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Werbeinformation der Metzler Asset Management GmbH - 15.5.2026 - Edgar Walk

Schwellenländer – die Gewinner der geopolitischen Krisen?

Die Schwellenländer sind überraschenderweise in einer „guten Verfassung“ – bis dato wirken sie robuster als in früheren Phasen geopolitischer Erschütterungen. Aber ihre Aktien- und Anleihemärkte bleiben in hohem Maße von einem globalen Faktor abhängig, der seit Jahrzehnten über Aufschwung und Krise in den Schwellenländern entscheidet: dem US-Dollar-Zyklus. In dieser Sichtweise ist der Dollar also nicht nur eine Währung, sondern der globale Preis für Sicherheit und Liquidität. Steigt der handelsgewichtete Dollarkurs wie von 2011 bis 2024, verschärfen sich weltweit die Finanzierungsbedingungen; Kapital fließt in sichere Anlagen, Risikoprämien steigen und Schwellenländer geraten unter Druck. Eine IWF-Analyse zum globalen Dollar-Zyklus zeigt, dass ein stärkerer US-Dollar die Schwellenländer deutlich härter trifft als die Industrieländer: Wertet der Dollar um 10 Prozent auf, liegt die reale Wirtschaftsleistung in den Emerging Markets nach einem Jahr im Durchschnitt um 1,9 Prozent niedriger. In fortgeschrittenen Volkswirtschaften ist der Effekt deutlich kleiner und zudem wesentlich schneller wieder verschwunden. Jedes Schwellenland kann aber mithilfe von flexibleren Wechselkursen, besser verankerten Inflationserwartungen und Verschuldung überwiegend in eigener Währung die negativen Folgen einer US-Dollar-Aufwertung grundsätzlich abmildern.

Gerade hier liegt die wichtigste Veränderung gegenüber früheren Schwellenländerzyklen. Historisch wurden Phasen einer US-Dollar-Stärke oft durch eine straffere US-Geldpolitik eingeleitet, was der Auftakt für Kapitalabflüsse, Währungsabwertungen und Finanzkrisen in den Schwellenländern war. Die Erfahrungen der frühen 1980er-Jahre, der Asienkrise oder des „taper tantrum“ von 2013 haben sich tief ins institutionelle Gedächtnis eingegraben. Doch im jüngsten Straffungszyklus 2022 bis 2023 blieb die befürchtete breite Krisenwelle aus. Das lag vor allem an drei Verbesserungen: teilweise flexiblere Währungen, glaubwürdigere geldpolitische Regime und eine deutlich geringere Abhängigkeit von Fremdwährungsschulden. Das ist vielleicht die wichtigste strukturelle Nachricht für Schwellenländerinvestoren überhaupt. Die Anlageklasse ist nicht immun gegen Dollarschocks geworden, aber sie ist weniger fragil als früher. Zudem hat US-Präsident Donald Trump mit seiner teilweise erratischen Wirtschaftspolitik – vielleicht unfreiwillig – eine Trendwende zu einem strukturell schwächeren US-Dollar eingeleitet. So befindet sich der JPMorgan Index von 25 Schwellenländerwährungen gegenüber dem US-Dollar seit Anfang 2025 im Aufwind – nach einer langen Durststrecke mit erheblichen Verlusten seit 2011.

Währungen der Schwellenländer im Aufschwung
JPMorgan Index von 25 Schwellenländerwährungen ggü. US-Dollar

Quellen: Bloomberg, Metzler; Stand: 12.5.2026

Für die Schwellenländer bedeutet das: verbesserte globale Finanzbedingungen, eine niedrigere Risikoaversion internationaler Anleger und günstigere Refinanzierung.

Der Internationale Währungsfonds IWF spricht selbst davon, dass Schwellenländer die Schocks der vergangenen Jahre besser überstanden haben als erwartet und dass ihre makroökonomischen Rahmenbedingungen über die vergangenen 10 bis 20 Jahre deutlich verbessert wurden. Diese Resilienz kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die globale Ausgangslage paradox ist. Die Weltwirtschaft ist belastet durch Krieg im Nahen Osten, höhere Energiepreise, geopolitische Fragmentierung und eine fragilere Handelsordnung. Dennoch prognostiziert der IWF im April 2026 in seinem Ausblick für die Weltwirtschaft ein Wachstum von 3,1 Prozent im Jahr 2026 und von 3,2 Prozent im Jahr 2027. Bemerkenswert ist vor allem: Technologieinvestitionen, KI-bezogene Nachfrage und robuste Anpassungsfähigkeit des privaten Sektors wirken als Gegengewicht zu den geopolitischen Schocks.

