„Ich war immer ungeduldig. Du bist reflektierter, Franz.“
Von außen ist das Bankhaus Metzler, immerhin Deutschlands älteste Privatbank im permanenten Familienbesitz, ein moderner Bau aus Glas und Beton. Innen lebt die Tradition: Goldgerahmte historische Zeichnungen, antike Vitrinen, die Schritte werden von einem dicken Teppich verschluckt. Elena und Franz von Metzler empfangen in einem Besprechungsraum mit Blick auf den Main. Zum Gespräch wird der bankeigene Rauchtee serviert, die Tassen ziert ein verschlungenes goldenes „M“.
Capital: Frau von Metzler, Herr von Metzler, ein Sprichwort lautet: „Über Geld spricht man nicht.“ Sie kommen aus einer Bankiersfamilie. Welchen Umgang pflegten Sie dort mit Geld?
Elena von Metzler: Unser Vater brachte die Themen aus der Bank mit nach Hause, somit sind wir damit aufgewachsen. Als ich zwölf war, schenkte mir unsere Großmutter 50 Mark. Mit dem Schein ging ich zu unserem Vater und sagte: Papi, ich möchte bei dir Geld anlegen. Er legte noch etwas drauf und kaufte mir meine ersten zwei Fondsanteile. Wir schauten jeden Tag in der Zeitung, wie der Kurs sich entwickelte. Unser Vater wollte uns die Themen nicht aufdrängen. Aber er war immer offen, wenn wir es waren.
Franz von Metzler: Natürlich wussten wir als Kinder, dass es ein Familienunternehmen gibt, aber wir haben das nicht unbedingt mit einem Finanzinstitut in Verbindung gebracht. Geld an sich war nie ein großes Thema.
Sprachen Ihre Eltern mit Ihnen darüber, dass Sie sehr wohlhabend sind?
Elena von Metzler: Mit dieser Frage setzt man sich natürlich früher oder später auseinander. Wir waren auf öffentlichen Schulen, in denen Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammen gelernt haben. Ich finde, es ist wichtig, zu erleben, wie viele Facetten die Welt hat. Das war auch immer die Absicht unserer Eltern. Wir sollten verstehen, dass das, was wir haben, ein Privileg ist, dabei aber bescheiden bleiben und nicht angeben. Unsere Eltern sagten immer: Bildet euch da nichts drauf ein.
Wie waren Sie denn als Kinder? Welche unterschiedlichen Rollen und Charaktere nahmen und nehmen Sie in der Familie ein?
Franz von Metzler: Ich war immer eher der Ruhigere, oder?
Elena von Metzler: Stimmt. Ich war schon ein bisschen wilder. Das Gute ist, dass wir für unsere Unterschiede gleich geschätzt wurden. Unseren Eltern war natürlich klar, dass wir unterschiedliche Talente haben oder auch Schwächen. Ich war immer ungeduldig, laut und präsent – jedenfalls sagt das meine Familie. Ich bin extrovertierter, impulsiv und entscheide Dinge aus dem Bauch. Du bist nachdenklicher und reflektierter, Franz.
Franz von Metzler: Das hast Du jetzt gesagt. Du bist besonders emphatisch und verstehst sehr schnell, wie Menschen ticken. Das ist ein großes Talent. Ich bin gern analytisch. Mir macht es Spaß, strukturiert an Dinge heranzugehen, Risiken und Chancen abzuwägen, auch jetzt in meiner Führungsrolle. Ich bin nicht der Typ, der schnell einfach mal ja sagt und dann das Risiko eingeht, es wieder einkassieren zu müssen. Ich würde damit auch meinen Kolleginnen und Kollegen nicht gerecht werden.
Elena von Metzler: Was schon erstaunlich ist: Wir hatten nie das Gefühl, wir stünden im Wettbewerb miteinander. Wenn ich mal eine schlechte Note nach Hause gebracht habe, hieß es nie: Der Franz ist besser.
War er denn besser?
Elena von Metzler: Ich glaube, du warst immer ein bisschen besser in der Schule. Aber am Ende habe ich das bessere Abitur gemacht.
Jetzt müssen Sie uns Ihre Abiturnoten aber verraten.
Elena von Metzler: Wir waren beide gute Schüler, aber keine sehr guten.
Franz von Metzler: Und ich war der leicht schlechtere von uns beiden.
Sie vergleichen sich ja doch.
Elena von Metzler: Natürlich vergleicht man sich. Aber unsere Eltern haben uns nie das Gefühl gegeben, dass sie es tun. Das war das Wichtige.
