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Metzler meets Fraunhofer - 5.3.2019

Wirtschaftliche Implikationen des Klimawandels

Das Pariser Klimaabkommen von 2015 ist ein völkerrechtlich bindender Vertrag, um den Klimawandel zu bremsen und seine Auswirkungen abzufedern. Das Abkommen soll dafür sorgen, dass die durchschnittliche anthropogene Erderwärmung seit Beginn der Industrialisierung auf deutlich unter 2°C beschränkt wird. Über das Erreichen der Klimaziele, die Bedeutung der Energiewende für die unterschiedlichen Branchen und das Vorantreiben der E-Mobilität sprachen Professor Dr. Mario Ragwitz, stellvertretender Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI, und Michael Klaus, persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses Metzler.

Metzler meets Fraunhofer – Interview Klimawandel
Prof. Dr. Ragwitz und Michael Klaus, persönlich haftender Gesellschafter des Bankhaus Metzler

Michael Klaus: Der Hitzesommer 2018 hat auch hierzulande dafür gesorgt, dass die Auswirkungen des Klimawandels stärker wahrgenommen wurden und das Ziel, die vom Menschen gemachte Erderwärmung zu begrenzen, einen breiteren Konsens findet. Was muss der Klimaschädling Mensch vor allem tun, um die Erderwärmung zu begrenzen? 

Mario Ragwitz: Wir – ich spreche hier über Europa – müssen unsere Emissionen an Treibhausgasen bis zur Mitte des Jahrhunderts um etwa 95 % reduzieren. Dies bedeutet ein weitgehend emissionsfreies Energiesystem mit Restemissionen in der Landwirtschaft und der Industrie. Wir müssen emissionsfreie Technologien entwickeln und anwenden. Beispiele hier sind Photovoltaik und Elektromobilität. Zusätzlich müssen wir unser Verhalten ändern, um den Klimawandel zu begrenzen. Beispielsweise im Hinblick auf die Häufigkeit von Flugreisen oder die Menge des Fleischkonsums. Gleichzeitig sollte die Menschheit die Art der Landnutzung ändern, Brandrodungen tropischer Regenwälder beenden und Aufforstungen forcieren. 

Michael Klaus: Das Pariser Klimaabkommen zielt überwiegend auf eine Reduktion des globalen CO₂-Ausstoßes. Sind die bisher beschlossenen Schritte, um die Erderwärmung zu begrenzen, nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Mario Ragwitz: Die bisherigen Schritte sind sicherlich unzureichend, wenn wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichen wollen. Was zur Emissionsminderung bereits implementiert und nun beschlossen wurde, führt zu einem globalen Anstieg der Temperaturen um 3,3°C. Im Bereich der Energieeffizienz und der erneuerbaren Energien sollten wir die Anstrengungen deutlich steigern: Wenn wir die Ziele erreichen wollen, müssen die globalen Investitionen in emissionsarme Technologien in der kommenden Dekade verdoppelt werden. Gleichzeitig ist zu bedenken, dass wir es mit einem gewaltigen Transformationsprozess zu tun haben, der weite Bereiche unseres Wirtschaftslebens grundlegend verändert. In einem nächsten Schritt wird deshalb eine deutlich stärkere Kopplung der Sektoren Stromerzeugung, Industrie, Gebäude und Verkehr notwendig sein. So können einerseits diese Sektoren schneller dekarbonisiert werden, und andererseits ergeben sich damit Potenziale für die Flexibilisierung des Strombedarfs, um somit erneuerbare Energien besser zu integrieren. Darüber hinaus bedarf es in vielen Bereichen der Umstellung auf neue Produktionsprozesse und Dienstleistungen. Es ist nicht zu erwarten, dass dieser Wandel innerhalb von ein oder zwei Dekaden vollzogen werden kann.

Michael Klaus: Die EU-Kommission fordert eine Wirtschaft ganz ohne Treibhausgase bis 2050. Also die völlige Abkehr von Öl, Kohle und Gas. Da sind alle Branchen mehr als gefordert. Meines Erachtens könnte vielleicht der Verkehr zu diesem Zeitpunkt weitgehend emissionsfrei sein. Kritischer sehe ich die Zielerreichung in der Industrie – vor allem bei energieintensiven Unternehmen wie Stahl- oder Zementherstellern. Hier wären allergrößte Kraftanstrengungen nötig. Und auch bei den Versorgern bin ich skeptisch, den Engpass sehe ich hier hauptsächlich in den unzureichenden und noch wenig ausgereiften Energiespeichertechnologien.  

