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Informationen für professionelle Kunden - 21.5.2021

Blockchain – die Technologie hinter den Kryptowährungen

Gespräch zwischen Prof. Wolfgang Prinz, PhD, stellvertretender Leiter des Fraunhofer-Instituts für angewandte Informationstechnik (FIT), und Dr. Rainer Matthes, Chief Investment Officer und Geschäftsführer der Metzler Asset Management GmbH

 

Prof. Wolfgang Prinz, PhD, stellvertretender Leiter des Fraunhofer-Instituts für angewandte Informationstechnik (FIT) und Dr. Rainer Matthes, Chief Investment Officer und Geschäftsführer der Metzler Asset Management GmbH

Matthes: Kryptowährungen, digitaler Euro, digitale Wertpapiere: Die Blockchain-Technologie als Basis für Kryptoassets scheint den Kinderschuhen entwachsen. Herr Prof. Prinz, nehmen Sie das auch so wahr?

Prinz: Nachdem wir vor zwei Jahren einen ersten großen Hype um die Kryptowährungen erlebt haben, erfahren Kryptowährungen gerade wieder große Aufmerksamkeit und damit verbunden auch starke Kurssteigerungen. Gleichzeitig sehen wir derzeit aber auch ein gesteigertes Interesse an Kryptoassets. Aktuelles Beispiel dafür ist das gerade für 69 Millionen US-Dollar verkaufte Eigentumsrecht an dem Bild „Everydays: The First 5000 Days“ von Beeple. Interessant daran ist, dass hier eigentlich nur ein Eigentumsrecht verkauft wurde, während das Bild als solches als digitale Kopie weiterhin im Internet verfügbar ist.

Matthes: Welche weiteren Kryptoassets sind Ihrer Einschätzung nach denkbar?

Prinz: Zukünftig werden wir die Tokenisierung von Immobilien, Maschinen und Autos erleben – die Blockchain wird ja auch für den Handel neuer Werte jenseits der Kryptowährungen angewendet. Dieser Prozess wird sich auch in den nächsten Jahren fortsetzen und beschleunigen.

Matthes: Der volkswirtschaftliche Nutzen von Kryptowährungen ist zumindest fraglich. In der Blockchain-Technologie sehe ich dagegen eine interessante Möglichkeit für die Abwicklung des Wertpapierhandels. Wie schätzen Sie das Potenzial für die Blockchain-Technologie ein, zum neuen Standard für die Konstruktion von Finanzinstrumenten zu werden?

Prinz: Für die fortschreitende Digitalisierung von Finanzinstrumenten wird eine Infrastruktur benötigt, die einen sicheren, vertrauensvollen gleichzeitig aber auch automatisierbaren und effizienten Handel ermöglicht. Dazu liefert die Blockchain-Technologie die nötigen Grundlagen.

Matthes: Gibt es darüber hinaus Vorteile von digitalen Wertpapieren für Emittenten und Anleger?

Prinz: Die Blockchain kann den gesamten Automatisierungsprozess unterstützen und gleichzeitig sicherer, nachvollziehbarer und zuverlässiger gestalten unabhängig von einem bestimmten Plattformanbieter oder Dienstleister. Digitale Wertpapiere können von den Anlegern in eigenen Wallets, also digitalen Wertpapierdepots, verwaltet und gespeichert werden. Theoretisch könnte damit die Rolle von Banken als zuverlässiger Dienstleister für die Verwahrung und Verwaltung von Wertpapieren entfallen. Gleichzeitig entsteht daraus aber auch eine erhöhte Eigenverantwortung für den Anleger, da man auf keinen Dritten mehr zurückgreifen kann, der Wertpapiere verwahrt und verwaltet, denn im Extremfall wird ein Wertpapierbesitz dann nur noch durch verschlüsselte. Zeichenketten auf einer Art USB-Stick verwaltet. Wir sehen an diesem Beispiel, dass sich mit dieser Technologie nicht nur das Selbstverständnis der Banken, sondern auch das der Anleger ändern könnte.

Die Blockchain könnte nicht nur das Selbstverständnis der Banken, sondern auch das der Anleger ändern.
Prof. Wolfgang Prinz, PhD
stellvertretender Leiter des Fraunhofer-Instituts für angewandte Informationstechnik (FIT)

Matthes: Viele Finanzdienstleister und Banken befürchten, dass ihre Geschäftsmodelle untergraben werden könnten. Ich denke allerdings, dass der technologische Fortschritt im freien Markt nach und nach bestehende Strukturen ablösen und gleichzeitig neue Möglichkeiten eröffnen wird.