Franz von Metzler: Ich glaube, am Ende ist es wichtig, für seine Unterschiedlichkeit geliebt zu werden. Wir mussten uns der Liebe der Eltern nie unsicher sein. Sie haben uns das unerschütterliche Vertrauen mitgegeben, dass die Welt in der Zukunft eine bessere ist, dass man Dinge mit einer positiven Grundeinstellung angeht. Ich glaube, das haben sie gut hinbekommen. Es führte dazu, dass wir ein enges Verhältnis haben, obwohl wir sehr verschieden sind.
Sie sind zwei Jahre älter, Herr von Metzler. Psychologen sagen, dass solche wie Rollen wie die des großen Bruders oder der kleinen Schwester oft ein Leben lang wirksam sind. Ist das etwas, das in Ihrer Beziehung heute noch eine Rolle spielt?
Franz von Metzler: Zwei Jahre im Kindesalter sind eine halbe Welt. Dabei sind es ja nicht einmal zwei Jahre, sondern nur ein Jahr und fünf Monate. Wir sind also sehr eng beieinander. Je älter wir wurden, desto mehr verschwamm das. Interessanterweise wurde auch häufiger gesagt. Deine Schwester ist doch die Ältere, oder? Ich weiß gar nicht warum.
Wie groß waren die Erwartungen der Eltern an Sie beide, dass Sie das jahrhundertealte Bankhaus übernehmen und die Familientradition fortführen?
Franz von Metzler: Ich hatte das Gefühl, frei meinen Weg gehen zu können. Es war unseren Eltern wichtig, dass wir unsere eigene Berufung finden, dass wir das tun, was uns Spaß macht. Ich bin Generalist, da ist Betriebswirtschaft eine gute Studienwahl. Mit Mitte 20 begann ich, für eine Londoner Großbank zu arbeiten, die in vielerlei Hinsicht anders als das Bankhaus Metzler ist. Dort habe ich mein inhaltliches Interesse selbst und ohne Druck entwickeln können und begann, unserem Vater mehr Fragen zu stellen. So führte er mich in die Bank ein und es entwickelte sich ein Verantwortungsgefühl.
Dennoch gibt es auch implizite Erwartungen. Eine Art inneren, unausgesprochenen Auftrag, den Eltern ihren Kindern mitgeben.
Franz von Metzler: Ja, aber das geht uns doch allen so. Auch in anderen Familien haben Eltern Wünsche, die sich erfüllen oder auch nicht. Wir haben auf unseren eigenen Wegen später zum Bankhaus gefunden.
Frau von Metzler, Ihr Weg führte Sie nicht direkt in die Bank, sondern Sie arbeiteten zunächst für Nestlé. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie bei Metzler einsteigen würden?
Elena von Metzler: Das war ein Prozess. Ehrlicherweise dachte ich zunächst, die Bankenbranche sei nichts für mich. Ich habe mir vorgestellt, dass es viel um Zahlen und Analysen geht. Das klang für mich nicht attraktiv.
Ist es denn nicht so?
Elena von Metzler: Tatsächlich geht es sehr viel um Menschen und um Beziehungen, gerade im Private Banking, in dem ich lange gearbeitet habe. Darin liegt ein besonderer Reiz. Man ist außerdem sehr mit den Themen da draußen beschäftigt, der wirtschaftlichen Lage. Wenn ich das mit der Komponente Mensch verbinden kann, ist es eine sehr erfüllende Aufgabe. Damals musste ich aber erst noch einen inneren Konflikte mit mir selbst klären.
Welcher war das?
Elena von Metzler: Wir sind in einer Open-House-Kultur aufgewachsen. Unseren Eltern war es immer wichtig, viele Leute einzuladen, weil sie fanden: Nur, wenn man Menschen zusammenbringt, entsteht etwas.
Die Salons Ihrer Vorfahren waren berühmt. Es heißt, Otto von Bismarck habe den Begriff „metzlern“ als Synonym für netzwerken geprägt.
Elena von Metzler: Unsere Eltern führten die Tradition fort. Viele Geschäftspartner, Kundinnen und Kunden, Leute aus der Gesellschaft kamen in unserem Elternhaus zusammen. Mein Bruder und ich flitzten in unseren Pyjamas durch die Menge. Unsere Eltern waren so engagiert – und ich dachte: Oh Gott, das müssen wir mal weiterführen, weil es ihnen so wichtig ist. Gleichzeitig hieß es: Tut, was euch Spaß macht. Ich musste für mich herausfinden: Mache ich das, weil ich die Verantwortung spüre? Oder weil ich hier wirklich meine Berufung finde?
