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Metzler meets fraunhofer - 15.11.2018

Künstliche Intelligenz – aktueller Stand und künftige Entwicklungen

Seit 2014 besteht eine stabile Partnerschaft zwischen der Fraunhofer-Gesellschaft und Metzler. Gemeinsam haben wir die Veranstaltungsreihe „Innovation mit Tradition – Metzler meets Fraunhofer“ ins Leben gerufen, bei der wir im Rahmen eines Business-Lunches ausgewählten Geschäftspartnern und Kunden von Metzler exklusive Einblicke in gesellschaftlich und wirtschaftlich bedeutsame technologische Prozesse ermöglichen.

Sind Computer nutzlos, weil sie nur Antworten geben, wie Pablo Picasso einmal feststellte? Oder beginnen sie bald selbst Fragen zu stellen, weil sie immer intelligenter werden? Die Fortschritte bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz (KI) sind enorm. Schon jetzt berechnen intelligente Algorithmen Versicherungsprämien, geben Einschätzungen zur Kreditwürdigkeit von Antragstellern oder schlagen Produkte vor, die den Kunden aufgrund seiner Kaufhistorie interessieren könnten. 

Anlässlich der Veranstaltung „Metzler meets Fraunhofer“ sprachen Prof. Dr.-Ing. Christian Bauckhage vom Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Infor¬mations-systeme IAIS, und Mario Mattera, Mitglied des Partnerkreises B. Metzer seel. Sohn & Co. KGaAA und zuständig für das Kerngeschäftsfeld Capital Markets, über intelligente Maschinen, deren Einsatzmöglichkeiten und Grenzen. 

 

Mario Mattera: Der Begriff künstliche Intelligenz wird derzeit fast genauso inflationär gebraucht wie Digitalisierung. Gleichzeitig werden die Potenziale und Risiken von KI-Programmen und deren Anwendungen intensiv diskutiert. Dennoch bleibt der Begriff KI und was wirklich dahinter steckt recht unscharf. Herr Professor Bauckhage, können Sie die künstliche Intelligenz kurz und knapp definieren?

Christian Bauckhage: Schwache künstliche Intelligenz ist der Versuch, Algorithmen oder Computerprogramme zu entwickeln, die gewisse kognitive Fähigkeiten des menschlichen Gehirns simulieren, zum Beispiel zu sehen, zu hören oder Pläne zu machen.  Starke künstliche Intelligenz ist die Idee, Algorithmen oder Computersysteme zu entwickeln, die all das auch können, was das menschliche Gehirn kann.  

Mario Mattera: KI nutzt inzwischen beinahe jeder – oft ohne es zu wissen. Wer beispielsweise digitale Assistenten wie Siri, Alexa oder Cortana nutzt, greift auf KI-Anwendungen zurück. 

Christian Bauckhage: Auch alle die schon einmal einen Routenplaner, also ein Navigationsgerät benutzt haben, haben auf KI zurückgegriffen. Das heißt, KI hat fast unbemerkt Einzug in unseren Lebensalltag gehalten. 

Mario Mattera: Ich rechne fest damit, dass wir künftig immer mehr Berührungspunkte mit Software haben werden, die KI-Anteile enthält. Wird es in 100 Jahren so sein, dass ein Leben ohne KI ebenso unvorstellbar ist wie heute ein Leben ohne Strom? 

Christian Bauckhage: Für viele mag es vielleicht verrückt klingen, aber es wird keine 100 Jahre mehr dauern, bis ein Leben ohne KI so undenkbar ist wie ein Leben ohne Strom! Denn auch im Berufsalltag tauchen immer mehr KI-Lösungen auf. Z.B. bei der Planung von Logistikprozessen, in der Fabrikautomation, in medizinischen Diagnosesystemen oder bei der automatischen Analyse von Verträgen oder Briefen im Büro.  

Mario Mattera: Und auch im Kapitalmarktumfeld ist KI schon heute ein häufig eingesetztes Hilfsmittel zur Auswahl von passenden Anlagestrategien oder Portfoliozusammensetzungen. So setzt auch Metzler im Currency Management auf Ansätze mit künstlicher Intelligenz – allerdings immer unter der Prämisse, dass das Modellverhalten für uns stets nachvollziehbar und damit für unsere Kunden erklärbar ist. Den Einsatz einer Black Box können wir uns nicht vorstellen. Unklar ist nämlich noch, wie bestimmte KI-Systeme im Krisenfall reagieren und sich verhalten. Googles KI-Experte Ali Rahimi sagte einmal, dass KI nichts anderes sei als moderne Alchemie. Wie lässt sich Transparenz bei undurchsichtigen Algorithmen gewährleisten?