Mario Ragwitz: Ich halte das Ziel der Null-Emissionen für sehr ambitioniert, aber erreichbar. Voraussetzung ist, dass wir jetzt mit der Umstellung unserer Wirtschaft beginnen. Wir haben es vielfach mit kapitalintensiven und langlebigen Infrastrukturen zu tun. Für einige Industriezweige wie die Stahl- und Zementherstellung, für den Flugverkehr und für den Gebäudebestand sind die Kosten für die CO₂-Vermeidung hoch, da hier die Prozesse grundlegend umgestellt werden müssen oder die Industrien Biomasse, synthetische Brennstoffe oder die Abscheidung und Speicherung von CO₂ nutzen müssen. Um hier sogenannte Stranded Investments zu vermeiden, ist es wichtig, bei Neuinvestitionen – zum Beispiel bei Gebäuden oder Kraftwerken – schon heute die Emissionsziele 2050 zu berücksichtigen. Null-Emissionen bis 2050 bedeutet, dass beispielsweise neue Häuser dem Passivhaus-Standard entsprechen und dass neue Kohlekraftwerke keine sinnvolle Investitionsoption sind. Bei PKWs sollten Neuzulassungen ab 2030 emissionsfrei sein, was nach unseren Analysen bedeutet, dass weit überwiegend Elektroautos neu zugelassen werden. 

Michael Klaus: Volkswagen hat das Ende des Verbrennungsmotors eingeläutet und setzt künftig ausschließlich auf Elektromotoren. Würde die Auto-Flotte in ganz Deutschland vollständig elektrifiziert, wäre zwar hier das Ziel der Null-Emission erreicht. Gleichzeitig würde die Stromnachfrage aber um 20 % steigen. In Deutschland kommen derzeit noch über 50 % des Stroms aus Kernkraft und Kohle. Wir benötigen künftig also mehr Strom, der aber nicht aus Kernkraft und ab 2038 auch nicht mehr aus Kohle gewonnen wird.

Mario Ragwitz: Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag beschlossen, das Ziel für die erneuerbare Stromerzeugung bis 2030 auf 65 % anzuheben. Das ist kompatibel mit den langfristigen CO²-Minderungszielen. Wenn die Energieeffizienz gesteigert wird und erneuerbare Energien ausgebaut werden – etwa über Sonderausschreibungen für Wind und Photovoltaik –, dann lässt sich der zusätzliche Stromverbrauch durch die Elektromobilität gut bedienen. Deutlich problematischer wäre es, statt auf E-Mobilität vorwiegend auf synthetische Kraftstoffe auf Elektrolyse-Basis zu setzen. Der Stromverbrauch beispielsweise bei der Herstellung von sogenanntem E-Diesel ist deutlich höher. 
 
Michael Klaus: Die gängigen Ansätze der CO₂-Reduktion – also durch Zubau erneuerbarer Energien, Effizienzsteigerungen oder Energieeinsparungen – führen dazu, dass die Öl- und Kohlepreise sinken. Es werden Befürchtungen laut, dass dies falsche Anreize gibt, nämlich dahingehend, dann doch weiter auf Öl und Kohle zu setzen. Einige Wissenschaftler empfahlen bereits, die Kohlestoffvorkommen stillzulegen. Also zum Beispiel Ölquellen zu versiegeln. 

Mario Ragwitz: Um die ambitionierten Klimaziele zu erreichen, ist ein einheitliches CO₂-Preissignal unerlässlich. Dieses sollte um sektorspezifische Maßnahmen ergänzt werden, damit sowohl nichtökonomische Hemmnisse überwunden als auch frühzeitige Innovationsanreize gesetzt werden. Weiterhin ist eine missionsorientierte Innovationspolitik zentral: Also eine Politik, die sich nicht an der Förderung einzelner Technologien orientiert, sondern gesamtgesellschaftliche Herausforderungen thematisiert. Die sowohl das Angebot als auch die Nachfrage nach innovativen Technologien und Geschäftsmodellen adressiert. Wir benötigen somit die richtige Kombination aus CO₂-Bepreisung, Marktanreizsystemen für neue Technologien und Förderung für Forschung und Entwicklung.

Michael Klaus: Die Preise für CO₂-Zertifikate in der EU sind noch immer relativ niedrig. In Großbritannien dagegen gibt es seit 2013 den sogenannten „carbon price floor“, wodurch sich der Kohlestrom drastisch verteuerte. Seither sind mehr als zwei Dutzend Kohlekraftwerke aus dem Strommarkt in Großbritannien gedrängt worden. Damit hat das Land binnen fünf Jahren die CO₂-Emissionen aus seiner Stromerzeugung halbiert. Wäre eine entsprechende Umgestaltung des CO₂-Emissionshandels in der EU Ihres Erachtens sinnvoll?

