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Gastbeitrag zur Serie „Anlagethema im Brennpunkt“ (35) - 28.9.2018

Indexfonds zum Nulltarif – ein Blick in die USA

 

Gastbeitrag zur Serie: Anlagethema im Brennpunkt (35)

Börsen-Zeitung, 8.9.2018

Anfang August ließ Fidelity, einer der größten Vermögensverwalter der Welt, die Investmentwelt aufhorchen. Für ihre US-amerikanischen Kunden hat die Gesellschaft zwei neue Indexfonds aufgelegt, die komplett ohne Kosten angeboten werden. Gegenüber aktiv verwalteten Fonds sehen die Gebühren von Indexfonds schon seit vielen Jahren recht bescheiden aus. Mit dem Nulltarif hat diese Entwicklung nun einen vorläufigen Höhepunkt gefunden. Es stellt sich die Frage, warum ein Unternehmen diesen Schritt geht. Ist es nur ein cleverer Marketing-Schachzug – oder steckt vielleicht mehr dahinter?

Indexfonds und aktiv verwaltete Fonds sind grundsätzlich zwei sehr unterschiedliche Produkte. Indexfonds sind maximal standardisiert, die – einmal auf die Schiene gesetzt –weitgehend automatisiert ihren Zweck erfüllen.

Stangenware oder nach Maß

Aktiv verwaltete Fonds sind individuell, mit hoher fachlicher Kompetenz ausgerüstet und haben zum Ziel, die vergleichbare Marktrendite zu übertreffen. Sucht man eine Analogie, dann vielleicht die vom Anzug von der Stange und dem Maßanzug. Beide erfüllen grundsätzlich den gleichen Zweck, sind aber nicht für jeden in gleichem Maße passend. Preisunterschiede sind also erklärbar – wie aber erklärt sich ein Nulltarif?

Zunächst ist wichtig, dass es nur um einen winzigen Ausschnitt aus dem gesamten Fonds-Universum von Fidelity geht, nämlich um zwei neu aufgelegte Indexfonds. Indexfonds beziehen sich – der Name kommt nicht von ungefähr – auf einen zugrunde liegenden Index und versuchen, dessen Performance weitestgehend zu replizieren. In diesem Fall beziehen sich die Produkte nicht auf gängige Indizes, sondern auf selbst konstruierte – den Fidelity U.S. Total Investable Market Index und den Fidelity Global ex U.S. Index. Das hat einen nicht unerheblichen Vorteil für die Gesellschaft. Es spart Lizenzgebühren, die bei der Nutzung von MSCI oder ähnlichen Indizes fällig geworden wären. Zum Zweiten können diese Fonds ausschließlich direkt beim Emittenten gekauft und verwahrt werden. Der Handel an Börsen ist nicht vorgesehen. Auch das mag ein paar Gebühren sparen. Viel wichtiger ist aber das Instrument der Kundengewinnung und -bindung sowie die Möglichkeit, diesen neuen Kunden in der Folge auch margenstärkere Produkte anzubieten. Obwohl beide Produkte in Deutschland gar nicht angeboten werden, hat die Nachricht über komplett kostenfreie Indexfonds auch hier einige Wellen geschlagen. Insofern darf vermutet werden, dass der Gebührenverzicht durchaus positive Abstrahlwirkung im Marketing entfaltet hat – und das weit über die US-Grenzen hinaus. Ganz ähnlich dürfte das Online-Vergleichsportal Check24 hierzulande denken, wenn dort 1000-Euro-Kredite mit einem Negativzins von 5 % beworben werden. Weiß man, wie schwierig und teuer es heutzutage ist, Neukunden zu gewinnen, sind die rund 42 Euro pro Kunde, die check24 diese Aktion nach eigener Aussage kostet, bestens angelegtes Marketinggeld.

