Hohe Öl- und Gaspreise beschleunigen Kapitalmarkt-Comeback der erneuerbaren Energien
Nach der deutliche Outperformance von Rüstungsaktien in den letzten Jahren stellt die Rallye bei Öl- und Gasaktien viele nachhaltige Investoren vor neue Herausforderungen. Besonders betroffen sind Klimastrategien, die sich an den klimabezogenen Mindestanforderungen der EU für Paris-aligned Benchmarks (PABs) orientieren. Hier sehen die Ausschlusskriterien einen weitgehenden Verzicht auf Unternehmen vor, die in der Exploration, der Förderung und dem Vertrieb fossiler Brennstoffe tätig sind. Viele nachhaltige Fonds beschränken ihre Ausschlüsse jedoch lediglich auf besonders umstrittene Fördermethoden wie Fracking. Unterstellt man eine übliche Umsatztoleranz von fünf Prozent, sind nach Berechnungen von MSCI ESG Research vor allem US-amerikanische, kanadische und australische Unternehmen ausgeschlossen. Unternehmen aus Europa und der Schwellenländer bleiben davon unberührt, was den Effekt auf nachhaltige Portfolios relativiert.
Öl- und Gasindustrie ohne strukturelle Wachstumsstory
Trotz der jüngsten Kursgewinne bleibt die langfristige Perspektive für Öl- und Gasunternehmen begrenzt. Anders als etwa im Verteidigungssektor, wo geopolitische Verschiebungen eine strukturierte Wachstumsstory ermöglichen, fehlt es fossilen Energien an langfristiger Wachstumsfantasie. Zwar sind kurzfristig keine Rückgänge der Öl- und Gaspreise auf die Vorkriegsniveaus zu erwarten, doch die Energiewende, politische Dekarbonisierungsziele und technologische Fortschritte bei der Elektrifizierung werden den fossilen Energiebedarf mittel- bis langfristig senken. Die gegenwärtige Rallye dürfte folglich eher zyklischer Natur sein. Der gestiegene Anteil von Öl- und Gasaktien in den Benchmark-Indizes – so beläuft sich das Gewicht des Energiesektors im MSCI Europe inzwischen auf 5,7 Prozent – ist daher vor allem als kurzfristiger Effekt zu verstehen.
Erneuerbare Energien gewinnen an Zugkraft
Die seit einem Jahr anhaltende Aktienrallye erneuerbarer Energien wird durch die gestiegenen Öl- und Gaspreise weiter befeuert. Infolge der ebenfalls erhöhten Strompreise steigen nicht nur die Profite der Wind- und Solarparkbetreiber, gleichzeitig wird auch die Nachfrage nach erneuerbaren Energiesystemen, Wärmepumpen oder Elektroautos angekurbelt. Politisch rückt das Ziel der Energiesouveränität erneut in den Fokus. So hat die Bundesregierung angekündigt, zusätzliche Windenergie-Projekte mit einer Kapazität von zwölf Gigawatt auszuschreiben, um das Ziel eines Anteils erneuerbarer Energien am Stromverbrauch von 80 Prozent bis 2030 zu erreichen.
Für das Ende des Bärenmarktes bei erneuerbaren Energien sorgte im Jahr 2025 paradoxerweise die US-Regierung unter Donald Trump. Denn mehr Fördermittel aus dem unter der Biden-Administration verabschiedeten Inflation Reduction Act (IRA) blieben erhalten, als ursprünglich nach dem Wahlsieg von Trump erwartet worden war. Zusätzlich trägt der Boom beim Bau von Rechenzentren maßgeblich zur positiven Stimmung bei und verstärkt den Optimismus im Sektor. Hinzu kommen gesunkene Bewertungen, ausgereiftere Geschäftsmodelle sowie strukturell verbesserte Rahmenbedingungen, wie etwa die gesunkenen Gestehungskosten erneuerbarer Energien und die zunehmende Stromnachfrage.