100 Tage Irankrieg: Eine Zwischenbilanz
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Selten klafften Realwirtschaft und Börse so weit auseinander wie in den vergangenen Wochen. Während die konjunkturellen Bremsspuren des inzwischen seit mehr als drei Monaten andauernden Irankriegs immer deutlicher hervortreten, eilten die Aktienmärkte vielerorts von einem Rekord zum nächsten. Diese Diskrepanz nehmen wir zum Anlass für eine Zwischenbilanz. Im Fokus stehen die bisherigen Auswirkungen auf Weltwirtschaft und Kapitalmärkte sowie die Perspektiven für die kommenden Wochen.
Konjunktur: Inflation steigt, Wachstum schrumpft
Die Weltwirtschaft war solide ins Jahr gestartet. So legte etwa die deutsche Wirtschaftsleistung im ersten Quartal 2026 mit 0,3 % gegenüber dem Vorquartal etwas kräftiger zu als es viele Ökonomen erwartet hatten. Der Krieg im Iran hat die beginnende Erholung jedoch jäh ausgebremst. Frühindikatoren wie Unternehmens- und Konsumentenbefragungen deuten europaweit auf einen konjunkturellen Rücksetzer hin. Einziger Lichtblick ist vielerorts noch die Industrie, die von Vorzieheffekten profitiert. Unternehmen scheinen in Erwartung künftiger Engpässe und Preissteigerungen Aufträge vorgezogen zu haben. Aber auch hier haben sich die Erwartungen für die kommenden Monate spürbar eingetrübt. Bemerkenswert ist, dass der konjunkturelle Einbruch moderater ausfällt als von vielen Beobachtern zunächst befürchtet und bislang auch deutlich weniger gravierend scheint als nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022, der Europa in eine schwere Energiekrise stürzte.
Quellen: FactSet, Metzler
Stand: 31. Mai 2026
In erster Linie belastet der Konflikt die Volkswirtschaften über höhere Preise für Öl und Flüssigerdgas (LNG). Europa ist hierbei besonders exponiert, da es einen großen Teil seines Bedarfs an fossilen Energieträgern durch Importe deckt. Nach Spitzenwerten von über 110 US-Dollar je Barrel im März hat sich der Ölpreis für die Sorte Brent zuletzt im Bereich 90 bis 100 US-Dollar eingependelt – getragen von der Hoffnung auf eine Lösung des Konflikts. Zudem sind die befürchteten breitflächigen Versorgungsengpässe bislang weitgehend ausgeblieben. Dazu tragen ein deutlicher Abbau der weltweiten Lagerbestände, eine nachlassende Nachfrage in weniger essenziellen Bereichen und nicht zuletzt eine breiter aufgestellte Angebotsseite bei. Anders als in den 1970er-Jahren stammt das Öl heute aus vielen Quellen. Insbesondere die USA haben sich durch die Schieferförderung zum Nettoexporteuer entwickelt.
Die Verbraucher spüren die Folgen höherer Energiepreise unmittelbar an den Zapfsäulen, wo teureres Benzin und Diesel die Kaufkraft schmälern. Hinzu kommen indirekte Effekte entlang der Wertschöpfungsketten: Gestiegene Inputkosten erhöhen den Preisdruck besonders bei energieintensiven Gütern, von chemischen Grunderzeugnissen über Kunststoffe bis zu Düngemitteln. Über Lohnsteigerungen und andere Zweitrundeneffekte sickern die höheren Kosten allmählich in die Preise von immer mehr Waren und Dienstleistungen. Das erwartete Ausmaß bleibt indes beherrschbar. Die Inflationsraten dürften nicht so stark steigen wie nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Die Nachwirkungen werden gleichwohl noch einige Zeit spürbar bleiben. Es ist davon auszugehen, dass Monate vergehen, bis die Lieferketten für Öl und Gas aus dem Nahen Osten wieder reibungslos funktionieren. Vor diesem Hintergrund gehen wir davon aus, dass der Gegenwind für die globale Konjunktur noch eine Weile anhalten wird. Besonders exponiert sind jene Länder, die auf Importe aus der Golfregion angewiesen sind und über wenig fiskalischen Spielraum verfügen, um die Belastungen aus gestiegenen Kosten abzufedern.
