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Information für professionelle Kunden - 31.5.2022

„Wir sollten ganz anders über Vermögen sprechen“

Franz von Metzler, Geschäftsführer Metzler Asset Management GmbH, sprach auf der Investmentstrategietagung mit der Politökonomin und Transformationsforscherin Prof. Maja Göpel über Wachstum, Wohlstand und nachhaltiges Wirtschaften.

 

„Wir sollten ganz anders über Vermögen sprechen“

Franz von Metzler: Schon Anfang der 1970er-Jahre zeigte der Club of Rome „die Grenzen des Wachstums“ auf. Inzwischen ist Ressourcenendlichkeit ein großes Thema, aber Wachstum als Zielgröße wird nicht infrage gestellt. Sie bezeichnen herkömmliche Wachstumsmodelle als „wertblind“ – was meinen Sie damit?

Prof. Maja Göpel: Die „Grenzen des Wachstums“ beziehen sich auf physikalische Größen wie Ressourcen und Verschmutzung, nicht auf Geldwerte. Und hier wird immer noch nicht richtig gerechnet. Ökosystemdienstleistungen, die wir von der Natur in Form von gesäubertem Wasser, gereinigter Luft und fruchtbaren Böden, Nahrungsmitteln oder nachwachsenden Materialien in Anspruch nehmen, bieten eine Wertschöpfung, die von Ökonominnen und Ökonomen um Robert Costanza auf 120 bis 140 Billionen Euro pro Jahr gerechnet wurde. Das war im Jahr 2007, als das weltweite Bruttoinlandsprodukt um die 55 Billionen Euro ausmachte.

Franz von Metzler: Aber diese ökologische Wertschöpfung lässt sich nicht steigern.

Prof. Maja Göpel​​​​​​​: Genau. Sie hat sich seither jedes Jahr um 4 bis 20 Billionen Euro verringert. Unsere Art, Naturprozesse in menschliche Prozesse umzuwandeln, ist also bilanziell betrachtet negativ. Wir messen aber positiven Zugewinn, obwohl die Schadschöpfung den Ertrag überschreitet. In der deutschen Landwirtschaft hat die Boston Consulting Group beispielsweise berechnet, dass 21 Milliarden Euro Umsatz 90 Milliarden Euro an ökologischen und damit gesellschaftlich getragenen Kosten gegenüberstehen. Und wenn die ökologische Schadschöpfung zu hoch wird, werden die bisher genutzten Ökosystemdienstleistungen schlicht ausfallen. Dagegen kann dann – zumindest kurzfristig – auch ein hohes BIP-Wachstum nichts ausrichten. Das meine ich mit wertblind.

Franz von Metzler: Wahrscheinlich wäre es nötig, einen neuen Wohlstandsbegriff zu definieren. Das würde dann bedeuten, die herkömmlichen Parameter der Ökonomie zu überdenken. In welchen Kategorien sollen wir denken?

Prof. Maja Göpel​​​​​​​: Aus meiner Sicht sind die vielleicht wichtigsten drei Kategorien oder Schritte die folgenden: Erstens eine präzisere Klärung und Messung dessen, was eigentlich gesellschaftliche Wohlfahrt ausmacht und was es bedeutet, die immer wieder getätigte Aussage ernst zu nehmen, dass ein steigendes BIP für die Erreichung gesellschaftlichen Wohlstands ein Mittel, aber nicht das Ziel sein kann. Zweitens eine klare Abkehr von der Idee, dass sich alle natürlichen Prozesse durch künstliche substituieren lassen und die damit einhergehende Einsicht, dass es so etwas wie absolute Nutzungsgrenzen und -geschwindigkeiten gibt, die in den Konzepten von Vermögen und Produktivität einer Gesellschaft berücksichtigt werden sollten. Drittens die systematische Antizipation von non-linearen Trendentwicklungen, wie sie nun einmal in komplexen Systemen anzutreffen sind, und was dies für die Definition von ökonomischer Effizienz, von resilienten Geschäftsmodellen und für finanzielle Reportings bedeutet.

Franz von Metzler: Eine solche Transformation verlangt das Denken in weiter Perspektive. Wie sehen Sie die Rolle der Ökonominnen und Ökonomen, die ja gerne nach der Operationalisierbarkeit fragen und bei der Modellierung durchaus weitergekommen sind – Stichworte Chaostheorie, agentenbasierte Modelle, Spieltheorie?

Prof. Maja Göpel​​​​​​​: Die Bemühungen um ein besseres Modellieren von Entscheidungsprozessen sind sehr wertvoll, keine Frage. Doch die Frage nach der Operationalisierbarkeit darf nicht dazu führen, so lange inkrementelle Änderungen vorzunehmen, bis Krisen dann Umbrüche forcieren. Das sollten wir aus der Finanzkrise gelernt haben.

