Nach Jahren der Knappheit: Droht durch KI und Mega-IPOs ein Überangebot an Aktien?
Das öffentlich gehandelte Aktienangebot befindet sich in einem langfristigen Abwärtstrend. Ein Grund für dieses auch als so genanntes „De-Equitization“ bekannte Phänomen: Über die vergangenen zwei Jahrzehnte hat sich die Zahl börsennotierter Unternehmen erheblich verringert. Treiber für diese Entwicklung waren unter anderem die Verfügbarkeit günstiger Fremdfinanzierung für Private-Equity-Buyouts sowie neue Bilanzierungsstandards für Pensionsfonds, die eine Umschichtung von Aktien in Anleihen und andere Instrumente begünstigten. Zudem stand Unternehmen in großem Umfang Kapital privater Märkte zur Verfügung, was den Gang an die Börse verzögerte oder in vielen Fällen ganz überflüssig machte.
Besonders gravierend ist die Entwicklung in den USA. Dort hat sich die Zahl der börsennotierten Unternehmen seit Mitte der 1990er Jahre nahezu halbiert. Und auch in Europa ziehen sich vermehrt Unternehmen von der Börse zurück. Die niedrigen Bewertungen vieler Firmen und die generelle Skepsis der internationalen Anleger bezüglich des europäischen Aktienmarktes haben diesen Trend zuletzt noch beschleunigt. Die Folge: Ein signifikanter Teil der wirtschaftlichen Wertschöpfung findet inzwischen außerhalb öffentlicher Märkte statt.
Aktienrückkäufe als Treiber der „De-Equitization“
Ein weiterer Treiber der öffentlichen Aktienknappheit der vergangenen Jahre war der Anstieg bei den Aktienrückkäufen. Unternehmen, insbesondere in den USA, nutzten ihre hohen Cashflows und niedrige Finanzierungskosten, um steuerlich begünstigt eigene Aktien einzuziehen. Die reduzierte Aktienanzahl stützte den Gewinn je Aktie und damit den Aktienkurs.
Ein abruptes Ende dieses strukturellen Trends halten wir derzeit zwar für unwahrscheinlich – Aktienrückkäufe werden auch in Zukunft Kernbestandteil der Kapitalallokation von Firmen sein und die Märkte stützen. Insbesondere aber in den USA mehren sich die Anzeichen, dass die Angebotsverknappung durch Aktienrückkäufe an Momentum verliert. Mit Alphabet, Microsoft und Meta Platforms haben drei der großen US-Hyperscaler ihre Rückkäufe zuletzt reduziert. Der Hauptgrund für die neue Zurückhaltung sind die immensen und fortlaufenden Investitionen in die Infrastruktur für künstliche Intelligenz (KI). Die Mittel für Aktienrückkäufe konkurrieren also direkt mit den Ausgaben für Chips, Energie, Kühlung, Netzanschlüssen und Netzinfrastruktur.
Die Rückkehr der großer Börsengänge
Nach schwachen Jahren in Folge der Corona-Pandemie zeigt der IPO-Markt zuletzt deutliche Anzeichen einer Normalisierung. Im ersten Halbjahr suchten weltweit rund 1.400 Unternehmen den Weg aufs Börsenparkett. Gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 entspricht das einem Anstieg um 80 Prozent. Das Emissionsvolumen legte sogar um 140 Prozent zu, auch aufgrund des IPOs von Space Exploration Technologies („SpaceX“).
Grundsätzlich ist diese Entwicklung, die in erster Linie durch die Dynamik in den USA getrieben wird, zu begrüßen: Mehr IPOs können die öffentlichen Märkte wieder attraktiver machen. Anleger erhalten Zugang zu Wachstumsunternehmen, die bisher nur Venture-Capital- oder Private-Equity-Investoren offenstanden. Und ein breiteres Aktienuniversum kann langfristig die Diversifikation und die Kapitalmarktkultur verbessern.