Aber zurück zu den Nulltarif-Fonds und dem dritten, etwas weniger offensichtlichen Punkt: der Frage, wie sich damit vielleicht doch noch Geld verdienen lässt – wenn schon nicht durch die Erhebung von Bestandsprovisionen. Die Antwort lautet: mit der sogenannten Wertpapierleihe. Vereinfacht gesagt verleiht ein Portfoliomanager hierbei Aktien aus seinem Bestand gegen eine – teilweise sehr attraktive – Gebühr an einen Dritten. Solche Transaktionen sind in der Regel gut besichert, und der Portfoliomanager bekommt diese Aktien zeitnah zurück, wenn er das wünscht. Einziges Problem: Wer leiht sich Aktien? Ganz überwiegend Leerverkäufer („Short Seller“), die geliehene Aktien sofort am Markt verkaufen und darauf spekulieren, sie zu deutlich niedrigeren Kursen zurückzukaufen. Das ist unter Beachtung der hierfür regulatorisch gesetzten Grenzen im Grunde ein völlig legitimes Geschäft. Überträgt man die Logik allerdings in das Private, so könnte man an den Verleih seines Autos gegen eine kleine Gebühr denken. In vollem Bewusstsein, dass der Ausleiher geradewegs zu einem Stockcar-Rennen fährt und das Auto deutlich wertgemindert zurückbringt.

Die Performance ist egal

Und genau an dieser Stelle wird der Unterschied zwischen Indexfonds und aktiv verwalteten Portfolios noch einmal ganz deutlich. Salopp gesagt, ist dem Indexfonds seine eigene Performance völlig egal – solange sie dem zugrunde liegenden Index weitestgehend entspricht. Fällt der DAX um 10 %, so ist ein Verlust von 10 % das perfekte Ergebnis für einen DAX-Indexfonds. Der aktive Fondsmanager mit gleicher Benchmark hat aber selbstverständlich den Ehrgeiz, besser abzuschneiden.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass manch aktiver Fondsmanager ebenfalls selektiv Wertpapierleihe einsetzt und Short Selling auch als Instrument der Markthygiene und der Findung von Gleichgewichtspreisen gesehen werden kann. Zudem fließt bei vielen Fonds ein großer Teil der Erträge aus der Wertpapierleihe zurück in das Fondsvermögen. An dieser Stelle soll auch gar keine moralische Bewertung angeregt werden, sondern vielmehr finanzanalytisch zeigen, warum null Gebühren nicht zwingend auch null Ertrag für den Anbieter bedeuten müssen.

 

Aktien nicht ignorieren

In der Summe ist jeder Schritt zu begrüßen, der Anleger an Aktien heranführt. Die Vereinigten Staaten sind hier deutlich weiter als Deutschland, und wenn man sich auch garantiert nicht alles aus den USA hier in Deutschland wünscht, dann doch die deutlich ausgeprägtere Aktienkultur. Es ist ein kapitaler Fehler, wenn langfristig orientierte Anleger Aktien ignorieren. Ganz gleich, ob als breit gestreute Direktanlage oder in Form von geeigneten Investmentfonds. Die Ziele sind entscheidend. Die Wege dorthin dürfen und sollen sich unterscheiden. Zu oft wird in Zeiten höherer Volatilität der übergeordnete Zweck aus den Augen verloren. Spekulationsobjekt sind Aktien nur für wenige. Für die breite Masse sind sie ein unverzichtbarer Baustein der langfristigen Vermögensbildung und der wahrscheinlich einzige Weg, über lange Zeiträume die Renditen zu erzielen, die nötig sind, um beispielsweise die drohende Rentenlücke der jungen Generation zu schließen. Zeigen lässt sich dies beispielsweise auch in einer Studie, die das Bankhaus Metzler mit dem Deutschen Aktieninstitut, der DekaBank und der Union Investment im vergangenen Jahr erstellt hat.

Pascal Spano, Leiter Research Metzler Capital Markets


Börsen-Zeitung, 08.09.2018, Autor Pascal Spano, Leiter Research Metzler Capital Markets, Ausgabe 173, Seite 14