Franz von Metzler: Wirtschaft und auch die Wissenschaft müssten folglich grundsätzlich umdenken und neue Ansätze und Modelle für ein nachhaltiges System finden?

Prof. Maja Göpel​​​​​​​: Bisher wird sich kaum an den großen Elefanten im Raum herangewagt: Wir sehen mitnichten die nötigen Entkopplungseffekte von Umweltverbrauch und BIP-Wachstum, die wir seit 40 Jahren als Lösungsstrategie für nachhaltiges Wirtschaften verfolgen. Darauf müssten doch wenigstens die Wissenschaft und ihre Modellwelt endlich ernsthaft reagieren und auch Szenarien durchspielen, in denen der Ressourcendurchsatz und nicht das BIP als wegweisende Output-Variable eingesetzt wird. Stattdessen wird konstatiert, wir würden ab jetzt eben besser entkoppeln. Das ist eine ziemlich steile These, für die sich in der empirischen Beobachtung globaler Trends über die letzten zwei bis drei Dekaden wenig Evidenzbasis findet. Operationalisieren kann also durchaus bedeuten, ein ganz anderes Wirtschaftssystem als Ziel zu definieren – wie ein komplett zirkuläres und regeneratives – und daraufhin transformative Veränderungen umzusetzen. Dafür braucht es noch stärker geänderte Modelle – aber das ist ja der Sinn wissenschaftlicher Forschung.

„Wir sollten ganz anders über Vermögen sprechen“

Franz von Metzler: Am Thema „Internalisierung der externen Kosten“ arbeiten die Ökonominnen und Ökonomen schon lange – also daran, wie wir marktwirtschaftlich vermeiden, dass verursachte Kosten und Umweltkosten anderen belastet werden. Was ist nötig, damit diese Ideen auch politisch Gehör finden?

Prof. Maja Göpel: Wir sollten ganz anders über Vermögen sprechen. Ein hochwertiger Bestand an Naturkapital, Sozialkapital und Humankapital ist die Voraussetzung dafür, dass die Innovationen und Veränderungen, aber auch die Sicherheiten, erreicht werden, mit denen Fortschritt erhalten werden kann. Diese differenzierte Perspektive zeigt auch, warum nachhaltige Praktiken, die heute als „zu teuer“ erscheinen oder als „Verzicht“ dargestellt werden, eigentlich die zentralen Werte schützen, die in Verfassungen als Eckpfeiler eines Gesellschaftsvertrags definiert sind. Mit einem solchen Kompass kann auch die unternehmerische Kraft voll auf das Erreichen solcher Ziele ausgerichtet werden, anstatt sich als Social Entrepreneurship oder Green Investment von einem Status quo absetzen zu müssen, der eben genau nicht sozial oder nachhaltig genug ist.

Franz von Metzler: Systemische Transformation ist eine große Aufgabe – gibt es eine kleine Stellschraube, die effektiv wirken kann? Oder: Wo sollen wir anfangen, um die Gesellschaft, Wirtschaft und Politik nicht zu überfordern?

Prof. Maja Göpel​​​​​​​: Menschen sind sinnsuchende und soziale Wesen, deren Kooperation in großem Ausmaß über die Geschichten koordiniert wird, die uns orientieren und Entscheidungen legitimieren. Ein wichtiger Schritt ist also, ehrlich zu benennen, wie kostspielig und zunehmend gefährlich der Status quo ist, und gleichzeitig aufzuzeigen, wie viele Initiativen und Innovationen bereits auf dem Weg sind, eine neue Normalität zu schaffen. Dabei sind Worte genauso wichtig wie die Kennzahlen in den Fortschrittsberichten der Regierung, den Bilanzen der Unternehmen und den Anlagekriterien der Finanzbranche. Auch Zahlen erzählen Geschichten. Und Transparenz und Verbindlichkeit geben mir als Einzelne das Gefühl, dass meine kleinen Schritte im Zusammenspiel mit den Schritten vieler anderer in der Summe auch große Dinge bewegen können.

Franz von Metzler: Auch die Finanzindustrie hat sich auf den Weg gemacht – Stichwort klimaneutrale Kapitalanlage. Wir stellen auch bei uns im Haus fest, dass das Anlegerinteresse an Investitionen, die Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen, stetig wächst. Meines Erachtens ist das definitiv ein Schritt in die richtige Richtung.

Prof. Maja Göpel​​​​​​​: Absolut. In der Wissenschaft arbeiten wir daran, dass sich hier Science-based Targets und hohe Standards durchsetzen und nicht Greenwashing-Varianten mit weiterem Verzögerungseffekt. Denn je entschlossener wir jetzt handeln, umso eher ist das Delta der Umbauprozesse durchschritten und umso weniger gravierend sind die Schäden auf unsere wahren Vermögenswerte geworden.

Dieses Gespräch und weitere wissenswerte Artikel lesen Sie im aktuellen Portfolio Insight.

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