Prinz: Es wird häufig argumentiert, dass die Blockchain das Geschäftsmodell der sogenannten Intermediäre angreift bzw. überflüssig macht; immerhin übernimmt die Technologie die Sicherung und Verwaltung des Vertrauensnetzwerks oder die Bereitstellung eines Marktes oder einer Handelsplattform für die Partner. Aber auch eine Blockchain-Lösung erfordert eine Governance zur Organisation und Verwaltung und damit auch eine Organisation oder einen Dienstleister, der sich darum kümmert. Dies gilt vor allem für Konsortialnetzwerke, also nichtöffentliche Blockchain-Netzwerke. So sind durch die verschiedenen Kryptowährungen ganz neue Geschäftsmodelle für Kryptoplattformen entstanden. Ich denke für Finanzdienstleister stellt sich daher die Herausforderung, die eigenen Geschäftsmodelle daraufhin zu überprüfen, ob sie durch blockchainbasierte Anwendungen gefährdet sind und wenn ja, wie diese so umgestaltet werden können, dass sie beispielsweise die Blockchain selbst nutzen. Man sollte die Blockchain hier nicht als Gefahr, sondern als Lösungsmöglichkeit sehen, um eigene neue Geschäftsmodelle zu etablieren.

Matthes: Viele Blockchain-Pilotprojekte sind bereits gestartet. Beispielsweise prüft der spanische Zahlungsdienstleiter Iberpay eine automatische Zahlungsabwicklung über Smart Contracts. Aber auch andere Branchen können von den Vorteilen der Blockchain profitieren, so die Logistik. Zahlreiche weitere Anwendungen sind beispielsweise im Gesundheits- oder Automobilsektor denkbar.

Prinz: Ich sehe die Blockchain vor allem als eine Infrastruktur zur sicheren und vertrauensbasierten Unterstützung von Kooperationsprozessen. Daher kann sie vor allem in Unternehmensnetzwerken die Rolle des Intermediärs oder Facilitators von Handelsprozessen übernehmen oder einen nachvollziehbaren Informationsaustausch im Kontext von Produktions- und Lieferketten unterstützen. Im einfachsten Fall lässt sich die Blockchain nutzen, Dokumente, Urkunden und Zertifikate fälschungssicher vorzuhalten. Das neue Lieferkettengesetz bietet ebenfalls interessante Anknüpfungspunkte. Im Bereich des lokalen Energiehandels kann die Blockchain dazu genutzt werden, Nachbarschaftsstrom abzurechnen und so alternative Energiehandelsmodelle zu unterstützen. Die möglichen Anwendungen sind in all den Fällen sehr vielfältig, wo Unternehmen in Netzwerken zusammenarbeiten oder Regularien eine auditsichere Nachverfolgung erfordern.

Ich denke, der Vorstoß Facebooks mit der eigenen Währung Libra im Jahr 2019 kann als Weckruf für Notenbanker und Geldpolitiker gelten.
Dr. Rainer Matthes
Geschäftsführer Metzler Asset Management GmbH

Matthes: Kommen wir nochmal zurück auf die Kryptowährungen: Das Thema hat ja bei den Zentralenbanken auch das Nachdenken über digitales Zentralbankgeld angeschoben. Weltweit haben Zentralbanken ihre Kapazitäten im Bereich „Central Bank Digital Currency“ stark aufgestockt. Bis zum Sommer soll in der Europäischen Zentralbank eine Entscheidung über den e-EUR fallen. Ich denke, der Vorstoß Facebooks mit der eigenen Währung Libra im Jahr 2019 kann als Weckruf für Notenbanker und Geldpolitiker gelten.

Prinz: Definitiv. Das hat die Diskussion um den digitalen Euro stark beschleunigt. Ich gehe davon aus, dass ein digitaler Euro oder darüber hinaus ein programmierbarer Euro, der einfache Geschäftsprozesse automatisieren kann, die gesamte Nutzung der Blockchain-Technologie auf eine weitere Stufe heben wird. Ich sehe hier vor allem großes Potenzial für die Beschreibung von zweckgebundenem Geld. Stellen Sie sich vor, dass Sie in Zukunft Ihrem Kind Taschengeld überweisen, das es nicht für Alkohol oder Zigaretten ausgeben kann, weil dies so für das Geld festgelegt oder programmiert wurde und die Blockchain dies mittels Smart Contracts automatisch garantiert. Oder, dass Sie Spenden so beschreiben können, dass Teile des Betrags nur für bestimmte Zwecke zu nutzen sind – etwa für Lebensmittel und nicht für Verwaltungsaufwände. Man könnte damit auch wie in einem Testament beschreiben, dass ein bestimmter Geldbetrag nur an eine bestimmte Person überwiesen werden kann. Dies sind nur einzelne Beispiele, die aber zeigen, welches Anwendungsspektrum – und möglicherweise auch Konfliktpotenzial – in diesem Ansatz steckt.

Matthes: Auch China hat nach den Libra-Meldungen die Entwicklung eines digitalen Yuan beschleunigt und die Libra als Gefahr für den Yuan eingestuft. Wie weit sind Europa und Deutschland in puncto Forschung und Entwicklung der Blockchain-Technologie, verglichen mit China?

