Auch eine nachhaltige Deeskalation im Nahostkonflikt wird den Elektrifizierungsboom nicht stoppen
Der Anstieg der Öl- und Gaspreise infolge des US-israelischen Angriffs auf den Iran hat weltweit zu einer spürbaren Nachfragebelebung bei Elektrifizierungslösungen wie erneuerbaren Energiesystemen, Wärmepumpen oder Elektrofahrzeugen geführt. So ist der Anteil verkaufter Elektroautos an den globalen Autoverkäufen zwischen März und Mai deutlich gestiegen und dürfte zuletzt gut 26 Prozent erreicht haben. Maßgeblich dafür ist vor allem die Entwicklung in China, dem größten Automobilmarkt der Welt. Dort wurden angesichts hoher Benzinpreise erstmals in einem Monat mehr reine Elektro- als Verbrennerfahrzeuge zugelassen.
Inzwischen sind die Preise für Öl und Gas wieder deutlich gefallen. Dass dadurch der globale Trend zur Elektrifizierung gestoppt werden kann, ist nicht zu erwarten – selbst im unwahrscheinlichen Fall signifikant weiter sinkender Preise. Denn der Elektrifizierungsboom ist nachhaltig und fußt auf langfristig wirkenden Faktoren.
Strukturelle Treiber der Elektrifizierung
Weiterhin wächst der globale Strombedarf dynamisch. Grund für die steigende Stromnachfrage sind das allgemeine Wirtschaftswachstum, sozio-demografische Entwicklungen, wie der Trend zu kleineren Haushalten, und der sprunghafte Anstieg des Strombedarfs durch Rechenzentren. Zusätzlich steigt der Elektrifizierungsgrad: Die Elektrifizierung erreicht inzwischen auch industrielle Bereiche, die bisher kaum Strom nutzten. Die Kombination aus hoher Energieeffizienz und einem in vielen Ländern niedrigen Strompreisniveau macht den Stromverbrauch dabei attraktiv. Als Katalysator wirken hier unter anderem die deutlich gesunkenen Gestehungskosten erneuerbarer Energien.
Unverändert ist auch der Klimaschutz eines der zentralen Motive der Energiewende. Dabei scheint der politische Wille zur Dekarbonisierung trotz konkurrierender Prioritäten grundsätzlich intakt zu sein, auch wenn sich die Ambitionsniveaus international stark unterscheiden. Flankiert wird das Klimaschutzmotiv neuerdings vom strategischen Ziel vieler Staaten nach Energiesouveränität: Die Importabhängigkeit von fossilen Brennstoffen gilt vielerorts inzwischen als sicherheits- und wirtschaftspolitisches Risiko.
Elektrifizierung als Investmentchance
Nach Berechnungen der Internationalen Energie Agentur (IEA) werden die globalen Energieinvestitionen im laufenden Jahr den Rekordwert von 3,4 Bio. US-Dollar erreichen. Ein immer größerer Teil davon fließt in saubere Energien. Dagegen stagnieren die Investitionen in fossile Brennstoffe seit nunmehr zehn Jahren. Ihr Anteil an den Gesamtinvestitionen ist von 2016 bis 2026 um rund 15 Prozentpunkte gefallen.
Die am Elektrifizierungsboom beteiligten Unternehmen zählen seit Jahren zu den Outperformern an den Aktienmärkten. Chancen für Anleger ergeben sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Stromerzeugung bis zu Investitionen in Verteilnetze. Viele europäische Unternehmen zählen dabei zu den Weltmarktführern. Elektrifizierung bleibt damit einer der wenigen Bereiche, in denen Europa den Anschluss an die USA und China noch nicht verloren hat.