Konflikt gelöst?
Indem ich erst einmal bewusst meinen eigenen Weg gegangen bin. Ich bin in die Industrie gegangen, um Erfahrungen außerhalb des Bankensektors zu sammeln. Das war mir wichtig. Ich wollte wissen, ob ich auch dort Freude an Aufgaben finde und mich unabhängig entwickeln kann. Das hat mir große Freude gemacht, ich habe viel gelernt. Aber irgendwann stand der nächste Karriereschritt an, und ich habe mit meinem Vater darüber gesprochen. Ich sagte: ‚Entweder bleibe ich in der Industrie – oder ich schaue mir das Bankhaus Metzler noch einmal genauer an.‘ Er meinte damals sinngemäß: Nimm dir ein Jahr Zeit und schau es dir in Ruhe an.
Und dann fiel die Entscheidung?
Ja, aber nicht auf einen Schlag. Ich habe ein Trainee-Programm durch verschiedene Bereiche durchlaufen und dabei etwas erlebt, das mich sehr beeindruckt hat. Mein Vater hatte zu Hause viel über Werte gesprochen: über unternehmerische Verantwortung, über langfristiges Denken, darüber, dass wir nicht kurzfristigem Gewinn hinterherlaufen sollten, sondern immer im Interesse der Kunden handeln. Und dann hörte ich in der Bank plötzlich von Kolleginnen und Kollegen genau dieselben Dinge. Da habe ich verstanden, dass das nicht nur familiäre Erzählung ist, sondern gelebte Kultur. In so einem Umfeld arbeiten und gestalten zu dürfen, habe ich als großes Privileg empfunden. Da war für mich klar: Hier möchte ich eine Rolle finden.
Auffällig ist, dass Sie über Banking weniger in Zahlenkategorien sprechen als über Menschen, Beziehungen und Vertrauen...
Das stimmt. Natürlich gehören Zahlen dazu. Aber Banking ist vor allem auch Arbeit mit Menschen. Ich habe meine Aufgabe zunächst sehr klar im Private Banking gefunden und dort mehrere Jahre gearbeitet. Gerade dort geht es um langfristige Beziehungen, um persönliches Vertrauen, um den Austausch über oft sehr grundlegende Fragen. Das hat mich immer besonders begeistert.
Während Ihr Bruder stärker das operative Geschäft verantwortet?
Die Rollen haben sich ganz natürlich entwickelt. Mein Bruder Franz war etwas früher in der Bank. Wir haben uns damals oft ausgetauscht, über Erfahrungen gesprochen und früh miteinander kommuniziert.
Wie macht man das unter Geschwistern, ohne dass es Streit gibt?
Konflikte um Zuständigkeiten gab es eigentlich nicht. Franz hat seine Schwerpunkte gefunden, ich meine. Vielleicht hat es auch geholfen, dass wir auch als Kinder immer viel gemeinsam gemacht haben. Wir ergänzen uns gut.
Sie werden oft als Wertebotschafterin des Hauses beschrieben. Welche Werte sind für Sie zentral?
Werte geben Orientierung, gerade in unsicheren Zeiten. Im Bankhaus Metzler haben wir drei zentrale Unternehmenswerte: Unabhängigkeit, Unternehmergeist und Menschlichkeit. Die Unabhängigkeit ist für uns essenziell. Weil wir keinen externen Anteilseignern verpflichtet sind, können wir nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne unserer Kunden handeln. Darauf bauen dann die anderen Werte auf. Unternehmergeist heißt für uns, Verantwortung zu übernehmen und Gestaltungsspielräume zu nutzen. Und Menschlichkeit bedeutet, dass unsere Kunden, Geschäftspartner und Mitarbeitenden spüren sollen, dass wir es mit diesen Werten ernst meinen.
Gerade die Bankenbranche kämpft immer wieder mit Imageproblemen. Wie hebt man sich da ab?
