Wenn Politik die Ökonomie überlagert: Kapitalmärkte im Spannungsfeld globalpolitischer Ereignisse
Einmal mehr gibt die US-Außenpolitik die Richtung an den Märkten vor. Während die im vergangenen Jahr dominierenden Handelskonflikte in den Hintergrund gerückt sind, bestimmen im laufenden Jahr die Ereignisse in Venezuela, Grönland und im Nahen Osten die Marktbewegungen. Die weitgehende Schließung der Straße von Hormus infolge der US-amerikanischen und israelischen Militärschläge gegen den Iran resultierte dabei in einem Energiepreisschock, der zwischenzeitlich zu deutlichen Verlusten an den globalen Aktienmärkten führte.
Auf den Anleihemärkten sorgten Inflationssorgen zeitweise zu deutlichen Renditeanstiegen über alle Laufzeiten, während die Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen nur moderat zulegten. Bei den Devisen zeigte sich der strukturelle Vertrauensverlust in den US-Dollar: Trotz des geopolitischen Schocks zeigte der handelsgewichtete Dollar seit Kriegsbeginn mit einem Anstieg von in der Spitze 2,2 Prozent nur eine schwache Reaktion. Im Gegensatz zu früheren Krisenphasen lieferte Gold keinen positiven Diversifikationseffekt im Portfolio. Nach den Rekordständen zu Jahresbeginn setzte sich die starke Korrekturbewegung im März fort und der Goldpreis markierte neue Jahrestiefstände im Bereich von 4.400 bis 4.500 US-Dollar.
Marktturbulenzen verschärfen Performance-Unterschiede
Das aktuelle Marktumfeld ist zusätzlich von deutlichen Performance-Unterschieden innerhalb der Anlageklassen geprägt. So zeigen Unternehmensanleihen eine auffällige Dispersion, insbesondere zinssensitive Immobilientitel verzeichneten Verluste. Seit Jahresbeginn lag im MSCI World Index die Differenz zwischen dem bislang stärksten Sektor Energie und zyklischen Konsumgütern, dem schlechtesten Sektor, zeitweise bei fast 50 Prozentpunkten. Innerhalb der Sektoren lag die Renditestreuung der Einzeltitel im ersten Quartal 2026 über den bereits hohen Niveaus von 2025. Besonders markant fiel die Dispersion im Technologiesektor aus, getrieben weniger vom Irankonflikt als von den disruptiven Effekten Künstlicher Intelligenz auf etablierte Software-Geschäftsmodelle.
Quellen: MSCI, Metzler; Zeitraum: 31.12.2024 bis 31.3.2026; eigene Berechnung auf Basis von Total Return-Kursen in Euro; Wertentwicklungen der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Entwicklung
In unruhigen Zeiten fahren wir einen defensiven Kurs
Das gegenwärtige Kapitalmarktumfeld weist in Teilen Parallelen zum Stagflationsjahr 2022 auf. Gleichwohl bleiben wir hinsichtlich einer unmittelbaren Übertragung der damaligen Entwicklungen auf die kommenden Monate zurückhaltend. Denn der Inflationsschock 2022 resultierte aus einem außergewöhnlichen Zusammentreffen mehrerer Faktoren: einem durch den russischen Angriffskrieg bedingten Energieangebotsrückgang, gestörten Lieferketten und einer nach der Corona-Pandemie aufgestauten Nachfrage. Dennoch kann das Jahr 2022 als wertvolle Orientierungshilfe für ein potenzielles Risikoszenario dienen.
Unsere Anlagestrategie haben wir vorsorglich defensiver ausgelegt und fokussieren uns auf Qualität über alle Anlageklassen hinweg. Auf der Rentenseite tragen wir den vorherrschenden Inflationsrisiken Rechnung und legen den Schwerpunkt auf kurzlaufende Anleihen und niedrige Kreditrisiken. Im Aktiensegment eröffnet die ausgeprägte Performance-Dispersion selektiv Opportunitäten. Dabei bevorzugen wir vor allem Unternehmen, die von langfristigen strukturellen Trends profitieren. In Europa sehen wir beispielsweise Potenzial in den Bereichen Elektrifizierung, Verteidigung und Sicherheit sowie Infrastruktur.
Märkte im Dauerstress – Volatilität dürfte hoch bleiben
Für die kommenden Monate ist angesichts der geopolitischen Lage grundsätzlich mit einem fortgesetzt schwankungsanfälligen Marktumfeld zu rechnen. Wie stark die erhöhten Energiepreise das Wachstum belasten und wie signifikant die Inflation steigt wird, hängt maßgeblich davon ab, wie schnell sich der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus wieder normalisiert. Grundvoraussetzungen hierfür sind, dass die vereinbarte Waffenruhe Bestand hat und die Blockade der Meerenge beendet wird.
