„Die USA stecken im Umbruch, Europa ist im Aufbruch“
Der Chef von Deutschlands ältester Privatbank Metzler rechnet mit einem guten Aktienjahr 2026. Positiv bewertet er nicht nur den europäischen, sondern auch den japanischen Markt.
Handelsblatt: Herr Wiesheu, das Bankhaus Metzler gilt als klassisches Aktienhaus. Ihr Asset-Management klang allerdings zuletzt etwas vorsichtiger, was die Börsenaussichten angeht: Anleger sollten ihre Risikoneigung reduzieren und Verlagerungen in defensivere Marktsegmente prüfen. Wird 2026 ein Jahr, in dem man defensiver aufgestellt sein sollte?
Gerhard Wiesheu: Was die Kolleginnen und Kollegen ansprechen: In einigen Bereichen haben wir bereits sehr starke Kursbewegungen gesehen - gerade bei Künstlicher Intelligenz und Technologieaktien. Da ist es vernünftig, über Umschichtungen nachzudenken und Risiken im Portfolio bewusster zu steuern. Aber "defensiv um jeden Preis" wäre aus meiner Sicht die falsche Schlussfolgerung. Auch 2026 gibt es wichtige Trends, die für Aktien sprechen: weitere Zinssenkungen, besonders in den USA, und Konjunkturprogramme - in Amerika und in Europa, vor allem in Deutschland.
Sie rechnen also trotz aller Unsicherheitsfaktoren mit einem guten Aktienjahr?
Ja. Die Zinssenkungen wirken, und Ausgabenprogramme wie in Deutschland für Infrastruktur und Verteidigung sorgen für echte Impulse. Wir gehen davon aus, dass allein diese Infrastruktur- und Konjunkturprogramme in der Größenordnung von etwa 0,8 Prozentpunkten zum Wirtschaftswachstum hierzulande beitragen können. Insgesamt könnten wir bei 1,1 Prozent Wachstum landen, und dieses Wachstum strahlt auf Europa aus.
Sie haben Künstliche Intelligenz und Technologieaktien bereits angesprochen. Glauben Sie, dass hier eine Blase droht?
Wenn ein Investitionsthema einen derartigen Boom auslöst, dann birgt das natürlich Risiken. Wir ziehen daraus die Konsequenz, dass wir KI-Aktien in unseren Portfolios untergewichten. Aber wir sind investiert - und wir bleiben investiert, weil wir davon ausgehen, dass die Nachfrage nach KI-Infrastruktur und KI-Anwendungen sehr real ist und anhalten wird.
Warum sind Sie zuversichtlicher als viele Skeptiker, die den Vergleich mit der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende ziehen?
Während des Internetbooms hatten viele der vermeintlichen Börsenstars kein tragfähiges Geschäftsmodell. Beim Thema KI sehen wir eine ganz andere Qualität. Im Moment ist das Geschäft noch stark von Konsumenten-Anwendungen geprägt, aber das wird sich ändern. Der große Hebel werden Anwendungen für Unternehmen sein, in der Industrie, in der Forschung, in der Medizin. Gerade Länder wie Deutschland und Japan mit starker industrieller Basis haben hier eine Chance: Wenn wir KI mit unserem Produkt- und Prozess-Know-how verbinden, kann das einen echten Schub bringen - Effizienzgewinne, höheres Potenzialwachstum, bessere Wettbewerbsfähigkeit.
Heißt das, Europa kann gegenüber den USA und China beim Thema KI für Unternehmen noch Boden gutmachen?
Ja, auf jeden Fall. Bei Verbraucher-Anwendungen liegen aktuell klar die USA vorn. Aber bei fokussierten Anwendungen für Unternehmen hat Europa echte Chancen. Wir werden nicht unbedingt das nächste ChatGPT bauen, aber wir können spezialisierte Lösungen für Unternehmen entwickeln - und wir können bestehende KI-Anwendungen weiterentwickeln und in Produktionsprozesse integrieren.
Kommen wir zurück zu den Aktienmärkten. Was bedeutet das alles für Ihre regionale Gewichtung - Europa versus USA?