Wie fanden Sie es heraus?
Elena von Metzler: Ich schaute mir an, was es da draußen noch gibt. Durch verschiedene Praktika und meine Zeit bei Nestlé. Als dort der nächste Karriereschritt anstand, war klar: Entweder schaue ich mir jetzt die Bank an – oder ich bleibe in der Industrie. Ich stieg schließlich mit einem Traineeprogramm in der Bank ein. Du hattest vier Monate vor mir angefangen, Franz. Ich erinnere mich, wie Du mich in meinen ersten Tagen begleitet hast.
Franz von Metzler: Ich habe vorher in London im Bereich M&A gearbeitet. Ehrlicherweise wurde mir dort erst so wirklich bewusst, dass wir das in unserem Bankhaus auch anbieten. Das hat die Überzeugung reifen lassen zu wechseln. Ich wollte das Bankhaus kennenlernen, aber nur für eine gewisse Zeit, weil der Weg draußen sich noch nicht vollendet anfühlte. Nach einem Jahr in der Bank habe ich einen ganzen Sommer lang mit mir gerungen – und schließlich entschieden: Ich bleibe.
Heute sitzen Sie im Vorstand und sind für das Asset Management verantwortlich. Und Sie, Frau von Metzler, überwachen Ihren Bruder als Aufsichtsrätin. Wie funktioniert das unter Geschwistern?
Elena von Metzler: Das ist für uns eine wichtige Frage. Wir haben sie mit einer Familiencharta beantwortet. Darin steht zum Beispiel, dass wir in unseren Rollen bleiben. Neben meiner Hauptaufgabe als Aufsichtsrätin bin ich unter anderem Werte-Botschafterin, für die Kolleginnen und Kollegen, aber auch nach draußen. Ich bin präsent, aber ich verlasse meine Rolle nicht. Ich habe keine operative Verantwortung, das wäre in meiner Rolle als Aufsichtsrätin ja auch nicht zulässig. Wir erinnern uns auch immer wieder daran: Das ist jetzt meine Befugnis, das ist deine.
Franz von Metzler: Wir haben ja noch einen dritten Aktionär, unseren Cousin Leonhard von Metzler, der ebenfalls im Aufsichtsrat sitzt. Uns war wichtig, dass wir die Führungsgremien des Bankhauses, also Aufsichtsrat und Vorstand, so aufstellen, dass sie nicht von der Familie abhängig sind. Ich muss dem Aufsichtsrat als Vorstand Rede und Antwort stehen – und auch über schwierige Themen sprechen.
Dazu gehört vermutlich der Stellenabbau, den Sie 2023 verkündet haben. Sprechen Sie über Themen, die die Bank betreffen, tatsächlich nur in den Gremien – oder auch mal am Familientisch?
Franz von Metzler: Natürlich reden wir auch mal zu dritt oder zu zweit, nehmen schnell das Telefon in die Hand und rufen uns an. Wir treffen uns regelmäßig im Kreis der Aktionäre und stehen auch sonst in engem Kontakt.
Elena von Metzler: Gleichzeitig wollen wir uns an die formellen Regeln halten. Wenn Entscheidungen durch den Aufsichtsrat müssen, dann gehen sie durch den Aufsichtsrat.
Gab es auch mal Momente der Ratlosigkeit oder einen Tiefpunkt?
Franz von Metzler: Einen Tiefpunkt gab es bislang nicht. Aber ich kann Ihnen offen sagen, dass ich noch mal ein ganz anderes Verantwortungsgefühl gespürt habe, als ich 2023 in den Vorstand eingetreten bin. Und zwar erst, als es so weit war. Man kann sich vorbereiten, wie man will. Am Ende bleibt es abstrakt, bis man in der Rolle ist und weiß: Jetzt muss ich als Teil der Führungsmannschaft dafür Sorge tragen, dass wir unsere Ziele erreichen. Das ist ein tolles Privileg, aber auch eine große Verantwortung. Daran muss man sich erst mal gewöhnen.
Letztes Jahr starb Ihr Vater Friedrich von Metzler, der die Bank über viele Jahre geführt und geprägt hat. So ein Verlust bringt auch Unsicherheit bei den Mitarbeitern mit sich. Wie sind Sie der begegnet?