Asien bleibt das makroökonomische Kraftzentrum der Schwellenländer: Der IWF erwartet für Asien 2026 ein Wachstum von 4,9 Prozent und 2027 von 4,8 Prozent. Besonders auffällig sind dabei die Differenzierungen innerhalb der Region: China wächst 2026 demnach voraussichtlich um 4,4 Prozent, Indien um 6,5 Prozent und Vietnam sogar um 7,1 Prozent. Der derzeit wichtigste Impuls für das Wachstum kommt aus dem Technologiesektor. Der globale Boom rund um künstliche Intelligenz zieht den Halbleiter- und Elektronikkomplex in Nordasien mit voller Wucht nach oben. Der IWF hebt den kräftigen Anstieg technologiebezogener Exporte ausdrücklich als ein zentrales Merkmal der jüngsten Welthandelsdynamik hervor. Davon profitieren vor allem jene asiatischen Volkswirtschaften, die Schlüsselkomponenten für die weltweite Investitionswelle in digitale Infrastruktur, Rechenzentren und KI-Anwendungen liefern. China bleibt dabei ein Sonderfall. Die schwache Binnenkonjunktur und strukturelle Nachwirkungen der Immobilienkrise bremsen das Land spürbar. Damit fällt China als breit angelegter Wachstumsmotor für die Region weniger kraftvoll aus als in früheren Zyklen. Dafür übernehmen Länder wie Indien, Indonesien und Vietnam das Zepter als Wachstumsmotoren der Region.

Lateinamerika wirkt auf den ersten Blick unspektakulär, ist aber womöglich die interessanteste Region für Anleiheinvestoren. Der IWF erwartet für Lateinamerika 2026 ein Wachstum von 2,3 Prozent und 2027 von 2,7 Prozent. Das ist zwar mäßig, entscheidend ist aber die Kombination aus relativ orthodoxer Geldpolitik, flexibleren Wechselkursen und – in einigen Fällen – günstiger Rohstoffpositionierung. Brasilien profitiert kurzfristig sogar leicht vom Energieschock, weil das Land Nettoenergieexporteur ist; für 2026 werden 1,9 Prozent Wachstum erwartet, für 2027 2,0 Prozent. Mexiko bleibt enger gebunden an die US-Konjunktur und die Handelsbeziehungen nach Norden, mit 1,6 Prozent Wachstum 2026 und 2,2 Prozent 2027.

Im MSCI Emerging Markets Index hat Asien mit Abstand den größten Anteil (allein China, Taiwan und Südkorea machen knapp 65 Prozent des Indexes aus) und ist damit für dessen Wertentwicklung bestimmend. Die hohe Wachstumsdynamik Asiens plus die Stärke in der Hochtechnologie, wie im Halbleiter- und Tech-Hardwarekomplex, machen Asien zum Gewinner im globalen KI-Investitionszyklus. Entscheidend für die Outperformance des Schwellenländerindex von MSCI gegenüber dem MSCI Welt ist aber interessanterweise immer noch der US-Dollar-Zyklus.

Trend des US-Dollar bestimmt die Chancen der Schwellenländer-Aktienmärkte

Quellen: Bloomberg, Metzler; Stand: 31.3.2026

Aber auch für Anleiheinvestoren ist die Region durchaus interessant: Gerade weil viele Schwellenländer heute über glaubwürdigere Zentralbanken, flexiblere Wechselkurse und niedrigere Fremdwährungsverschuldung verfügen, ist der Anleihemarkt attraktiver geworden. Wo die Inflation unter Kontrolle bleibt und reale Zinsen hoch sind, können sinkende Leitzinsen wieder Kursgewinne für Anleihen in lokaler Währung erzeugen. Fremdwährungsanleihen bleiben dagegen stärker abhängig von globalen Einflussfaktoren wie der Geopolitik.

