Was sagt die Lohndynamik über den Zustand der Weltwirtschaft aus?
Ein Blick auf die Lohndynamik der USA, der Eurozone und Japan zeigt ein divergierendes Bild. Die Wachstumsrate der Löhne in der Eurozone und in Japan konvergieren in etwa auf 3,0 Prozent, in den USA auf etwa 4,0 Prozent. Ein Blick auf die Grafik zeigt deutlich, dass sich die Lohndynamik seit 2022 in allen drei Wirtschaftsräumen grundsätzlich beschleunigt hat. Von 2010 bis 2020 war die Lohndynamik unter Berücksichtigung des Produktivitätswachstums noch zu schwach, um die Inflationsziele der Zentralbanken zu erreichen. Die Grafik zeigt, dass sich das Inflationsumfeld grundsätzlich verändert hat und dass die Inflationsrisiken merklich höher sind als die Deflationsrisiken.
Quellen: Bloomberg, Metzler; Stand: 31.5.2026
Bleiben die Gewinnmargen der Unternehmen konstant und erreichen Japan und die Eurozone ein Produktivitätswachstum von etwa 1,0 Prozent, dann würde diese Lohndynamik im Einklang mit einem Inflationsziel von 2,0 Prozent stehen. Sollte sich die Produktivität schwächer entwickeln oder die Gewinnmargen der Unternehmen strukturell steigen, könnte sich die Inflation oberhalb von 2,0 Prozent einpendeln. In Japan werden die Mai-Daten nächste Woche am Dienstag veröffentlicht. In der Eurozone sind leider nur verlässliche Lohndaten auf Quartalsbasis bis zum ersten Quartal 2026 verfügbar.
In den USA hat sich das Produktivitätswachstum dagegen in den vergangenen Jahren signifikant beschleunigt und könnte sogar bei über 2,0 Prozent liegen. Dementsprechend kann in den USA ein Lohnwachstum von etwa 3,5 Prozent pro Jahr im Einklang mit dem Inflationsziel der US-Notenbank und mit steigenden Gewinnmargen der Unternehmen stehen.
In den USA ist nämlich seit dem Jahr 2000 ein struktureller Trend zu einer sinkenden Lohnquote zu beobachten. So wurde eigentlich bis dahin immer davon gesprochen, dass es fast schon ein volkswirtschaftliches Naturgesetz sei, dass etwa ein Drittel des gesamtwirtschaftlichen Einkommens an Kapital und zwei Drittel an Arbeit geht. Heutzutage geht nur noch etwa 50 Prozent des gesamtwirtschaftlichen Einkommens an die Arbeit. Diese massive Umverteilung von Einkommen von Arbeit zu Kapital ist bisher überwiegend nur in den USA zu beobachten gewesen und erklärt teilweise die Outperformance US-amerikanischer Aktien.
Deutschland vor großen Reformen
Das neue Reformpaket der Bundesregierung ist ein Schritt in die richtige Richtung. Deutschlands Wachstumsschwäche ist zwar maßgeblich eine Folge des unfairen Wettbewerbs aus China, es gibt aber auch hausgemachte Probleme: zu viel Bürokratie, hohe Energie- und Arbeitskosten, schwache Investitionsanreize und steigende Sozialbeiträge. So ist Deutschlands reales BIP seit Ende 2019 kaum gewachsen, während private Investitionen ohne Wohnungsbau seitdem sogar um 12 Prozent gefallen sind. Der Wohlstand einer Volkswirtschaft basiert aber auf vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Investitionen privater Unternehmen.
Daher hilft alles, was den Investitionsstandort Deutschland attraktiver macht. Der wichtigste Teil des Pakets ist die Rentenreform. Weniger Frühverrentung, ein demografischer Faktor, ein späteres Rentenalter und eine kapitalgedeckte Zusatzrente können das System langfristig stabilisieren. Kurzfristig bleibt aber ein Problem: Die neue Kapitalrente erhöht zunächst die Belastung der Beschäftigten und Unternehmen, während die Einsparungen erst später wirken. Die Renten-, Pflege- und Gesundheitsreformen können das Vertrauen der Bevölkerung in die Zukunftsfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme stärken und damit den Konsum beleben.
Wenn Unternehmen sehen, dass die Politik handlungsfähig ist und dass die Sozialbeiträge stabilisiert werden, Bürokratie abgebaut wird und Arbeit wieder attraktiver ist, können private Investitionen mit einer Zeitverzögerung zurückkehren. Es ist durchaus möglich, dass die Reformen das Trendwachstum von derzeit etwa 0,5 Prozent auf 0,7 Prozent erhöhen können.
Die Reformagenda unter Gerhard Schröder im Jahr 2004 hatte erst ab 2007 einen erkennbar positiven Effekt auf das Wirtschaftswachstum. Strukturreformen brauchen also Zeit, bis sie wirken. Diese Erfahrung zeigt also, dass eine Phase der Reformen aus politischen Gründen mit einer Phase einer Nachfragepolitik begleitet werden sollte.
So dürfte von der Entlastung der unteren Einkommensgruppen ein positiver Konsumimpuls von etwa 0,1 Prozentpunkten des BIP im nächsten Jahr ausgehen, da untere Einkommensgruppen tendenziell eine hohe Konsum- und niedrige Sparquote haben. Darüber hinaus wirken noch die höheren Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben, die nächste Woche in den Auftrags- und Industrieproduktionsdaten (Montag und Dienstag) sichtbar sein sollten.
Der unfaire Wettbewerb aus China erschwert den deutschen Außenhandel (Donnerstag) massiv. Seit 2022 betrug der Wachstumsbeitrag des Außenhandels im Durchschnitt etwa 0,8 Prozent des BIP pro Jahr. Würde China im Außenhandel fair spielen, wäre die deutsche Wirtschaft wahrscheinlich seit 2022 im Durchschnitt nicht um 0,2 Prozent pro Jahr gewachsen, sondern eher um 1,0 Prozent.
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