Der China-Schock 2.0 befeuert Europas Populismus
Der erste China-Schock war vor allem eine US-amerikanische Erfahrung. Nach dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001 wurden die USA mit einer abrupten Welle extrem günstiger chinesischer Industriegüter konfrontiert. Ganze Regionen, deren Wohlstand von arbeitsintensiven Produktionsbetrieben abhing, verloren innerhalb weniger Jahre ihre wirtschaftliche Grundlage. Viele Unternehmen konnten sich nicht schnell genug anpassen, Fabriken wurden geschlossen, Arbeitsplätze verschwanden.
Ökonomisch war dies mehr als der übliche Strukturwandel, bei dem neue Branchen die alten allmählich ersetzen. Der Anpassungsdruck war zu groß, zu regional konzentriert und zu schnell. Genau darin lag die politische Sprengkraft. Zahlreiche US-Studien zeigen, dass in besonders stark vom chinesischen Importwettbewerb betroffenen Wahlkreisen die Zustimmung zu populistischen und protektionistischen Positionen deutlich zunahm.
Menschen stimmen eben nicht über abstrakte Wohlfahrtsgewinne des Welthandels ab. Sie stimmen über die Zukunft ihrer Arbeitsplätze und ihrer Gemeinden ab. Ein Land kann als Ganzes von günstigeren Importen profitieren und dennoch politisch destabilisiert werden, wenn die Verluste auf wenige Regionen konzentriert sind, während sich die Vorteile nahezu unsichtbar über Millionen von Konsumenten verteilen.
Der China-Schock 2.0 trifft Europa
Heute erlebt Europa eine zweite, möglicherweise noch gefährlichere Variante dieses Schocks. China exportiert längst nicht mehr hauptsächlich Textilien, Spielzeug oder einfache Elektronik. Chinesische Unternehmen greifen inzwischen genau jene Branchen an, die den industriellen Kern Europas bilden: den Automobilbau, den Maschinenbau, die Chemieindustrie, die Elektrotechnik und zunehmend auch Bereiche der grünen Technologien.
Das europäische Problem besteht dabei nicht darin, dass chinesische Unternehmen innovativ oder effizient sind. Wettbewerb durch produktivere Unternehmen ist grundsätzlich ein wichtiger Motor wirtschaftlichen Fortschritts. Das Problem beginnt dort, wo Wettbewerb nicht mehr zwischen Unternehmen, sondern zwischen europäischen Unternehmen und dem chinesischen Staat stattfindet.
Chinesische Produzenten profitieren von umfangreichen Subventionen, verbilligten Krediten, staatlich gelenkter Kreditversorgung, niedrigen Energiepreisen und einem Wechselkurs, der Chinas internationale Wettbewerbsfähigkeit zusätzlich erhöht. Verluste müssen dabei nicht zwangsläufig zum Marktaustritt führen. Unternehmen können weiter produzieren, Kapazitäten ausbauen und ihre Waren zu Preisen exportieren, bei denen privatwirtschaftlich organisierte Konkurrenten längst aufgeben müssten. Das ist kein normaler Wettbewerb. Es ist der Export chinesischer Überkapazitäten in die Absatzmärkte anderer Länder.
Die Folgen werden in Deutschland bereits sichtbar. In der deutschen Industrie gehen derzeit rund 15.000 Arbeitsplätze pro Monat verloren. Noch fehlen belastbare Studien, die den regionalen Abbau von Industriearbeitsplätzen unmittelbar mit steigenden Zustimmungswerten für populistische Parteien verbinden. Die US-amerikanischen Erfahrungen, das regionale Wahlverhalten in Deutschland und die aktuellen Umfragen legen jedoch nahe, dass ein solcher Zusammenhang plausibel ist.
Dabei dürfte es weniger um eine einfache Gleichung gehen, nach der jeder verlorene Arbeitsplatz automatisch eine Stimme für eine populistische Partei erzeugt. Entscheidend ist vielmehr das Gefühl eines dauerhaften Kontrollverlusts: Die eigene Region verliert Unternehmen, qualifizierte junge Menschen wandern ab, kommunale Einnahmen sinken und die politische Mitte scheint keine überzeugende Antwort zu haben. Ökonomische Unsicherheit verwandelt sich dann in institutionelles Misstrauen.
Chinas Exportmodell erreicht eine neue Dimension
Die Größenordnung der Verschiebung ist bemerkenswert. Zwischen dem ersten Quartal 2020 und dem ersten Quartal 2026 stiegen die realen chinesischen Exporte um mehr als 60 Prozent. Die deutschen Exporte stagnierten dagegen weitgehend. In nominaler Rechnung erhöhten sich Chinas Ausfuhren von rund 2,6 Billionen US-Dollar im Jahr 2020 auf etwa 3,8 Billionen US-Dollar im Jahr 2025.
