Die Geopolitik ist zurück auf der Agenda der Finanzmärkte
Grundsätzliche Gedanken zur Rolle der Geopolitik
Grundsätzlich sind geopolitische Ereignisse nur dann für die Weltwirtschaft relevant, wenn sie eine Verringerung des Angebots von für den Wirtschaftsprozess zentralen Inputgütern zur Folge haben. Beispiele dafür sind das Öl-Embargo im Jahr 1973, Chinas Exportverbote von sog. seltenen Erden oder die Energiekrise infolge des russischen Überfalls. Ein Angebotsschock hat eine Verringerung des BIP-Wachstums und eine Beschleunigung der Inflation zur Folge. Üblicherweise fallen die Aktien- und die Staatsanleihenkurse in einem derartigen Stagflationsszenario gleichzeitig, da die Inflationsbeschleunigung in der Regel Leitzinserhöhungen erfordert. In einer fragmentierten, nicht mehr regelbasierten Welt dürften Staaten immer wieder ihre Macht über Rohstoffe und Lieferketten für geopolitische Ziele nutzen, so dass es immer wieder zu Angebotsschocks kommen kann. Grundsätzlich haben sich in diesem Umfeld kurz laufende Inflationsswaps als gute Diversifikatoren bewährt.
Signifikante Angebotsschocks führen zu Kursverlusten
Eine Analyse des Internationalen Währungsfonds zeigt, dass geopolitische Ereignisse in der Regel kaum längere Auswirkungen auf die Aktienmärkte haben, da sie häufig keinen nennenswerten Angebotsschock verursachen. Die Beispiele der Kuwait-Invasion durch den Irak und des 1973er-Öl-Embargos zeigen aber, dass es im Falle größerer und längerer Angebotsschocks zu stagflationären Tendenzen in der Weltwirtschaft und zu entsprechenden Korrekturen am Aktienmarkt kommen kann.
Inflationsrisiken: Wie antworten die Zentralbanken?
Es besteht noch eine gewisse Unsicherheit, ob die Waffenruhe im Iran hält. Aber selbst ohne erneute militärische Eskalation spricht wenig dafür, dass die Energiepreise in den kommenden Monaten spürbar sinken werden. Beschädigte Infrastruktur, gestörte Lieferketten und eine erhöhte geopolitische Risikoprämie dürften verhindern, dass sich die Energiemärkte rasch normalisieren. Gerade für die Eurozone ist das brisant. Ein weiterer Inflationsschub ist wahrscheinlich, insbesondere da im Herbst die Nahrungsmittelpreise erneut kräftig steigen könnten.
Für die Zentralbanken ist dies das denkbar ungünstigste Szenario: Das schwächere Wirtschaftswachstum würde eigentlich Leitzinssenkungen erfordern, während eine Beschleunigung der Inflation für Leitzinserhöhungen spräche. Ohne Zweitrundeneffekte wäre Abwarten die beste Strategie. Das ist offenbar die Haltung der US-Notenbank angesichts eines schwächeren Arbeitsmarkts und stabil niedriger Erdgaspreise in den USA.
Im Gegensatz dazu ist der Arbeitsmarkt in der Eurozone deutlich angespannter. Die Arbeitslosenquote ist auf einem Rekordtief. Auch sind die realen Einkommensverluste des Jahres 2022 immer noch bei vielen Arbeitnehmern präsent, die nun deutlich schneller höhere Löhne fordern könnten. Wir erwarten daher zwei Leitzinserhöhungen der EZB in diesem Jahr. Im Jahr 2022 sorgte das hohe Geldmengenwachstum für hohe Inflation, ohne einen größeren Wachstumseinbruch zu verursachen. Derzeit jedoch spricht das schwache Geldmengenwachstum für höhere Wachstumsrisiken bei geringeren Inflationsrisiken.