Der Ölpreis hat ein kritisches Niveau erreicht
Grundsätzlich gibt es für die Weltwirtschaft zwei Szenarien für den Ausgang des Iran-Konflikts:
- In den nächsten Tagen erzielen die USA und der Iran eine Einigung mit der Perspektive, dass die Straße von Hormus bald wieder passierbar ist.
- Der Konflikt schwelt weiter oder eskaliert. Eine Öffnung der Straße von Hormus wäre dann nicht absehbar.
Die beiden Szenarien wirken sich natürlich diametral anders auf den Ölpreis aus. Daher kann die aktuelle Ölpreisentwicklung als ein (Markt-)Signal dafür verwendet werden, wie die Eintrittswahrscheinlichkeiten der beiden Szenarien derzeit von den Marktteilnehmern eingeschätzt werden. Der steigende Ölpreis in den vergangenen Tagen signalisiert vor diesem Hintergrund eine sich vergrößernde Wahrscheinlichkeit für Szenario 2.
Ein Blick in die jüngere Vergangenheit seit 2009 zeigt, dass der Ölpreis zwar immer wieder Phasen hatte, in denen er merklich anstieg, jedoch handelte er nie mehr als wenige Tage über der Marke von 120 USD pro Barrel. Es gab zwar Stress an den Energiemärkten, der aber nie in eine globale Rezession mündete. Selbst die Energiekrise von 2022 konnte keine globale Rezession verursachen. Daher könnte eine Ölpreismarke von 120 USD pro Barrel ein kritisches Niveau sein.
Quellen: Bloomberg, Metzler; Stand: 29.4.2026
Solange der Ölpreis darunter oder nur wenige Tage darüber handelt, bleibt der Aufschwung der Weltwirtschaft intakt. Sollte der Ölpreis jedoch deutlich über die 120er-Marke gehen, könnten die konjunkturellen Bremseffekte deutlich stärker ausfallen und die Risiken einer globalen Rezession steigen. Die nächste Woche könnte hierfür entscheidend sein.
US-Notenbank sichert sich ihre Unabhängigkeit
Bisher war der Vorsitzende der US-Notenbank meistens der Taktgeber der US-Geldpolitik, der oft im Hintergrund den Fed-Offenmarktausschuss (FOMC) hinter sich brachte. Daher waren auch immer die Aussagen des Vorsitzenden mit Abstand am wichtigsten für die Leitzinsprognose. Nun scheint der Offenmarktausschuss aber nicht mehr dem Vorsitzenden zu folgen, sondern jedes Mitglied scheint einzeln unabhängig entscheiden zu wollen. Damit will sich die US-Notenbank ihre politische Unabhängigkeit sichern, sodass sie sich auf die Preisstabilität fokussieren kann. Zumal die Konjunkturdaten und der Arbeitsmarkt (Freitag) zuletzt erfreuliche Tendenzen zeigten und die Konjunktursorgen somit in den Hintergrund treten.
Eine stabilitätsorientierte Geldpolitik ist jedoch potenziell auf Konfliktkurs mit den hohen Staatsschulden und -defiziten. Der Anstieg der Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen auf über 5,0 Prozent in dieser Woche ist ein Signal, dass das Thema der Staatsschulden wieder am Anleihemarkt für steigende Risikoprämien und für Nervosität sorgt.
Energiekrise trifft Europa wieder hart
Im Vergleich zu 2022 dürfte der inflationäre Impuls der Energiekrise geringer ausfallen, der negative Wachstumsschock jedoch größer. Die Einkaufsmanagerindizes (Montag und Mittwoch) signalisierten zuletzt eine nennenswerte Wachstumsverlangsamung. Eine weitere Abschwächung in Richtung negativem Wachstum kann nicht ausgeschlossen werden. Daher erwarten wir auch nur zwei Leitzinserhöhungen der EZB und nicht drei, wie es der Markt gegenwärtig einpreist.
Die EZB kann nicht auf Leitzinserhöhungen verzichten, da Risiken von Zweitrundeneffekten bestehen. So berichteten immer noch ungewöhnlich viele Industrie- und Dienstleistungsunternehmen in der Eurozone im April von offenen Stellen.
Quellen: Eurostat, Metzler; Stand: 30.4.2026
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