Prinz: Deutschland und Europa haben sehr gute Fachkräfte und auch zahlreiche Startups, die sich mit blockchainbasierten Anwendungen beschäftigen. In diesem Bereich müssen wir uns nicht vor den anderen Ländern verstecken. Auch die Bundesregierung unterstützt mit ihrer Blockchain-Strategie die Anwendung der Technologie, gleiches gilt für verschiedene Initiativen der EU. Zum Beispiel die Projekte zur European Blockchain Service Infrastructure, mit denen die Digitalisierung von Bürgerdiensten auf Blockchain-Basis vorangetrieben werden soll. Wünschenswert wäre jedoch in vielen Fällen ein pragmatisches Herangehen und eine schnellere Umsetzung von Projekten, um aus dem Zustand der Erprobung in den Zustand eines Realbetriebs zu gelangen.

Matthes: Der Realbetrieb einer Blockchain – ich denke da insbesondere an das „Schürfen“ von Kryptowährungen wie Bitcoin – ist extrem energieintensiv und trägt damit nicht unwesentlich zum Klimawandel bei, wenn der benötigte Strom nicht zu 100 % aus erneuerbaren Energien stammt. Inwieweit könnte dies erschweren oder sogar verhindern, dass sich Investments in Kryptoassets etablieren – gerade wenn Nachhaltigkeit und Klimaschutz in aller Munde sind?

Prinz: Wir müssen hier verschiedene Architekturen von Blockchain-Infrastrukturen unterscheiden. Offene Blockchain-Netzwerke, wie Bitcoin oder Ethereum, verbrauchen sehr viel Energie. bedingt durch die Rechenintensität der für die Konsensbildung im Netzwerk erforderlichen Kryptoverfahren. Alternative Architekturen beruhen darauf, dass Netzwerke zugangsbeschränkt organisiert sind. In diesen Fällen können andere Verfahren zur Konsensbildung genutzt werden, die nicht so rechenintensiv und damit auch nicht so energieintensiv sind. Libra oder Diem setzt auf so eine Architektur, und ich gehe davon aus, dass auch der digitale Euro nicht auf einem öffentlichen Blockchain-Netzwerk realisiert werden wird, sondern eher auf einem sogenannten Konsortial-Netzwerk, in dem sich Banken und Aufsichtsbehörden zusammenschließen. Mit diesem Ansatz kann ein Netzwerk wesentlich ressourcenschonender betrieben werden.

Matthes: Die bislang erratische Kursentwicklung von Kryptowährungen hat viele Beobachter in ihrer Meinung bestärkt, diese Investitionsvehikel seien nur etwas für hochspekulative Anleger – und daher mit hohen Risiken verbunden. Inwieweit teilen Sie diese Einschätzung?

Prinz: Ich sehe Kryptowährungen, solange sie nicht das Ziel einer stabilen Bindung an einen oder mehrere Fiatwerte – also traditionelle staatliche Währungen – haben, aktuell auch als ein sehr spekulatives Anlageobjekt. Eine Möglichkeit das Ertrags-Risiko-Profil von Kryptowährungen zu verbessern, wäre die Kopplung an reale Werte oder eine weitere Verbreitung der Nutzung. Viele Kursausschläge kommen dadurch zustande, dass ein großer Kauf oder Verkauf bei den relativ geringen Volumina unmittelbar zu großen Kursschwankungen führen kann.

Matthes: Dass Bitcoin inzwischen zunehmend als investierbarer Vermögenswert gesehen wird, ist sicherlich auch den anhaltend niedrigen Zinsen geschuldet. Seit diesem Jahr ermöglicht beispielsweise Blackrock Investitionen in Bitcoin-Derivate. Der Bitcoin-Hype ist ungebrochen.

Prinz: Auch immer mehr Dienstleister ermöglichen den Handel mit Bitcoin. Ein Beispiel dafür ist PayPal. Im Februar kündigte das Unternehmen an, den Bitcoin in das Portfolio aufzunehmen, was zu einem rasanten Kursanstieg geführt hat. Die Aussagen von Elon Musk, künftig auch Bitcoin als Zahlungsmittel für seine Teslas zuzulassen, haben dann diesen Hype noch beschleunigt. Auf Dauer werden es aber die Geschäftsanwendungen sein, die über den Wert und Nutzen von Kryptowährungen entscheiden.

Prof. Wolfgang Prinz, PhD, ist seit 2001 Professor an der RWTH Aachen und leitet als stellvertretender Institutsleiter am Fraunhofer FIT den Forschungsbereich Kooperationssysteme. Als Mitgründer des Fraunhofer Blockchain-Labors und Leiter des Blockchain Reallabors Rheinisches Revier beschäftigt er sich mit Blockchain-basierten Anwendungen. Er studierte Informatik an der Universität Bonn und promovierte an der Universität Nottingham.

Dr. Rainer Matthes ist seit 2000 Geschäftsführer der Metzler Asset Management GmbH und zeichnet seit 2014 als CIO für das Portfoliomanagement verantwortlich. Zudem leitet er die China-Aktivitäten des Metzler Asset Management inklusive der Metzler-Repräsentanz in Peking. Er studierte Volkswirtschaft und promovierte 1991 am Institut für Statistik und Ökonometrie der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.

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