Entscheidend für die Performance der einzelnen Anleihemärkte könnte dabei die ökonomische Nähe zum geopolitischen Schock werden. Wer Kriege finanziert, Energieknappheit importiert und zugleich höhere Verteidigungsausgaben schultern muss, sieht sich mit  anderen Risiken für seine Staatsanleihen konfrontiert als Länder, die politisch auf Abstand bleiben und fiskalisch weniger direkt betroffen sind. In der Vergangenheit verzeichneten Anleger in Staatsanleihen von an Kriegen beteiligten Ländern oft negative reale Renditen. Viele Schwellenländer stehen dagegen heute robuster da als in früheren Schockphasen und könnten von einer Art strategischer Distanzdividende profitieren. Doch diese Dividende ist selektiv. Sie gilt für Länder mit Rohstoffpuffer, glaubwürdiger Politik und geringer externer Verwundbarkeit.

Interessanterweise ist der US-Dollar-Zyklus am Anleihemarkt weniger stark ausgeprägt als am Aktienmarkt. Ein Grund dafür könnte sein, dass die höhere Verzinsung von USD-Fremdwährungsanleihen der Schwellenländer gegenüber US-Staatsanleihen in der Vergangenheit oft einen guten Puffer geliefert hat.

Deutlich höhere Rendite der Schwellenländeranleihen verringert den Einfluss des US-Dollar auf die Performance

Quellen: Bloomberg, Metzler; Stand: 31.3.2026

Die eigentliche Schlussfolgerung für Schwellenländerinvestoren ist deshalb ernüchternd und ermutigend zugleich. Ernüchternd, weil es den Emerging-Market-Bullenmarkt nicht gibt. Die alte Vorstellung eines synchronen Aufschwungs von São Paulo bis Seoul passt nicht mehr in eine Welt, die durch Geopolitik, Lieferkettenumbau und KI-getriebene Konzentration geprägt ist. Ermutigend, weil die Schwellenländer heute weniger von externer Gnade leben als noch vor zwanzig Jahren. Ihre Resilienz ist nicht Zufall, sondern das Ergebnis besserer Politik: glaubwürdigere Zentralbanken, geringere Währungsinkongruenzen, höhere Reserven, größere Wechselkursflexibilität.

USA: Was macht der neue Fed-Präsident?

In der kommenden Woche wird voraussichtlich Kevin Warsh als neuer Präsident das Ruder bei der US-Notenbank übernehmen. Derzeit ist noch nicht abschätzbar, wie die Fed unter ihm agieren wird. Wir erwarten einen unveränderten Leitzins bis Jahresende – wie es auch der Markt gegenwärtig preist. Vor dem Hintergrund der hohen Inflation besteht kein Spielraum für Leitzinssenkungen. In der kommenden Woche werden keine Konjunkturdaten veröffentlicht, die eine Neubewertung der Leitzinsperspektiven erfordern könnten. Mit einem stabilen US-Leitzins und einem sich tendenziell abwertenden US-Dollar können die Schwellenländer gut leben.

Eurozone: Wie schlimm wird der Abschwung?

Europa scheint derzeit am stärksten von der Energiekrise betroffen zu sein, da europäische Unternehmen kaum vom globalen KI-Boom profitieren. Die Einkaufsmanagerindizes und das Konsumentenvertrauen am Donnerstag sowie der ifo-Index am Freitag werden zeigen, wie schlimm der Wachstumseinbruch sein wird. Derzeit rechnen wir in der Eurozone noch mit einem Wachstum über der Nulllinie.

Edgar Walk
Edgar Walk

Chefvolkswirt , Metzler Asset Management

Edgar Walk arbeitet seit 2000 bei Metzler. Als Chefvolkswirt im Bereich Asset Management ist er für die volkswirtschaftlichen Prognosen verantwortlich. Aufgrund seiner engen Zusammenarbeit mit dem Portfoliomanagement liegt sein Fokus neben der volkswirtschaftlichen Analyse verstärkt auf Kapitalmarktthemen. Vor seiner Anstellung bei Metzler studierte Herr Walk in Tübingen Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Regionalstudien Ostasien und Japan. Zur Vertiefung seiner Studien verbrachte er ein Auslandssemester an der Doshisha-Universität in Kyoto (Japan). Am Institut für Weltwirtschaft in Kiel absolvierte er anschließend den Aufbaustudiengang „Advanced Studies in International Economic Policy Research“.

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