Knapp zusammengefasst lautet unsere Analyse: Die USA stecken im Umbruch, Europa ist im Aufbruch. Wir bleiben natürlich in den USA investiert, aber etwas untergewichtet. Der Europaanteil im Portfolio unseres Private Bankings ist größer. In den USA spielen die Innenpolitik und die Geopolitik eine große Rolle. In Europa sehen wir trotz aller Probleme Bewegung. Ja, der Bürokratieabbau dauert, ja, manche Entscheidungen brauchen zu lange, ja, Europa muss seine Verteidigungsfähigkeit stärken. Aber genau darin liegen Chancen: Wichtige Reformen wurden angestoßen, und die Märkte reagieren darauf.
Ihren Optimismus in allen Ehren, aber ist von der Europa-Euphorie, die im Frühjahr angesichts der deutschen Investitionspakete aufkam, nicht schon viel wieder verpufft, gerade bei internationalen Investoren?
Interessanterweise ist mehr Euphorie bei uns verloren gegangen als im Ausland. Ich war im November in Japan und habe große Investoren getroffen - Pensionsfonds, Versicherungen. Dort blickt man erstaunlich optimistisch auf Europa und Deutschland. Viele sagen: Lange passierte gar nichts, Deutschland war in einer Sparlogik gefangen. Jetzt sehen sie einen Paradigmenwechsel durch Investitionen in Infrastruktur, in Technologie und Verteidigung. Klar ist, dass jetzt zügig die konkreten Schritte für die Umsetzung folgen müssen. Reformankündigungen dürfen nicht immer wieder verschoben werden.
Japan wird für Metzler immer wichtiger. Sie selbst haben zehn Jahre dort gearbeitet und bauen jetzt als Vorstandssprecher der Bank das Geschäft deutlich aus. Nachdem das Land viele Jahre eher auf der Schattenseite der Weltwirtschaft gestanden hat, gilt es jetzt als Favorit vieler Aktienstrategen. JP Morgan zum Beispiel sieht an der Tokioter Börse mit Sicht auf die nächsten zehn bis 15 Jahre weltweit die besten Renditechancen. Teilen Sie den Optimismus?
Was international häufig unterschätzt wird, sind die marktwirtschaftlichen Reformen in den vergangenen Jahren in Japan, egal ob es um die Regeln für gute Unternehmensführung geht oder den immer stärkeren Fokus auf die Interessen der Aktionäre. Durch die lange Deflationsphase sind außerdem die Arbeitskosten sehr wettbewerbsfähig geworden. Corporate Japan hat sich spürbar verändert - und das zahlt sich heute in Kursgewinnen an der Börse aus.
Aber die Bevölkerung schrumpft. Bedeutet das nicht automatisch schwächeres Wachstum?
Viele Investoren haben tatsächlich die Regel im Kopf: weniger Menschen, weniger Wachstum. Aber Japan gehört zu den führenden Ländern bei der Automatisierung. Die Roboterdichte pro Beschäftigte ist sehr hoch. Dazu kommt der schnell wachsende Einsatz von KI in den Produktionsprozessen. Japan hat inzwischen gelernt, wie man auch mit sinkender Bevölkerung Wachstum schaffen kann.
Während der Optimismus für Japans Aktienmärkte so groß ist wie lange nicht mehr, warnen einige Experten gleichzeitig vor einer Staatsschuldenkrise. Sorgen bereiten die extrem hohe Schuldenquote von knapp 240 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung und die expansive Ausgabenpolitik der neuen Premierministerin Sanae Takaichi. Wie groß ist das Risiko?
Man kann das nicht wegdiskutieren. Zwar liegt der größte Teil der japanischen Staatsschulden bei inländischen Investoren, das sorgt für Stabilität, ist aber keine Garantie gegen eine Schuldenkrise. Es gibt jedoch noch ein paar andere Argumente, die dafür sprechen, dass die Schuldensituation stabiler ist, als die Skeptiker glauben. Unter Abzug der öffentlichen Vermögenswerte liegt die Nettostaatsverschuldung deutlich niedriger. Hinzu kommt, dass die Zinslast im internationalen Vergleich aktuell gering ist. Außerdem hat die neue Premierministerin noch fiskalischen Spielraum, etwa über die Mehrwertsteuer, die aktuell bei lediglich zehn Prozent liegt.
Was sind die Gründe für den starken Fokus von Metzler auf Japan? Das ist ja für eine vergleichsweise kleine deutsche Privatbank nicht selbstverständlich.