Christian Bauckhage: Das ist momentan eine der wichtigsten Fragen für Forschung und Entwicklung. Die Problematik intransparenter Entscheidungsfindungssysteme ist erkannt und weltweit wird jetzt mit Hochdruck an Lösungen für die so genannte „erklärbare KI“ gearbeitet. 

Mario Mattera: Die KI wird sich meines Erachtens auf alle Branchen auswirken. Ein Beispiel ist der Automobilsektor – selbstfahrende Fahrzeuge könnten den Verkehr drastisch reduzieren und optimieren. Insbesondere standardisierte Arbeitsabläufe werden zunehmend von intelligenter Software bewältigt. Das hat schon heute wichtige Implikationen für die Menschen, die diese Arbeiten verrichten. Arbeitgeber werden angehalten sein, rechtzeitig Weiterbildungen und Umschulungen für diese Mitarbeiter anzubieten, um das volle Potential aus der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine zu schöpfen.

Christian Bauckhage: In wirtschaftlichen Anwendungen bietet KI tatsächlich große Chancen in Bezug auf Effizienzsteigerung oder Kostenersparnis. Dies wird den Arbeitsmarkt disruptieren. Heute noch gängige Berufe werden wegfallen, andere neu entstehen. 

Mario Mattera: Sicher werden wir, wenn der KI-Trend anhält, neue Berufsbilder mit Spezialisierung in diesem Bereich sehen. Nicht nur die Arbeitgeber, sondern gerade auch Hochschulen müssen sich deshalb frühzeitig auf sich verändernde Anforderungen einstellen, um einem bereits heute engen Arbeitsmarkt im Technologiebereich entgegenzuwirken. Zumal ich mir ferner vorstellen kann, dass wir künftig so mit KI-Systemen arbeiten werden, wie wir heute mit Computern arbeiten.

Christian Bauckhage: Die Menschheit ist es seit Jahrtausenden gewohnt, dass uns zunächst Tiere und dann Maschinen schwere körperliche Arbeit abgenommen haben. Nun treten wir in ein Zeitalter ein, in dem uns Maschinen auch geistige Arbeit abnehmen. Das disruptive Potential der KI besteht darin, dass nun auch „white collar jobs“ automatisierbar sind. Dies gilt insbesondere für prozesshafte Tätigkeiten und wird Auswirkung auf praktisch alle Branchen haben. Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heißt das, dass sie prinzipiell mehr Zeit für kreative Aufgaben haben werden; auf diese Umstellungen müssen wir uns gefasst machen. Die Veränderungen am Arbeitsmarkt werden uns als Gesellschaft vor Herausforderungen stellen, die gestaltet werden müssen. Gefahren sehe ich aber vor allem hinsichtlich der Anwendung von KI in Waffensystemen. 

Mario Mattera: Insofern gehen die Forderungen von Stephen Hawking und Elon Musk, KI stärker zu reglementieren und beispielsweise verbindliche ethische Richtlinien einzuführen, definitiv in die richtige Richtung. 

Christian Bauckhage: Die Forderung ist sicher zu begrüßen. Hier muss sich die Gesellschaft klarmachen, welche Grenzen zu ziehen sind.

Mario Mattera: Beim Thema Digitalisierung schauen wir reflexartig ins Silicon Valley. Aber China hat nicht nur aufgeholt, sondern hat meines Erachtens die besten Voraussetzungen, sich den Platz an der Spitze zu sichern. 

Christian Bauckhage: China ist ganz sicher phantastisch gut aufgestellt. Dort gibt es einerseits einen immensen Talentpool von Expertinnen und Experten, die an KI arbeiten, und andererseits einen deutlich sichtbaren politischen Willen, Digitalisierung voranzutreiben. 

Mario Mattera: In Deutschland gibt es immer mehr aufstrebende Start-ups, die sich mit KI beschäftigen. Jedoch wird hierzulande zum Beispiel noch mit der Infrastruktur gekämpft – Stichwort Ausbau mobiler Netze und Glasfaser.

Christian Bauckhage: Europa oder Deutschland brauchen sich aber nicht zu verstecken. In Bezug auf die Forschung zur KI sind wir traditionell stark und seit kurzem sind verstärkte Bestrebungen zu erkennen, dieses Potential zu nutzen und vor allem den Transfer aus der Forschung in die Wirtschaft zu intensivieren.

