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Information für professionelle Anleger - 10.7.2026

Von Klimaschutz bis Geopolitik: Treiber der Elektrifizierung und Chancen für Anleger

Die Welt elektrifiziert sich in rasantem Tempo. Treiber der Elektrifizierung sind nicht mehr nur die steigende Stromnachfrage, technologischer Fortschritt und der Klimaschutz, sondern zunehmend auch die Geopolitik und das Streben nach Energiesouveränität. Für Investoren bieten sich Chancen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.  

Von der Industrie bis zum Privathaushalt: Die globale Stromnachfrage beschleunigt sich. Laut Internationaler Energieagentur (IEA) wird der globale Bedarf an Strom bis 2030 um 3,6 Prozent pro Jahr steigen – nach 2,8 Prozent zwischen 2015 und 2025. Das entspricht mehr als dem zweifachen Jahresverbrauch Deutschlands. Während 80 Prozent der zusätzlichen Nachfrage aus den Schwellenländern kommt, wo Urbanisierung und steigender Wohlstand den Strombedarf befeuern, wird für die Europäische Union (EU) und die USA nach Jahren einer stagnierenden Nachfrage mit einer jährlichen Wachstumsrate von rund zwei Prozent gerechnet.

Grund für die steigende Stromnachfrage ist das allgemeine Wirtschaftswachstum, vor allem aber ein steigender Elektrifizierungsgrad. Dieser ist zurückzuführen auf die wachsende Nutzung von Strom in der industriellen Produktion, die zunehmende Verbreitung der E-Mobilität sowie die steigende Nachfrage nach Klimaanlagen und Wärmepumpen. Durch die zunehmende Nutzung von KI wird zusätzlich mit einem sprunghaften Anstieg des Strombedarfs durch Rechenzentren gerechnet. 

Oliver Schmidt, Chief Investment Officer
Oliver Schmidt, CIO

Geopolitik als Katalysator

Lange Zeit galt der Klimaschutz als das zentrale Motiv für die Energiewende. Obwohl das 1,5-Grad-Ziel inzwischen außer Reichweite ist, bleibt der politische Wille zur Dekarbonisierung trotz konkurrierender Prioritäten grundsätzlich bestehen. Der Austritt der USA aus dem Pariser Klimaabkommen hat anders als von Pessimisten befürchtet bisher keine Nachahmer gefunden.

Flankiert wird das Klimaschutzmotiv inzwischen vom strategischen Ziel vieler Staaten nach Energiesouveränität. Spätestens seit dem Krieg in der Ukraine und der jüngsten Eskalation im Nahen Osten gilt die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffimporten als sicherheits- und wirtschaftspolitisches Risiko. Dabei könnte eine umfassende Elektrifizierung die weltweiten Importe fossiler Brennstoffe um 70 Prozent verringern. 

Konsequenterweise hat man in Brüssel das Ziel formuliert, den Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtverbrauch der EU bis 2030 auf mindestens 42,5 Prozent zu steigern. Ein willkommener Nebeneffekt: In einer Welt, in der Extremwetterereignisse und Cyberangriffe die Netzstabilität bedrohen, soll das Energiesystem dezentraler und damit resilienter werden.

Effizient und günstig 

Dank der Effizienzgewinne und sinkender Kosten infolge technischen Fortschritts ist der Vormarsch der Elektrifizierung kaum aufzuhalten. Die Kombination aus hoher Effizienz und niedrigen Preisen macht den Stromverbrauch so attraktiv, dass die Gesamtnachfrage trotz sparsamerer Geräte weiter steigen dürfte. So übertrifft der energetische Wirkungsgrad der direkten Stromnutzung denjenigen fossiler Brennstoffe deutlich, da kaum Wandlungsverluste entstehen. Zugleich zählen erneuerbare Energien zu den kostengünstigsten Formen der Stromerzeugung, bei allerdings hohen Systemkosten. Hierunter fallen die Kosten für das Stromnetz, Speicher und Netzmanagement.

Das europäische Preis-Dilemma

In Europa bremsen die hohen Strompreise das Tempo bei der Elektrifizierung. Zwar wirken die aktuell hohen Öl- und Gaspreise als Katalysator für den Umstieg, doch das europäische Marktdesign koppelt den Preis nach dem Merit-Order-Prinzip oft an das teuerste Gaskraftwerk. Deren Produktionskosten fallen auch über die verpflichtende Teilnahme am EU-Emissionshandelssystem hoch aus. Das führt dazu, dass Strom aus erneuerbaren Quellen trotz niedriger Gestehungskosten teuer bleibt und die Preisvolatilität steigt. Im globalen Wettbewerb, insbesondere gegenüber den USA und China mit ihren niedrigeren Energiekosten, ist dies ein erheblicher Nachteil.

Die Senkung der Strompreise erfordert neben dem Ausbau erneuerbarer Energien strukturelle Marktanpassungen und gezielte Entlastungen. Die EU empfiehlt, nationale Stromsteuern und Netzentgelte auf das Mindestmaß zu senken. Langfristige Stromlieferverträge (PPAs) und Differenzverträge (CfDs) sollen die Abhängigkeit von schwankenden Erdgaspreisen verringern, Investitionen in Netze und Speicher die Versorgung stabilisieren und die Systemflexibilität erhöhen.

Elektrifizierung als Investmentchance 

Für Anleger am Aktienmarkt waren Unternehmen im Bereich der Elektrifizierung in der Vergangenheit ein lohnendes Investment. Viel spricht dafür, dass dieser Trend nachhaltig ist: Denn die Elektrifizierung erfordert enorme Investitionen in die Infrastruktur. BloombergNEF schätzt, dass 2025 weltweit 2,3 Billionen US-Dollar in die Energiewende investiert wurden, fast ausschließlich in Elektrifizierungsvorhaben – ein Anstieg von acht Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bis 2030 sollen die jährlichen Investitionen noch höher ausfallen. Da die Staaten dieses Volumen kaum allein finanzieren können, wird die Rolle privater Investoren entscheidend sein.

Chancen für Anleger ergeben sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Stromerzeugung bis zu Investitionen in Verteilnetze. Aus europäischer Perspektive erfreulich: Unternehmen wie beispielsweise Iberdrola, Siemens Energy, Prysmian oder Schneider Electric zählen weltweit zu den führenden Anbietern von Elektrifizierungslösungen. Elektrifizierung bleibt damit einer der wenigen Bereiche, in denen Europa den Anschluss an die USA und China noch nicht verloren hat.

Der Beitrag erschien als Sonderbeilage in der Börsen-Zeitung am 02.07.26

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