Mario Ragwitz: Durchaus. Und zusätzlich müssen die Minderungsziele des Emissionshandelssystems auch mit den langfristigen Klimazielen übereinstimmen, damit es sich als effizientes Klimaschutzprojekt erweist. Weder für das grundsätzliche CO₂-Minderungsziel der EU für 2030 von 40 % noch für das des EU-Emissionshandels (ETS) von 43 % ist dies der Fall. Diese Ziele entsprechen eher einer Minderung von 80 % bis 2050 als den benötigten 95 %. Somit sollten in einem ersten Schritt die Ziele des Systems auf die Vereinbarungen im Pariser Klimaabkommen angepasst werden. Außerdem sollten weitere Sektoren, wie der Flugverkehr, in den Emissionshandel integriert werden. Ein wichtiger Schritt für die Steigerung der Investitionssicherheit war die Einführung der Marktstabilitätsreserve, die überschüssige Zertifikate aus dem Markt nimmt. 

Michael Klaus: Der Investitionsbedarf in den Klimaschutz ist immens. Eine Studie des Bundesverbands der deutschen Industrie von 2018 bezifferte den Investitionsbedarf Deutschlands bis 2050 mit 1,5 Billionen Euro, wenn eine Emissionsreduktion von 80 % erzielt werden solle. Um die 95-%-Reduktion zu erreichen, würden 2,3 Billionen Euro benötigt. Das eröffnet interessante Investitionschancen, jedoch sehe ich die Gefahr, dass verschärfte Klimaauflagen und niedrigere CO₂-Grenzwerte zu Wettbewerbsnachteilen für deutsche Unternehmen führen.

Mario Ragwitz: Ja, es bestehen kurzfristige Wettbewerbsnachteile gegenüber Ländern ohne eine vergleichbare Klimapolitik, insbesondere für Hersteller energieintensiver Produkte. Dies zeigt, dass eine globale Herausforderung wie der Klimawandel globaler Lösungen bedarf. Europäische Klimapolitiken sollten gegebenenfalls ergänzt werden um die Besteuerung importierter Produkte auf Basis der CO₂-Emissionen bei deren Herstellung, also sogenannte „border adjustments“. Gleichzeitig eröffnen sich große Märkte für deutsche Unternehmen, die frühzeitig in neue Technologien zum Klimaschutz investieren. Langfristig zahlt sich Klimaschutz aus, weil somit Vorreitermärkte geschaffen werden und deutsche und europäische Unternehmen First Mover in den Wachstumsmärkten einer nachhaltigen Energieversorgung sein werden.

Michael Klaus: Vielen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Ragwitz

Prof. Dr. Mario Ragwitz ist promovierter Physiker, seine wissenschaftliche Tätigkeit umfasst Fragestellungen der Energie- und Klimapolitik, der Innovationsforschung und der Policy Analyse und Systemtransformation im Energiebereich. Zu seinen Aufgaben gehörten insbesondere die Ableitung der EU-Ziele im Bereich der erneuerbaren Energien für 2020 und 2030 sowie die Entwicklung und Evaluierung der EU-Richtlinien für erneuerbare Energien sowie des Erneuerbare Energien Gesetzes in Deutschland. Er ist Projektkoordinator zahlreicher internationaler und nationaler Studien zur Energie- und Klimapolitik. 
Neben der deutschen Bundesregierung berät er die Europäische Kommission, den deutschen Bundestag, das EU Parlament, die Weltbank, nationale Regierungen und Unternehmen.  Seit 2014 ist er Honorarprofessor an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Fakultät für Umwelt und Natürliche Res-sourcen), seit 2017 Part-Time Professor am Robert Schuman Centre for Advanced Studies des European University Institute in Florenz.

Michael Klaus

Michael Klaus ist seit 1991 in verschiedenen Funktionen für das Bankhaus B. Metzler seel. Sohn & Co. KGaA tätig. Seit 2005 ist er Mitglied des Partnerkreises B. Metzler seel. Sohn & Co. Holding AG. 2012 wurde er in den Vorstand der B. Metzler seel. Sohn & Co. Holding AG und in den Kreis der persönlich haftenden Gesellschafter des Bankhauses Metzler aufgenommen. Neben dem Geschäftsfeld Capital Markets leitet er auch das Treasury Komitee und ist Geschäftsführer der Metzler Securities GmbH. Darüber hinaus ist er zuständig für das Personalwesen, die Unternehmenskommunikation und verantwortet das nordamerikanische Immobiliengeschäft. Vor seiner Tätigkeit bei Metzler war Herr Klaus bei der Salomon Brothers AG in Frankfurt am Main, London und New York in verschiedenen Funktionen beschäftigt. Herr Klaus absolvierte eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank AG in Frankfurt am Main. Im Anschluss daran studierte er Betriebswirtschaftslehre an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.