Zusätzlich stehen IPO-Champions wie SpaceX exemplarisch für ein größeres Problem: Die innovativsten Firmen bleiben heute häufig lange Zeit ohne Börsennotiz und der Großteil der Bewertungsgewinne findet in privaten Märkten statt. Erfolgt der Börsengang, bindet dieser viel Liquidität und kann angesichts der hohen Bewertungen der Börsenkandidaten und kurzer Lock-up-Fristen die Bewertungsrelationen des Gesamtmarktes verschieben und dessen Korrekturanfälligkeit mittelfristig erhöhen.
Portfolioimplikationen eines steigenden Aktienangebots
Das zu erwartende steigende Aktienangebot durch weniger Aktienrückkäufe und einer Belebung des IPO-Marktes sprechen aus unserer Sicht nicht grundsätzlich gegen Aktien, aber gegen eine zu pauschale Aktienmarktbetrachtung. Wir erwarten, dass Kapitaldisziplin und Kenngrößen wie der verbleibende Cashflow nach Investitionen und die Rendite auf das investierte Kapital bei der Unternehmensbewertung perspektivisch an Bedeutung gewinnen werden. Qualitätsunternehmen, die hohe Investitionen in KI, Infrastruktur oder Automatisierung in nachhaltiges Gewinnwachstum übersetzen können, dürften attraktiv bleiben. Vorsichtiger sind wir bei Firmen, deren positive Kapitalrendite bisher unbewiesen ist. Verlierer könnten kapitalintensive Geschäftsmodelle ohne Preissetzungsmacht mit nachlassender Unterstützung durch Aktienrückkäufe sein.
Qualität bei IPO-Kandidaten entscheidend
Am IPO-Markt dürfte neben der Bewertung die Qualität der Börsenneulinge über den zukünftigen Anlageerfolg entscheiden: Künftige IPO-Kandidaten aus den Bereichen KI, Weltraum, Verteidigung, Energie- oder Dateninfrastruktur können echte strukturelle Wachstumsthemen repräsentieren. Aber zwischen dem Börsengang eines profitabel und nachhaltig wachsenden Unternehmen und einem Exit-Vehikel zu Höchstbewertungen gilt es als Anleger zu differenzieren. Die Kombination aus hoher Bewertung und einem wenig visiblen Free-Cashflow-Pfad stellt daher ein Warnsignal dar. Beispiele für derartige Konstellation sehen wir derzeit vor allem am US-Markt.
Neues Angebot trifft auf passive Nachfrage
Ein wachsendes öffentliches Aktienangebot braucht auch eine größere Nachfrage, um im Gleichgewicht zu bleiben. Hier spielen passive Investoren eine ambivalente Rolle. Einerseits sorgen ETFs, Indexfonds und Sparpläne für eine stetige, regelbasierte Nachfrage nach Aktien. Andererseits kaufen passive Investoren neue Aktien nicht automatisch zum IPO. Die strukturelle Nachfrage entsteht meist erst nach Indexaufnahme unter Berücksichtigung der Marktkapitalisierung des Streubesitzes. Genau deshalb benötigt eine große IPO-Welle kurzfristig zunächst absorbierende Liquidität, bevor passive Kapitalflüsse stabilisierend wirken können.
Europas Reform der Altersvorsorge sorgt für Entlastung
Eine zusätzliche langfristige Nachfrage nach Aktien könnte aus Europa kommen. Die EU verfolgt mit der so genannten „Savings and Investments Union“ das Ziel, private Ersparnisse stärker in produktive Investitionen zu lenken. In Deutschland soll die Reform der privaten Altersvorsorge ab dem Jahr 2027 ein Altersvorsorgedepot ermöglichen, über das Bürger mit breit gestreuten Fonds und ETFs für das Alter sparen können. Das dürfte kurzfristig kein signifikanter Katalysator für die Aktiennachfrage sein, wirkt aber langfristig und strukturell.