Moritz von Metzler war bereits 1893 in Japan und hat dort die Chancen für einen Einstieg der Bank geprüft. Aber es hat dann doch noch einmal mehr als 100 Jahre gedauert, bis es wirklich so weit war. Wir sind seit 25 Jahren in Japan aktiv, vor allem im Asset-Management, aber wir haben auch japanische Unternehmen bei Übernahmen in Europa beraten und umgekehrt. Jetzt machen wir den nächsten logischen Schritt: Wir haben eine Holding gegründet, die das gesamte Japangeschäft bündelt und strategisch steuert.
Diese Holding wird von Ihrer Tochter geleitet. Ist das nicht ein bisschen viel Familie selbst für eine Familienbank wie Metzler?
Bei dieser Regelung haben wir Interessenskonflikte vermieden. Über die Personalie habe ich nicht selbst entschieden, ganz im Gegenteil, das war mir besonders wichtig. Für die Kontrolle von Metzler Japan Holdings ist ein dreiköpfiges Board verantwortlich. Meine Aufgabe ist es, die Geschäftsentwicklung voranzutreiben, aber was Personalführung, Entlohnung und ähnliche Themen angeht, liegt die Verantwortung allein bei den beiden anderen Board-Mitgliedern Franz von Metzler und Marco Schulmerich. Außerdem sollte man diese Personalie nicht nur mit europäischen Augen betrachten. In Japan spielen Familie und Kontinuität in der Geschäftswelt traditionell eine wichtige Rolle. Für unsere Kunden ist es wichtig, dass sie Vertrauen haben in die Bank, in ihre Geschichte und in die nächste Generation.
Zu diesem Vertrauen trägt wahrscheinlich auch der Geschäftserfolg bei. Wie lief denn 2025 für Metzler?
Insgesamt war es geschäftlich für uns ein erfreuliches Jahr. Besonders dynamisch hat sich das Pensionsmanagement entwickelt - in diesem Bereich sind wir in Deutschland führend, und angesichts der Rentendiskussion ist klar, dass die Altersvorsorge über kapitalgedeckte Betriebsrenten in Zukunft eine größere Rolle spielen wird. Ich sehe hier einen Megatrend für die nächsten zehn bis 20 Jahre, von dem wir profitieren werden.
Entscheidend für die Bank ist das Provisionsergebnis, das lag 2024 bei 192 Millionen Euro nach 180 Millionen 2023. Ich würde Ihre Aussagen zum Jahresverlauf so interpretieren, dass 2025 besser ausfallen wird?
Zu genauen Zahlen kann und will ich noch nichts sagen. Aber im Großen und Ganzen geht es in die Richtung, die Sie andeuten.
Zur Tradition bei Metzler gehört auch das Jahresergebnis, das immer präzise 2,3 Millionen Euro beträgt und als Dividende an die Familie ausgeschüttet wird.
Ganz genau, und der sehr viel größere Teil des Gewinns fließt in die Stärkung unserer Eigenmittel und stillen Reserven. Wir wollen nicht die Eigenkapitalrendite optimieren. Wir wollen Substanz schaffen, für Investitionen und als Puffer für Krisen.
Metzler ist nach wie vor zu 100 Prozent im Familienbesitz. Sie sind nach Emmerich Müller der zweite Vorstandschef in Folge, dessen Nachname nicht von Metzler ist. Wann wird es wieder einen Vorstandschef oder eine Chefin geben, die aus der Familie kommt? Mit Franz von Metzler sitzt ja wieder ein Familienmitglied im Vorstand.
Ein Grund, warum Metzler seit über 350 Jahren Bestand hat, ist die sehr langfristige und sehr strukturierte Nachfolgeregelung. Das gilt auch für die zwölfte Generation. Es gibt keinen Zeitplan für einen Führungswechsel. Wir sprechen sehr offen über alle Optionen, und wir arbeiten im Vorstand sehr eng zusammen bei der Führung der Bank. Wie immer bei Metzler wird es am Ende ein sehr geordneter und ein organischer Übergang sein.
Herr Wiesheu, vielen Dank für das Interview.
Das Interview erschien zuerst im Handelsblatt am 2.1.2026, S. 40. Die Fragen stellte Michael Maisch