Fed-Unabhängigkeit: Ein Vertrauensanker für Anleger
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Seit nunmehr einem Jahr steht die wohl einflussreichste Notenbank der Welt – die US-amerikanische Federal Reserve (Fed) – unter anhaltendem politischen Druck. US-Präsident Trump versucht seinen Einfluss auf die Währungshüter zu erhöhen und drängt auf deutliche Leitzinssenkungen. Was mit verbalen Attacken gegen einzelne Mitglieder des Fed-Präsidiums begann, eskalier-te zu einer institutionellen Belagerung: Nach der ver-suchten Entlassung von Fed-Gouverneurin Lisa Cook wurde im Januar bekannt, dass auch gegen den amtie-renden Zentralbankpräsidenten Jerome Powell straf-rechtlich ermittelt wird. Ihm werden ausufernde Baukos-ten bei der Renovierung des Fed-Hauptsitzes zur Last gelegt. In beiden Fällen scheinen die Vorwürfe nur vor-geschoben zu sein. Vielmehr dürfte die US-Regierung damit versuchen, missliebige Währungshüter durch loyale Gefolgsleute zu ersetzen. Dies lässt Zweifel über die Zukunft einer unabhängigen Geldpolitik in den USA aufkommen.
In diesem Umfeld sorgte Trumps Nominierung von Kevin Warsh als Nachfolger von Jerome Powell für Ver-wunderung unter einigen Marktteilnehmern. Warsh gilt zwar als scharfer Kritiker der aktuellen Fed-Politik, wird jedoch weniger dogmatisch eingeschätzt als andere potenzielle Kandidaten. Zudem ist er als ehemaliger Fed-Gouverneur bestens mit den Abläufen innerhalb der Institution vertraut. Gleichwohl würde auch eine von Warsh geführte Notenbank die Bedenken hinsichtlich der Unabhängigkeit der Fed kaum ausräumen. Seine teils umstrittenen geldpolitischen Positionen bergen darüber hinaus zusätzliche Unsicherheiten.
Das Trauma der 1970er: Wenn Politiker die Zinsen lenken
Die aktuelle Bedrängnis der Fed weckt Erinnerungen an ein Jahrzehnt, das bis heute als Mahnmal für geldpoliti-sche Instabilität gilt. In den frühen 1970er Jahren erleb-ten die USA unter Präsident Nixon und Fed-Chef Arthur Burns, welche verheerenden Folgen eine politisierte Notenbank haben kann. Unter dem Druck der anstehen-den Präsidentschaftswahl 1972 drängte Nixon seinen langjährigen Freund Burns, trotz erhöhter Inflation not-wendige Anhebungen des Leitzinses aufzuschieben. Archivunterlagen belegen, dass sich beide zur Hochpha-se des Wahlkampfes mehr als einmal pro Woche trafen. Schlussendlich gab die Geldpolitik den präsidialen For-derungen nach. Anders als erhofft folgte auf den kurzen Wachstumsschub für die US-Wirtschaft eine Phase der Stagflation: Teuerung und Arbeitslosigkeit stiegen zeit-gleich an, während die wirtschaftliche Aktivität schwächelte.
Quellen: FactSet, Metzler, Stand: 31. Januar 2026
Nicht nur die unmittelbaren Folgen der fehlgeleiteten Notenbankpolitik waren fatal, auch ihre spätere Korrektur war mit erheblichen wirtschaftlichen Belastungen verbunden. Paul Volcker, der 1979 das Amt des Fed-Präsidenten übernahm, sah sich gezwungen, die ausufernde Inflation durch eine radikal restriktive Geldpolitik einzufangen. Die Leitzinsen wurden zeitweise auf über 20 % angehoben, um die Preisstabilität wiederherzustellen. Gleichzeitig verschärfte dieser Kurs die bereits tiefgreifende Rezession infolge der zweiten Ölkrise. Letztendlich sollten mehr als zehn Jahre vergehen, bis die Inflationsrate wieder auf ein gemäßigtes Niveau zurückkehrte. Diese Ära verdeutlicht eindrucksvoll, dass politischer Einfluss auf die Notenbank zwar kurzfristige Wachstumsimpulse erzeugen kann, zugleich jedoch erhebliche Inflationsrisiken birgt – und damit langfristig wirtschaftliche Instabilität sowie schmerzhafte Anpassungsprozesse nach sich ziehen kann.
Die Unabhängigkeit von Zentralbanken ist daher keineswegs ein rein akademisches Konzept, sondern eine zentrale Voraussetzung für wirtschaftliche Stabilität. Auch an den Finanzmärkten spielt die Glaubwürdigkeit der Notenbanken eine entscheidende Rolle. Zweifeln Marktteilnehmer daran, dass geldpolitische Entscheidungen datenbasiert getroffen werden, verlangen sie eine „Glaubwürdigkeitsprämie“. Die vergangenen Monate haben das exemplarisch gezeigt: Trotz des massiven Drucks von Präsident Donald Trump auf Jerome Powell, die Leitzinsen zügig zu senken, verharrten die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen auf erhöhtem Niveau. Politische Einmischung erzielt damit häufig das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigt – nämlich steigende Inflationsrisiken, höhere Renditen und damit schlechtere Finanzierungsbedingungen.