Indem man sich konsequent auf die eigenen Kernkompetenzen konzentriert und echten Mehrwert liefert. Für uns ist entscheidend, in den Bereichen stark zu sein, in denen wir Wettbewerbsvorteile haben. Und wir müssen uns jeden Tag fragen, ob wir noch die Lösungen anbieten, die unsere Kunden wirklich brauchen. Gleichzeitig müssen wir über neue Geschäftsmodelle und künftige Anforderungen nachdenken. Wettbewerbsfähigkeit und Integrität gehören zusammen.
Metzler ist seit 352 Jahren eigenständig. Viele andere Privatbanken hingegen wurden übernommen. Wie schafft man das?
Sicher nicht mit einem einzigen Erfolgsgeheimnis. Unsere Vorfahren sind durch schwierige Zeiten gegangen und haben uns natürlich auch einige Charakteristika oder Merkmale mitgegeben, die heute noch relevant für uns sind. Aber vier Punkte halte ich für besonders wichtig: erstens eine solide Eigenkapitalbasis. Zweitens die klare Konzentration auf Bereiche, in denen man wirklich einen Wettbewerbsvorteil hat. Drittens den festen Blick mehr in die Zukunft als in die Vergangenheit. Und viertens den Zusammenhalt der Familie. Die Geschichte ist wichtig, aber man darf sich nicht in ihr verlieren. Jede Generation muss ihren eigenen Rahmen setzen.
Tradition und Moderne gelten oft als Gegensatz. Für Sie offenbar nicht...
Nein, überhaupt nicht. Wenn es uns nach 352 Jahren noch gibt, dann doch nur, weil wir uns immer wieder mit der Zukunft beschäftigt haben. Tradition ist für mich Fundament, nicht Fessel. Die Werte aus der Vergangenheit geben Orientierung. Aber jede Generation muss neu definieren, wie sie daraus Zukunft gestaltet.
Wie sieht das konkret aus?
Wir haben vier Kernbereiche: Private Banking, Asset Management, Corporate Finance und Capital Markets. Daneben gibt es mit Metzler DX einen Innovationsbereich, der sich gezielt mit Zukunftsthemen beschäftigt. Ein Beispiel ist die Blockchain. Für uns ist das ein Feld, in dem wir früh Wissen aufbauen wollen, weil es Prozesse und möglicherweise ganze Strukturen im Finanzsektor grundlegend verändern kann. Wir waren beispielsweise die erste deutsche Bank, die einen Fondsanteil auf der Blockchain tokenisiert hat. Solche Themen schauen wir uns früh und sehr bewusst an.
Und gleichzeitig bleibt gerade im Private Banking der persönliche Kontakt zentral?
Unbedingt. Natürlich müssen wir digital stark sein, Prozesse verbessern und Kommunikation effizient gestalten. Aber Vermögen sind häufig komplex, oft familiär eingebettet, manchmal unternehmerisch geprägt. Da braucht es persönliche Betreuung, Gespräche und Vertrauen. Gerade bei komplexeren Fragen wollen Menschen jemanden haben, mit dem sie am Tisch sitzen können.
Gilt das auch für Jüngere, die digital aufgewachsen sind? Nutzen die nicht eher das digitale und günstigere Angebot eines Neobrokers?
Natürlich wollen jüngere Menschen schneller kommunizieren und dabei digitale Möglichkeiten nutzen. Aber interessanterweise sitzen sie am Ende auch gern mit uns am Tisch, wenn es um wichtige Entscheidungen geht. Das Bedürfnis nach persönlichem Austausch ist nach wie vor da.
Ihr Vater, Friedrich von Metzler, hat die Bank und den Finanzplatz Frankfurt stark geprägt. Wie lebt man mit einem solchen Erbe?
Mit großem Respekt. Unser Vater war und ist für mich ein Vorbild. Aber das Wichtigste, was er uns mitgegeben hat, war vielleicht etwas anderes: Es ging ihm nie um die eigene Person, sondern immer um die Sache. Er hat uns vermittelt, dass wir uns nicht selbst zu wichtig nehmen sollten. Das gibt auch Freiheit. Wir müssen nicht seinen Weg kopieren, sondern unseren eigenen finden – in unserer Zeit, mit unseren Aufgaben. Das nimmt Druck und schafft Verantwortung zugleich.