Anleihemärkte: Geldpolitik im Dilemma
Für die Notenbanken erwächst aus der Kombination von höheren Energiepreisen und dem gedämpften Wachstumsausblick ein klassisches Dilemma: Die steigende Inflation verlangt nach einer strafferen Gangart in Form von Leitzinserhöhungen. Zugleich belasten jedoch höhere Zinsniveaus eine ohnehin geschwächte Realwirtschaft. Eine zu kräftige Straffung würde damit die konjunkturelle Abschwächung verschärfen, eine zu zögerliche hingegen die Glaubwürdigkeit bei der Inflationsbekämpfung untergraben. Wie schnell sich angebotsseitige Preisschübe in breiteren Lohn- und Preisanpassungen verfestigen, haben die Jahre 2021 bis 2023 gezeigt. Das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale haben die Währungshüter daher klar vor Augen.
Vor diesem Hintergrund gehen wir davon aus, dass die US-Notenbank die noch Anfang dieses Jahres erwarteten Leitzinssenkungen aufschieben wird. Auch unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh bieten die Inflationsrisiken derzeit keinen Spielraum für Lockerungen. Die Europäische Zentralbank dürfte sogar einen Schritt weiter gehen. Für ihre Sitzung am 11. Juni erwarten wir eine Anhebung des Einlagensatzes um 25 Basispunkte auf 2,25 %. Dies wäre die erste Leitzinserhöhung seit Herbst 2023 und ein deutliches Signal, dass sie den jüngsten Anstieg der Teuerung auf zuletzt 3,2 % gegenüber dem Vorjahr nicht auf die leichte Schulter nimmt. An den Staatsanleihemärkten schlägt sich diese „higher for longer“-Erwartung in steigenden Renditen nieder, verstärkt durch die Sorge vor wachsenden Staatsschuldenquoten. Wie sensibel die Anleihemärkte hingegen auf Entspannungssignale reagieren, haben die vergangenen Wochen gezeigt: Eine glaubwürdige Deeskalation im Irankonflikt würde die Unsicherheit spürbar verringern und den Aufwärtsdruck auf die Renditen reduzieren.
Quellen: FactSet, Metzler
Stand: 8. Juni 2026
Aktienmärkte: Die Börsen trotzen dem Energieschock
Dass die Aktienmärkte trotz der faktischen Sperrung der Straße von Hormus und der Friktionen am Energiemarkt nach anfänglichen Verlusten im Frühjahr rasch wieder zum Höhenflug angesetzt haben, wirkt auf den ersten Blick verwunderlich. Geopolitische Krisen in Verbindung mit Angebotsstörungen am Ölmarkt führten in der Vergangenheit meist zu stärkeren und länger anhaltenden Kursrückgängen − von den Ölkrisen der 1970er-Jahre bis zum zweiten Golfkrieg 1990/91. Beide Male mündete das Zusammenspiel aus Angebotsschock und restriktiver Geldpolitik in eine Rezession und einen ausgeprägten Bärenmarkt. Diesmal hielten sich die Kursrücksetzer im Frühjahr dagegen in Grenzen und die Märkte erholten sich schnell wieder.