Franz von Metzler: Darf ich eine Gegenfrage stellen: Warum glauben Sie, dass es Unsicherheit gab?
Ihr Vater war weiter präsent in der Bank, wenn auch im Hintergrund. Wir stellen uns vor, dass er als Stütze fehlte.
Franz von Metzler: In den Tagen nach seinem Tod haben wir im Haus das Feedback bekommen, dass bei vielen der Eindruck war: Es gibt eben keine Unsicherheit. Als er von uns gegangen ist, war alles seit langem geregelt. Das war eine unglaubliche Leistung unseres Vaters. Obwohl er so verbandelt war mit dem Unternehmen, sagte er immer: Er möchte nicht gebeten werden, zu gehen. Das setzte er mit großer Konsequenz um. 2018 stellte er seine operative Tätigkeit in der Bank ein. Er war noch präsent, hat sich aber immer weiter zurückgezogen und großes Vertrauen in die familienfremden Führungskräfte und in die nächste Generation der Familie gelegt. Als er starb, war alles geklärt.
Es ist dennoch ein großes Erbe, das sie antreten. Er war eine sehr bekannte Persönlichkeit. Ist das ein Bild, an dem Sie sich messen?
Elena von Metzler: Er war und ist für uns ein unglaubliches Vorbild. Was ihn ausgezeichnet hat, waren seine Werte. Er hat die Bank weiterentwickelt und ist sich immer treu geblieben. Er blieb ein Menschenfreund, war nahbar. Also ja, das sind große Fußstapfen. Aber es ist eben auch ein Kompass.
Franz von Metzler: Von unserem Vater kam ganz explizit der Auftrag, unseren eigenen Weg zu gehen. Jede Generation muss das tun, um die strategische Zukunftsfähigkeit des Hauses zu sichern und auszubauen. Das ist ein Grund, warum es uns seit 351 Jahren gibt. Wir empfinden das nicht als Bürde, sondern eher als Privileg.
Hand aufs Herz: Gibt es nie Momente, in denen Sie denken: Das, was er geschafft hat, müssen wir auch erstmal hinkriegen?
Elena von Metzler: Das Gute ist doch, dass wir zu zweit sind. Der Tod unseres Vaters war ein unglaublicher Einschnitt. Er war bis zuletzt eine wichtige Stütze für uns. Als er starb, sind wir noch enger zusammengerückt. Es ist ein Glück, dass wir uns haben in unserer Unterschiedlichkeit, dass wir die Verantwortung gemeinsam tragen.
Was sind derzeit die größten Herausforderungen?
Franz von Metzler: Mit Blick auf die derzeitige wirtschaftliche Lage in Deutschland sind wir glücklich darüber, dass wir über ein Geschäftsmodell verfügen, das wächst. Wir sind durchaus abhängig vom Kapitalmarkt, was natürlich herausfordernd sein kann, wenn die Märkte mal nicht so gut laufen sollten – aber damit kennen wir uns aus. Unser Geschäft ist genau deshalb auf Substanz und Beständigkeit gebaut. Wir fühlen uns in all unseren vier Geschäftsbereichen sehr wohl und sehen dort noch viel Potenzial – das gilt für kapitalmarktnahe Themen genauso wie für unsere private Vermögensverwaltung und erst recht für unser Asset Management.
Weil Vermögen immer größer werden?
Franz von Metzler: Das ist sicherlich auch ein Trend. Für uns und für die Gesellschaft viel wichtiger ist aber, dass das Thema Altersvorsorge bisher nicht gelöst ist. Hier muss der Kapitalmarkt eine tragende Säule spielen und wir haben dafür sowohl für die betriebliche als auch für die private Altersversorgung Lösungen entwickelt.
Man könnte von der Regierung erwarten, dass es mit diesen Themen ein bisschen schneller vorangeht, oder?
Franz von Metzler: Ungeduld ist nichts, was ich mit unserem Haus in Verbindung bringen würde, und wir sehen, dass hier viel passiert. Wenn wir dabei unterstützen können, dann tun wir das gerne.
Das alles klingt nach großer Einigkeit. Streiten Sie sich denn auch mal?
Franz von Metzler: Natürlich, und das nicht zu selten. Es gehört dazu, dass man sich auch mal die Meinung sagen kann. Wichtig ist, dass wir dabei sachlich bleiben. Und das tun wir.
Elena von Metzler: Wichtig ist, dass man nicht nachtragend ist. Das sind wir beide nicht.
Das Interview erschien zuerst in Capital 2/2026