Das offene Haus, das Zusammenbringen von Menschen: „Metzlern“ hatte Otto von Bismarck im 19. Jahrhundert im Frankfurter Salon von Emma Metzler das einst genannt. Führen Sie diese Tradition fort?
Ja, unbedingt. Wir glauben daran, dass etwas entsteht, wenn Menschen zusammenkommen. Diese Haltung führen wir weiter, nur in unseren Formaten. Ein Beispiel sind Veranstaltungen, bei denen wir junge Unternehmergenerationen zusammenbringen und über Zukunftsthemen sprechen. Der Gedanke dahinter ist derselbe geblieben: Austausch ermöglicht Entwicklung.
Wie blicken Sie auf KI und die Sorge vieler Menschen, durch Technologie verdrängt zu werden?
Das sind sehr reale Fragen. Digitalisierung ist gekommen, um zu bleiben, und bei KI stehen wir eher am Anfang als am Ende. Diese Sorgen muss man ernst nehmen. Gleichzeitig bin ich überzeugt: Am Ende macht der Mensch den Unterschied. KI kann Prozesse effizienter machen und Automatisierung sinnvoll unterstützen. Aber wir sollten sie nicht um ihrer selbst willen einsetzen, sondern dort, wo sie echten Nutzen stiftet. Die KI kann nicht alles machen. Und wir müssen die Kolleginnen und Kollegen auf diesem Weg mitnehmen. Das ist immer auch ein Kulturwandel.
Was bedeutet gute Führung für Sie?
Vorbild sein. Zu dem stehen, was man sagt, und es auch vorleben. Führung hat viel mit Glaubwürdigkeit zu tun.
Sie sind Mutter von zwei Kindern, erwarten Ihr drittes und stehen zugleich beruflich in großer Verantwortung. Was braucht es für eine bessere Vereinbarkeit?
Ich glaube, drei Dinge sind entscheidend. Erstens: ein echter Kulturwandel. Wir müssen die Lebensrealität von Familien anerkennen. Zweitens eine gute Organisation in Teams: klare Ziele, klare Vertretungsregeln, Flexibilität auf beiden Seiten. Und drittens eine frühe, individuelle Karriereplanung. Gerade wenn Familie eine Rolle spielt, müssen Perspektiven sichtbar sein. Das gilt für Frauen wie für Männer, aber wir sprechen oft noch zu wenig konkret darüber.
Und was hilft Frauen besonders auf dem Weg in Führung?
Programme und Netzwerke sind wichtig, und die gibt es auch bei Metzler. Aber fast noch wichtiger ist für mich der gelebte Kulturwandel. Also das ehrliche Interesse an individuellen Lebenssituationen, die konkrete Begleitung, das Gespräch über Entwicklungsmöglichkeiten. Am Ende hilft oft genau diese Mischung aus Klarheit und Menschlichkeit.
Sie wurden mit dem FOCUS MONEY Female Finance Award (FFA) ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?
Ich fühle mich sehr geehrt – auch im Kreise der anderen Preisträgerinnen. Da sieht man, wie viel Kreativität, Energie und Ideen in der Finanzbranche stecken. Und ich finde, wir müssen noch viel stärker nach außen tragen, wie attraktiv diese Branche für Frauen sein kann. Finanzthemen wirken von außen manchmal trocken. In Wahrheit geht es um Menschen, um Zukunft, um Gestaltung, um hochrelevante Entwicklungen. Das ist viel spannender, als viele denken.
Ihr Schlussgedanke?
Dass wir mehr zeigen sollten, wie erfüllend und vielfältig die Finanzbranche sein kann. Wer einmal wirklich hineinschaut, merkt schnell: Hier geht es nicht nur um Zahlen, sondern auch um Verantwortung, Beziehungen und Zukunft.
Das Interview erschien auf Focus Money 34/2026 am 13.08.26