Quellen: Eurostat, FRED Database, Metzler; Stand: 31.3.2026
Das zugrunde liegende Problem ist eine chronisch schwache chinesische Binnennachfrage. Private Haushalte erhalten einen vergleichsweise geringen Anteil des gesamtwirtschaftlichen Einkommens, die soziale Absicherung ist lückenhaft und die Unsicherheit über Gesundheits-, Bildungs- und Altersvorsorgekosten zwingt viele Menschen zu hohen Ersparnissen.
Gleichzeitig fließt ein überproportional großer Teil der Ressourcen in Unternehmen oder Infrastruktur. Produziert eine Volkswirtschaft dauerhaft mehr, als ihre eigenen Konsumenten nachfragen können, muss der Überschuss exportiert werden. Chinas Handelsüberschüsse sind daher nicht nur Ausdruck industrieller Stärke. Sie sind auch die Kehrseite eines unausgewogenen Wachstumsmodells.
Europa braucht Schutz – aber keinen bequemen Protektionismus
Europäische Unternehmen benötigen Zeit, um sich an die neue Wettbewerbssituation anzupassen. Zudem müssen neue Technologien entwickelt und Kostenstrukturen verändert werden. Diese Zeit wird ihnen der Markt nicht automatisch gewähren. Sind industrielle Lieferketten und technologische Kompetenzen erst einmal verschwunden, lassen sie sich nur schwer wiederaufbauen.
Die Europäische Union sollte deshalb ihre handelspolitischen Schutzinstrumente gegenüber China deutlich verschärfen. Höhere Zölle können notwendig sein, wenn chinesische Produkte mithilfe staatlicher Unterstützung zu künstlich niedrigen Preisen auf den europäischen Markt gelangen. In besonders sensiblen Branchen könnten auch mengenmäßige Begrenzungen oder andere Schutzklauseln gerechtfertigt sein.
Allerdings birgt Protektionismus eine eigene Gefahr. Zollmauern dürfen nicht dazu führen, dass europäische Unternehmen vor jedem Wettbewerb geschützt werden und sich nationale Champions zu schwerfälligen, innovationsarmen Monopolisten entwickeln. Europa braucht Schutz vor staatlich verzerrtem Wettbewerb von außen, aber zugleich intensiven Wettbewerb im Inneren.
Die richtige Strategie lautet daher nicht, chinesische Konkurrenz auszuschalten und europäischen Unternehmen ein bequemes Leben zu ermöglichen. Sie lautet: unfairen Wettbewerb begrenzen, während der europäische Binnenmarkt vertieft und Innovationen erleichtert werden.
Handelspolitischer Schutz muss mit einer konsequenten europäischen Wettbewerbspolitik verbunden werden. Andernfalls ersetzt Europa lediglich die chinesische Überproduktion durch europäische Ineffizienz.
Die eigentliche Lösung liegt in China
Zölle können den Anpassungsdruck auf Europa reduzieren. Sie lösen jedoch nicht das grundlegende makroökonomische Ungleichgewicht. Eine nachhaltige Lösung würde eine deutliche Veränderung des chinesischen Wachstumsmodells voraussetzen.
Damit wieder annähernd faire Wettbewerbsbedingungen entstehen, müsste der chinesische Wechselkurs gegenüber dem Euro erheblich aufwerten – möglicherweise in einer Größenordnung von etwa 30 Prozent. Eine solche Aufwertung würde chinesische Exportprodukte verteuern und gleichzeitig die internationale Kaufkraft der chinesischen Haushalte erhöhen.
Damit würde genau jene wirtschaftliche Verschiebung unterstützt, die China seit Jahren ankündigt, aber bislang nur unzureichend umsetzt: weg von Investitionen und Exporten, hin zu einem höheren privaten Konsum.
Noch wichtiger wäre ein substanzieller Ausbau der chinesischen sozialen Sicherungssysteme. Eine verlässlichere Altersvorsorge, eine bessere Gesundheitsversorgung und geringere private Bildungskosten würden den Vorsorgesparzwang reduzieren. Die Haushalte könnten mehr konsumieren und chinesische Unternehmen würden stärker für den eigenen Markt produzieren. Folglich würde auch der Druck, industrielle Überschüsse im Ausland abzusetzen, abnehmen.