Trump: „USA sollte die weltweit niedrigsten Zinsen haben“
Vor diesem Hintergrund wird ein strukturelles Spannungsfeld zwischen demokratisch legitimierten Regierungen und unabhängigen Zentralbanken sichtbar. Während Notenbanken in erster Linie auf langfristige Preisstabilität ausgerichtet sind, reicht der politische Zeithorizont erfahrungsgemäß nur bis zur nächsten Wahl. Für die Trump-Administration sind die Zwischenwahlen im November 2026 von zentraler Bedeutung. Angesichts der aktuell getrübten Stimmung in weiten Teilen der US-amerikanischen Gesellschaft sowie der knappen Mehrheitsverhältnisse im Kongress hängt politisch viel an der wirtschaftlichen Entwicklung der kommenden Monate. Niedrige Zinsen erscheinen dabei als ein wirkungsvolles Instrument, um die Zustimmung in der Bevölkerung zu stärken. Sie beleben den Immobilienmarkt, entlasten verschuldete Haushalte und stützen die Aktienmärkte.
Neben den erhofften politischen Vorteilen dürfte Trumps Forderung nach niedrigen Zinsen auch fiskalische Gründe haben. Die öffentliche Verschuldung der USA wird in den kommenden Jahren wahrscheinlich deutlich steigen. Die im Frühjahr erwarteten Steuersenkungen im Rahmen des „One Big Beautiful Bill Act“ dürften zwar einen Wachstumsimpuls liefern, zugleich jedoch das Staatsdefizit weiter ausweiten. Darüber hinaus belastet das derzeitige Umfeld erhöhter Staatsanleiherenditen den US-Haushalt. Bereits heute entfallen rund 19 % der Staatseinnahmen auf Zinszahlungen – Tendenz weiter steigend. Zum Vergleich: In Deutschland liegt dieser Anteil auf Bundesebene bei weniger als 8 %.
Quellen: Congressional Budget Office (CBO), Metzler; Stand: 31. Dezember 2025
Rückkehr von Kevin Warsh: Kurswechsel bei der Fed?
In dieses Spannungsfeld tritt nun Kevin Warsh, der bereits von 2006 bis 2011 als Fed-Gouverneur tätig war. Seine Nominierung für den Vorsitz der US-Notenbank deutet auf einen möglichen Kurswechsel hin. Warsh kritisiert die Fed als institutionell erstarrt, geprägt von intellektueller Konformität und überholten Modellen. Stattdessen plädiert er für eine stärkere Orientierung an Kapitalmarktentwicklungen und Echtzeitdaten der Digitalwirtschaft. Für Anleger könnten sich dadurch sowohl Tonlage als auch Taktung der Fed-Kommunikation spürbar verändern.
Bemerkenswert ist dabei sein Haltungswandel: Warsh galt während seiner ersten Amtszeit als geldpolitischer Falke. So plädierte er im Nachgang der globalen Finanzkrise frühzeitig für eine restriktivere Geldpolitik – zu einer Zeit, als nur wenige andere Notenbanker Inflationsrisiken sahen. Heute hingegen erkennt er – im Einklang mit der Einschätzung des Weißen Hauses – Spielraum für deutliche Zinssenkungen. Seine zentrale These: Ein Produktivitätsschub durch den verstärkten Einsatz von Künstlicher Intelligenz und die Deregulierung der Wirtschaft dämpfen die Inflation. Unter Ökonomen ist diese Sichtweise umstritten. Zwar kann ein Produktivitätsanstieg die Teuerung mittelfristig beeinflussen, aber die Richtung dieses Effekts ist keineswegs eindeutig.
Doch trotz aller Unsicherheit über die künftige Ausrichtung der US-Notenbank ist zu berücksichtigen, dass geldpolitische Entscheidungen im Offenmarktausschuss per Mehrheitsvotum getroffen werden. Der Vorsitzende verfügt dort lediglich über eine von insgesamt zwölf Stimmen. Kevin Warsh wird daher Mehrheiten organisieren müssen, was die Umsetzung seiner teils unkonventionellen Vorschläge erschweren dürfte.
Unklar ist zudem, ob Jerome Powell nach dem Ende seiner aktuellen Amtszeit als Fed‑Vorsitzender auch seinen Sitz im Gouverneursrat aufgeben wird, dessen reguläre Laufzeit erst Anfang 2028 endet. Ein Verbleib wäre eine historische Ausnahme. Seit Gründung der Notenbank ist dies nur ein einziges Mal vorgekommen, als Marriner Eccles Ende der 1940er Jahre im Gouverneursrat weiter amtierte. Interessanterweise war es seine Überzeugung von der Notwendigkeit einer unabhängigen Zentralbank, die Eccles damals zum Weitermachen bewog. Sollte Powell diesem Beispiel folgen, könnte dies ebenfalls das Machtgefüge innerhalb der Fed beeinflussen.
Angesichts dieser Unwägbarkeiten rechnen wir damit, dass die Renditen von US-Treasuries vorerst erhöht bleiben, selbst wenn bis Jahresende zwei weitere Leitzinssenkungen um jeweils 25 Basispunkte wahrscheinlich sind. Die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen dürften dabei auch zukünftig ein sensibles Barometer für das Vertrauen der Investoren in die institutionelle Standfestigkeit der Fed bleiben. Letztlich steht jedoch noch weitaus mehr auf dem Spiel als das Zinsniveau: Die Unabhängigkeit der Fed ist ein zentraler Anker für die Stabilität des US-Dollars und die Attraktivität des amerikanischen Kapitalmarktes. Sollten die Marktteilnehmer den Eindruck gewinnen, dass diese Unabhängigkeit nachhaltig erodiert, wären deutliche Kursreaktionen an den Börsen zu erwarten. Derzeit gehen wir jedoch nicht davon aus, dass die US-Regierung ein solches Risiko leichtfertig eingehen wird.
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