Kann Wirtschaftswachstum auch „zu stark“ sein?
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An den Finanzmärkten können sich vorherrschende Narrative erstaunlich schnell verändern. Noch vor wenigen Wochen dominierte die Sorge, dass mögliche Lieferengpässe bei Öl und anderen wichtigen Gütern aus dem Nahen Osten eine Rezession der Weltwirtschaft verursachen könnten. Inzwischen stellt sich beinahe die gegenteilige Frage: Könnte das Wachstum nicht zu stark ausfallen?
Bislang zeigte sich die Weltwirtschaft bemerkenswert widerstandsfähig. Das gilt vor allem für die USA, deren Konjunktur weiterhin vom Investitionsboom rund um künstliche Intelligenz getragen wird. So zeigen die Citigroup Economic Surprise Indizes, dass die US-Konjunkturdaten die Konsensus-Erwartungen seit Jahresbeginn stetig übertreffen konnten. Seit Anfang Mai hat sich dieser positive Trend sogar noch verstärkt. Bemerkenswert ist zudem, dass die veröffentlichten Daten bereits seit Juli 2025 nicht mehr nennenswert negativ überraschten.
Die Eurozone wurde dagegen zunächst von den geopolitischen Belastungen stärker getroffen. Von März bis Ende Mai 2026 blieben die Konjunkturdaten auffällig stark hinter den Erwartungen zurück. Seit Anfang Juni hat sich das Bild jedoch gewendet. Ende Juli lag der Citigroup Surprise Index für die Eurozone zeitweise sogar über seinem US-amerikanischen Pendant. Insgesamt hat sich das konjunkturelle Umfeld in den vergangenen Wochen damit nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und Teilen Asiens deutlich verbessert.
Quellen: Bloomberg, Citigroup, Metzler; Stand: 3.8.2026
Zu viel des Guten?
Im Nahen Osten scheint sich eine gewisse Entspannung abzuzeichnen. Eine Wiederöffnung der Straße von Hormus erscheint inzwischen zumindest als realistisches Szenario. Entsprechend ist der Preis für ein Barrel Brent-Rohöl auf etwa 80 US-Dollar gefallen. Damit sinkt das Risiko einer akuten Energiekrise und zugleich die Gefahr einer globalen Rezession. Eine nachlassende geopolitische Unsicherheit könnte der Weltwirtschaft sogar einen zusätzlichen Wachstumsschub verleihen: Unternehmen könnten Investitionen nachholen und Verbraucher wieder zuversichtlicher werden. Das könnte für einen interessanten Stimmungsumschwung an den Finanzmärkten sorgen: Weg von der Angst vor einer Rezession und hin zur Sorge vor einer überhitzenden Konjunktur.
Ein auffälliges Signal liefert derzeit das GDPNow-Modell der Federal Reserve Bank of Atlanta. Es schätzt das reale Wachstum der US-Wirtschaft im dritten Quartal aktuell auf annualisierte 5,9 Prozent. Bei einer Inflationsrate von rund 4 Prozent entspräche dies einem nominalen Wachstum von ungefähr 10 Prozent. Das wäre deutlich mehr als ein gewöhnlich kräftiger Aufschwung.
Der wichtigste Einflussfaktor in dieser Schätzung sind die Lagerbestände. Im zweiten Quartal hatten sie das Wachstum noch um rund 0,7 Prozentpunkte reduziert. Für das dritte Quartal unterstellt das Modell dagegen einen positiven Beitrag von etwa 1,9 Prozentpunkten. Ein erheblicher Teil des Wachstumssprungs könnte somit auf einer Normalisierung der Lagerentwicklung beruhen.
Hinzu kommen jedoch noch fundamentalere Faktoren: ein weiterhin solider privater Konsum und ein anhaltender Boom bei den Unternehmensinvestitionen. Vor allem Ausgaben für Rechenzentren, Halbleiter, Software und KI-Infrastruktur entwickeln sich zunehmend zu einem eigenständigen Konjunkturmotor.
Allerdings sollte die aktuelle GDPNow-Schätzung nicht mit einer belastbaren Prognose verwechselt werden. Das Modell wird nach jeder Veröffentlichung neuer Wirtschaftsdaten aktualisiert und kann sich in den kommenden Wochen noch erheblich verändern. Entsprechend dürfte sich der Blick nun unter anderem auf die Einzelhandelsumsätze richten. Entscheidend ist, ob der Konsum trotz eines schwächeren Einkommenswachstums und einer bereits niedrigen Sparquote robust bleibt.
Das Risiko einer Überhitzung
Sollte sich die starke Wachstumsprognose jedoch im Kern bestätigen, könnte die US-Wirtschaft ein neues Problem bekommen. Wächst die Nachfrage dauerhaft schneller als das Produktionspotenzial, steigt der Preisdruck. Die Inflation könnte sich dann in den kommenden Monaten erneut deutlich beschleunigen.
Die US-Notenbank befände sich in einem solchen Szenario womöglich hinter der Kurve. Im Extremfall könnte eine Anhebung des Leitzinses um mindestens 100 Basispunkte erforderlich werden, um die Nachfrage wieder mit den verfügbaren Kapazitäten in Einklang zu bringen.
Die anstehenden Inflationsdaten für Juli dürften mit voraussichtlich 3,4 Prozent zunächst noch moderat ausfallen. Sie wären allerdings vor allem ein Blick in den Rückspiegel. Entscheidend ist, wie sich die Kombination aus kräftigem Wachstum, niedriger Arbeitslosigkeit und hohen Investitionen in den kommenden Quartalen auf die Preise auswirkt.
Noch handelt es sich für uns lediglich um ein Risikoszenario. Deshalb haben wir unsere Prognosen für Wachstum, Inflation und Leitzinsen bislang nicht angepasst. Allerdings liegen unsere Erwartungen für Wachstum und Inflation bereits seit einiger Zeit leicht über dem Marktkonsens.
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