Das wäre kein Zugeständnis an Europa. Es läge im langfristigen Interesse Chinas selbst. Eine Volkswirtschaft kann nicht unbegrenzt darauf setzen, dass der Rest der Welt ihre wachsenden Produktionsüberschüsse absorbiert.
Die politische Uhr läuft
Europa steht damit vor einer doppelten Herausforderung. Es muss seine industrielle Basis gegen einen staatlich verzerrten Wettbewerb verteidigen und gleichzeitig verhindern, dass handelspolitischer Schutz zu wirtschaftlicher Selbstzufriedenheit führt.
Noch dringlicher ist die politische Dimension. Der Verlust industrieller Arbeitsplätze bedeutet nicht nur ein niedrigeres Produktionspotenzial. Er kann ganze Regionen wirtschaftlich und gesellschaftlich destabilisieren. Wer diese Zusammenhänge ignoriert und lediglich auf die Vorteile günstiger Importe verweist, wiederholt den zentralen Fehler der US-amerikanischen Handelspolitik nach 2001.
Der erste China-Schock hat gezeigt, dass ökonomische Anpassungskosten nicht einfach verschwinden, nur weil sie in volkswirtschaftlichen Modellen als vorübergehend gelten. Sie können Jahrzehnte fortwirken, etwa in geringerer Beschäftigung und einem dauerhaften Vertrauensverlust gegenüber demokratischen Institutionen.
Europa sollte nicht darauf warten, denselben Zusammenhang ein zweites Mal wissenschaftlich bestätigt zu bekommen. Wenn die Studien veröffentlicht werden, könnten die Fabriken bereits geschlossen und die politischen Folgen längst eingetreten sein.
Wachstumsbelebung der Weltwirtschaft schon wieder beendet?
Die Einkaufsmanagerindizes im Juli zeigten in der ersten Schätzung weltweit erfreuliche Verbesserungen. Am Montag werden die Daten für die finale Fassung der Einkaufsmanagerindizes der Industrie und am Mittwoch des Dienstleistungssektors veröffentlicht. Ohne den Irankonflikt wäre die Weltwirtschaft jetzt auf dem Weg eines soliden Aufschwungs. Durch die erneute Eskalation droht jedoch in den kommenden Monaten wieder eine merkliche Abschwächung, vor allem in Europa.
Aus den USA kommen am Dienstag die Daten für die Zahl der offenen Stellen und am Freitag der Arbeitsmarktbericht. Die Frühindikatoren signalisieren derzeit ein stabiles Umfeld mit einer mehr oder weniger unveränderten Arbeitslosenquote.
Notfallliquidität der Zentralbanken sinkt
Unsere Prognosemodelle für die Spreads von BBB-Unternehmensanleihen und für das Kurs-Gewinn-Verhältnis der europäischen und US-Aktienmärkte signalisierten ab Anfang 2022 steigende Spreads und eine fallende Bewertung an den Aktienmärkten. Tatsächlich waren diese Bewegungen auch bis Oktober 2022 zu beobachten. Dann folgte jedoch eine außergewöhnliche Gegenbewegung mit merklich fallenden Spreads und merklich steigenden KGVs. Unsere Modelle funktionierten nicht mehr.
So konnten bis Herbst 2022 die Spreads mit dem Konjunkturzyklus und der Geldpolitik der EZB gut erklärt werden. 2023 hätten die Leitzinserhöhungen sowie die schwache konjunkturelle Lage eigentlich für steigende Spreads sorgen müssen.
Quellen: EZB, Federal Reserve, Metzler; Stand: 30.6.2026
Ein Grund für die ungewöhnlichen Entwicklungen an den Finanzmärkten seit Herbst 2022 könnte die Nachwirkungen der immensen Notfallliquiditätsmaßnahmen der Zentralbanken seit der Pandemie 2020 gewesen sein. Wir haben in der Grafik aus den Zentralbankbilanzen die Notfallprogramme zusammengefasst und ins Verhältnis zum BIP gesetzt. In den Modellen ist dieser neue potenzielle Einflussfaktor hoch signifikant. Das Problem ist jedoch, dass es keine langen Zeitreihen gibt, sondern die Notfallprogramme eine sehr junge Innovation der Zentralbanken ist. Derzeit ist jedoch zu beobachten, dass die Notfallliquidität von der Fed und der EZB stetig wieder abgebaut wird. Die Liquidität an den Finanzmärkten wird somit perspektivisch knapp, sodass die Finanzmärkte sehr sensibel auf schlechte Nachrichten reagieren könnten, was sie lange nicht gemacht haben.
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