Dass die aktuelle Entwicklung anders verläuft, hat aus unserer Sicht mehrere Gründe. Erstens ist die Energieintensität der Weltwirtschaft seit den 1970er-Jahren deutlich gesunken. Bezogen auf den Rohstoff Öl wird für eine Einheit Bruttoinlandsprodukt heute nur noch rund 40 % der damaligen Mengen benötigt. Ursächlich sind vor allem Effizienzgewinne (insbesondere im Verkehr) sowie die Verdrängung von Öl aus Stromerzeugung und Wärme. Der Strukturwandel hin zu einer dienstleistungsgeprägten Wirtschaft kommt verstärkend hinzu. Der Ölpreisanstieg belastet die Konjunktur damit weit weniger als in früheren Jahrzehnten. Zweitens relativiert sich der Ölpreis bei genauerem Hinsehen. In den Schlagzeilen gelten runde Marken von 100 oder 150 US-Dollar je Barrel häufig als Alarmsignal, doch solche Vergleiche beruhen auf nominalen Werten, die um die Inflation bereinigt werden sollten. Real betrachtet entspricht das aktuelle Niveau in etwa dem mittleren Wert der vergangenen zwanzig Jahre und rechtfertigt für sich genommen keinen unmittelbar bevorstehenden scharfen Konjunktureinbruch. Drittens haben die Notenbanken den Börsen bislang Rückhalt geboten, indem sie die Leitzinsen trotz des Inflationsschubs noch nicht angehoben haben. Diese Unterstützung fällt nun weg. Mit der für diese Woche weitgehend eingepreisten Leitzinserhöhung der EZB könnte womöglich ein restriktiverer Kurs beginnen, der zu den wesentlichen Risiken für die weitere Kursentwicklung zählt.
Quellen: FactSet, Metzler
* Gerechnet in den heutigen Preisen für Deutschland, Stand: 9. Juni 2026
Den eigentlichen Treibstoff der Hausse liefert allerdings ein anderes Thema: die anhaltende Euphorie rund um die Künstliche Intelligenz (KI). Ein Großteil der Wertentwicklung an den globalen Börsen in diesem Jahr entfällt allein auf Technologieunternehmen. Ihre milliardenschweren Investitionen in Rechenkapazität befeuern die Wachstumsfantasie immer wieder neu. Diese Konzentration ist Stärke und Verwundbarkeit zugleich, denn sie macht die Indizes in hohem Maße von einer einzigen Wachstumserzählung und wenigen, hoch gewichteten Titeln abhängig. Die Rallye ruht damit auf einer schmalen Basis. Anders als bei einer rein spekulativen Übertreibung wird die Bewegung bislang allerdings von kräftig steigenden Unternehmensgewinnen getragen, was ihr eine fundamentale Stütze verleiht.
Ausblick: Im Spannungsfeld von KI und Geopolitik
Für die kommenden Monate rechnen wir zwar nicht damit, dass der KI-getriebene Aufwärtstrend abrupt endet. Gleichwohl lassen sich in Teilsegmenten bereits bedenklich hohe Bewertungsniveaus erkennen, die bei einem Stimmungsumschwung erhebliches Rückschlagpotenzial bergen. Neben einem deutlich restriktiveren geldpolitischen Kurs rücken sowohl das Konzentrationsrisiko einer zunehmend schmalen Marktbreite als auch die Gefahr enttäuschter Renditeerwartungen auf hohe KI‑Investitionen in den Fokus. Auf der anderen Seite bestehen handfeste Chancen: Sollte es zu einer baldigen Öffnung der Straße von Hormus kommen, dürften vor allem die europäischen und asiatischen Aktienmärkte profitieren, also jene Regionen, die als Nettoimporteure von Energie am stärksten unter den hohen Rohstoffpreisen leiden. Eine erhöhte Schwankungsintensität halten wir gleichwohl für wahrscheinlich, da die Kurse zwischen Eskalations- und Entspannungssignalen hin- und herpendeln dürften. Für Anleger heißt das: Beide Szenarien − die Beruhigung als auch die erneute Eskalation − gehören gleichermaßen ins Kalkül. Eine breite Streuung über Regionen, Sektoren und Faktoren erachten wir als wirksames Mittel gegen die gestiegene Ereignisabhängigkeit der Märkte.
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