Mario Mattera: Die Deutschen gelten bei der digitalen Abwicklung von Geldgeschäften als zurückhaltend. Auch ist die Unsicherheit groß, wie Geschäftsmodelle oder Finanzmarktprodukte, die auf technologischen Neuerungen beruhen, rechtlich und regulatorisch einzuordnen sind. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht hat die zunehmende Bedeutung von Big Data und künstliche Intelligenz auf dem Radar und zu diesem Thema eine aktuelle umfassende Studie veröffentlicht.  Digitale oder KI-Finanzdienstleistungen sind in China dagegen weiter verbreitet: Eine chinesische Bank verwaltet bereits Kundengelder in einer KI-App, die „in eigenem Ermessen“ Investitionsentscheidungen trifft. 

Christian Bauckhage: Technisch ist eine solche App natürlich auch in Deutschland oder Europa vorstellbar, das Problem ist hier aber vor allem ein soziologisches: Sind die Menschen in Europa bereit, derartige Entscheidungen von Maschinen treffen zu lassen? Möglicherweise ist das aber auch ein Generationenproblem; Digital Natives – Menschen, die in einer digitalisierten Welt aufwachsen – verstehen diese Frage möglicherweise schon gar nicht mehr.

Mario Mattera: Die Fortschritte in der KI sind enorm. Ich denke da an die Entwicklerkonferenz von Google im Mai 2018, auf der ein KI-Sprachassistent vorgestellt wurde, der telefonisch einen Friseurtermin vereinbarte und in der Interaktion mit dem Menschen am anderen Ende der Leitung nicht als Maschine zu erkennen war. Wie schätzen Sie die Sorge ein, dass intelligente Maschinen in Zukunft ein eigenes Bewusstsein entwickeln und den Menschen beherrschen?

Christian Bauckhage: Diese Frage wird mir oft gestellt, vermutlich, weil wir alle die Terminator-Filme gesehen haben. Nach dem aktuellen Stand der Technik wird es noch länger dauern, bis Maschinen Bewusstsein entwickeln. Vielleicht noch so viel: Der Begriff „künstliche Intelligenz“ ist meiner Meinung nach unglücklich gewählt; es wäre besser von „künstlicher Kognition“ zu sprechen. Mit Intelligenz assoziieren wir oft (unbewusst) menschliche Eigenarten wie Herrschaftswille. Maschinelle Intelligenz verhält sich aber zur menschlichen Intelligenz so, wie sich Flugzeuge zu Vögeln verhalten: Die einen erzeugen Auftrieb durch Triebwerke, die anderen schlagen mit den Flügeln und doch können beide fliegen. Mit anderen Worten, künstliche Intelligenz funktioniert völlig anders als natürliche und verhält sich daher auch anders.

Mario Mattera: Herr Professor Bauckhage, vielen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr.-Ing. Christian Bauckhage vom Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Infor-mationssysteme IAIS

Prof. Dr. Christian Bauckhage ist Professor für Informatik an der Universität Bonn, wissenschaftlicher Direktor des Fraunhofer-Zentrums für Maschinelles Lernen und Lead Scientist für Maschinelles Lernen am Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS. Nach erfolgreicher Promotion in Informatik an der Universität Bielefeld arbeitete er zunächst als PostDoc am Centre for Vision Research in Toronto und anschließend als Senior Research Scientist bei den Deutsche Telekom Laboratories in Berlin, bevor er 2008 nach Bonn berufen wurde. 
In seiner Forschung widmet er sich der Entwicklung effizienter Algorithmen für Data Mining, Mustererkennung und maschinelles Lernen, die daten- und wissensgetriebene Ansätze kombinieren. Praktische Anwendungen dieser Techniken finden sich im Finanzwesen, in der Industrie 4.0 oder in der Medizin. Als engagierter Verfechter des Open-Science-Gedankens spricht er in öffentlichen Vorträgen regelmäßig über Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen.

Mario Mattera, Mitglied des Partnerkreises B. Metzer seel. Sohn & Co. KGaAA

Mario Mattera, CIIA, ist seit 2002 bei Metzler. Herr Mattera ist seit 2018 Mitglied des Partnerkreises der B. Metzler seel. Sohn & Co. Holding AG und seither mitverantwortlich für das Geschäftsfeld Capital Markets innerhalb der B. Metzler seel. Sohn & Co KGaA. Seit 2014 leitet zudem Herr Mattera den Bereich Fixed Income/Forex bei Capital Markets. Er verantwortet die Sales- und Trading-Einheiten, die Aktiv-/Passiv-Steuerung der Gruppe sowie das Currency-Management der Bank. Darüber hinaus ist er ständiges Mitglied im Kreditausschuss des Bankhauses. Herr Mattera ist ferner seit 2012 Mitglied des Verwaltungsrates der Deutschen Börse Commodities GmbH, Frankfurt am Main. 2006 absolvierte er das Postgraduierten-Programm zum Certified International Investment Analyst (CIIA). Er studierte Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Hochschule Mittelhessen, Gießen.