Weltwirtschaft trotz Dämpfer weiter auf Wachstumskurs
Unsere Prognose für das globale Wirtschaftswachstum – für das laufende Jahr rechnen wir mit einem Wachstum von 2,7 Prozent im Vergleich zu 2025 – haben wir seit Jahresanfang geringfügig um 0,2 Prozentpunkte gesenkt. Trotz des stagflationär wirkenden Angebotsschocks befindet sich die Weltwirtschaft also weit entfernt von einer Rezession. Da die Energiepreise kurzfristig nicht auf die Vorkriegsniveaus zurückkehren werden, erwarten wir, dass die Inflation zumindest vorübergehend steigen wird. Wir bestätigen daher unsere November-Prognose und erwarten 2026 weiterhin zwei Zinsschritte der EZB von jeweils 0,25 Prozentpunkten. Die zukünftige Geldpolitik der US-Notenbank Fed ist schwieriger einzuschätzen. Der US-Arbeitsmarkt zeigte zuletzt Schwächen, während der Energiepreisschock trotz der Energiesouveränität der USA auch dort die Inflation weiter anheizen dürfte. Anders als der Marktkonsens gehen wir derzeit nicht davon aus, dass die Fed ihr duales Mandat einseitig auf die Vollbeschäftigung ausrichtet und die Preisstabilität völlig außer Acht lässt.
Gewinnerwartungen des Marktes sind zu optimistisch
Mit Blick auf die Unternehmen und die bevorstehende Berichtssaison für das erste Quartal 2026 rechnen wir damit, dass die derzeit hohen Gewinnerwartungen für das laufende Jahr in den meisten Sektoren nach unten korrigiert werden. Die positiven Gewinnrevisionen der letzten Monate halten wir daher für nicht nachhaltig. Selbst wenn sich der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus überraschend schnell normalisieren sollte, werden viele Branchen in den kommenden Quartalen mit spürbaren Belastungen konfrontiert sein. Zu den offensichtlichen Verlierern gehören etwa diskretionäre Konsumwerte, die unter der zu erwartenden inflationsbedingten Kaufzurückhaltung leiden werden, sowie Chemieunternehmen, deren Produktionskosten besonders durch die hohen Energiepreise belastet sind. Auch die Luftfahrtindustrie, bei der die Ausgaben für Kerosin nach den Arbeitskosten den zweitgrößten Kostenfaktor ausmachen, wird angesichts der ausgefallenen Raffineriekapazitäten im Nahen Osten noch auf Monate hinaus mit einer knappen und teuren Treibstoffversorgung rechnen müssen. Vor dem Hintergrund, dass die Golfregion nicht nur Energieprodukte, sondern auch andere wichtige Vorleistungsgüter exportiert, könnten Störungen der Lieferketten auch weitere Industrien betreffen, zumal zusätzlich mit erhöhten Transportkosten zu rechnen ist. So könnte sich die derzeitige Knappheit von Helium als kritischer Faktor für die Halbleiterindustrie und den damit verbundenen Ausbau der KI-Infrastruktur entwickeln.
Aktuelle Positionierung
Das Portfolio unserer aktiv-diskretionären Multi-Asset-Strategie haben wir im derzeit von hoher Unsicherheit geprägten Marktumfeld robust ausgerichtet, die zwischenzeitlich reduzierte Aktienquote aber infolge der jüngsten Waffenruhe wieder auf ein neutrales Niveau angehoben. Innerhalb des Aktienbausteins konzentrieren wir uns jedoch auf defensive, weniger schwankungsanfällige Titel und Geschäftsmodelle, die von langfristigen strukturellen Trends profitieren.
Die Staatsanleihenquote haben wir auf ein neutrales Niveau erhöht, uns jedoch angesichts der Inflationsrisiken von Anleihen mit Laufzeiten von zehn Jahren oder mehr getrennt, was zu einer deutlichen Verkürzung der Duration des Portfolios geführt hat. Weiterhin vorsichtig sind wir bei Euro-denominierten Unternehmensanleihen (Investment-Grade) und bleiben auch aufgrund der jüngsten Spreadausweitung moderat untergewichtet.
Bereits vor der deutlichen Korrektur beim Goldpreis haben wir die überkauften Niveaus genutzt, um Gewinne zu realisieren und unsere Position in den neutralen Bereich zurückzuführen. Trotz dieser taktischen Anpassung bleibt Gold ein zentraler Baustein unseres Portfolios.
| 1 | Geopolitik bleibt dominierender Faktor Die Öffnung der Straße von Hormus ist kurzfristig entscheidend für die weitere Marktentwicklung. |
| 2 | Dispersion bietet Chancen bei Aktien Wir favorisieren Gewinner struktureller Trends, sinkende Gewinnerwartungen mahnen jedoch zur Vorsicht. |
| 3 | Kurzläufer bei Anleihen bevorzugt Aufgrund der Inflationsrisiken verzichten wir auf Anleihen mit langen Laufzeiten. |
| 4 | Déjà-vu? Das Umfeld erinnert an 2022 In dem von hoher Unsicherheit geprägten Marktumfeld setzen wir wie 2022 auf ein robustes Portfolio. |
Quelle: Metzler; Stand: 10.4.2026