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10.2.2022 - Sebastian Sachs

EZB beugt sich dem Inflationsdruck und wird restriktiver

Die Europäische Zentralbank ändert ihre geldpolitische Ausrichtung und dürfte unserer Einschätzung nach nun im vierten Quartal die erste Zinsanhebung vornehmen. Zuvor erwarten wir ein Auslaufen des Kaufprogramms APP Ende September. Drei Fragen hierzu an Finanzanalyst Sebastian Sachs:

 

Eins
Stimmungsumschwung bei der EZB – was ist passiert?

Letztlich war es wohl die Januar-Inflationszahl aus der Eurozone, die den Ausschlag dafür gegeben hat. Bereits seit Längerem erschien das Beharren der EZB-Offiziellen auf der These nicht mehr glaubwürdig, die höheren Preissteigerungsraten im einheitlichen Währungsraum wären lediglich ein temporäres Phänomen. Auch innerhalb des geldpolitischen Rates sind die Spannungen gewachsen. Insbesondere kleinere Länder mit niedrigen Schuldenquoten und hohen Inflationsraten haben Druck gemacht, die sehr expansive Ausrichtung zu überdenken und gegebenenfalls zu ändern.

Jetzt ist der Druck zu groß geworden, und die Währungshüter werden im März höchstwahrscheinlich eine Anpassung ihrer Ausrichtung ankündigen. Natürlich ist klar, dass die kurzfristigen Inflationsphänomene geldpolitisch nicht zu bekämpfen sind, vor allem nicht die explodierenden Energiepreise. Dennoch setzt die Notenbank damit ein wichtiges Zeichen. Denn wenn im März die neuen Inflations- und Wachstumsprognosen veröffentlicht werden, sollte klar erkennbar sein, dass auch die EZB-Experten von einer nachhaltig höheren Inflation ausgehen.

Zwei
Welche Ankündigungen oder Änderungen sind zu erwarten?

Wir gehen davon aus, dass EZB-Präsidentin Lagarde im März erst einmal ein Auslaufen des Asset Purchase Programms (APP) für Ende September ankündigen wird. Damit steht die Tür für eine Zinsanhebung offen. Denn die EZB hat stets betont, dass sie die Zinsen keinesfalls vor dem Ende von APP anheben wird (Sequencing). Da die Zentralbank aber ebenfalls darauf verweist, weiterhin in Abhängigkeit der zur Verfügung stehenden Daten zu handeln, dürfte ein konkreter Termin für eine erste Zinsanhebung im März zunächst noch offenbleiben.

Die Ankündigung des Dezember-Zinsschritts, den wir nun prognostizieren, sollte somit erst im weiteren Jahresverlauf erfolgen. Darüber hinaus sehen wir die Möglichkeit, dass sich die EZB auch von ihrer selbst auferlegten Reihenfolge im Straffungsprozess verabschieden könnte, sollte die Rückführung der Asset-Käufe zu starke Turbulenzen auslösen – vor allem am Govie-Segment der Peripherie der Eurozone. Dann würde die Zinsanhebung vorgezogen. Diese Abkehr vom Sequencing ist zwar nicht unser Basisszenario, aber durchaus vorstellbar.

Drei
Wie wird der Govie-Markt in der Eurozone reagieren?

Bereits direkt nach der Februar-Sitzung der EZB war die Situation in der Peripherie der Eurozone sehr angespannt – die Spreads griechischer oder insbesondere italienischer Govies haben sich deutlich ausgeweitet. Und genau hier wird es interessant zu sehen, wo die „Schmerzgrenze“ für die Währungshüter liegt. Denn das Wahren günstiger Finanzierungsbedingungen für die südlichen Länder ist ebenfalls ein erklärtes Ziel der EZB – das Stichwort lautet Schuldentragfähigkeit.

Zehnjährige Bundesanleihen haben im Zuge der jüngsten Inflationsentwicklung und der Erwartung einer restriktiveren EZB den negativen Renditebereich verlassen. Wir gehen für den restlichen Jahresverlauf davon aus, dass die Nulllinie nicht mehr (nachhaltig) unterschritten wird. Da allerdings durch den massiven Renditeschub der vergangenen Wochen auch schon vieles eingepreist ist, glauben wir nicht, dass die Bundrenditen nun nach oben „wegschießen“.

Sebastian Sachs
Sebastian Sachs

Finanzanalyst FI/FX , Metzler Capital Markets

Sebastian Sachs ist seit 2011 bei Metzler tätig. Er ist Stratege im Bereich Capital Markets mit Schwerpunkt in der Analyse der Anleihe-, Devisen- und Rohstoffmärkte. Vor seiner Tätigkeit bei Metzler arbeitete Herr Sachs von 2006 bis 2011 als Covered-Bonds-Analyst bei der DZ Bank in Frankfurt am Main, von 2000 bis 2005 als Finanzmarktjournalist bei der Financial Times Deutschland in Frankfurt am Main und von 1998 bis 2000 als Analyst für Staatsanleihen bei Dresdner Kleinwort Benson in Frankfurt am Main. Dazwischen war er für kurze Zeit bei MTS Deutschland in Frankfurt am Main und der Berenberg Bank in Düsseldorf tätig. Herr Sachs studierte Volkswirtschaftslehre an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main mit den Schwerpunkten Finanzwirtschaft, Finanzwissenschaft sowie Geld und Währung.

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