Ein kritischer Blick auf die russische Wirtschaft
Eine Einschätzung der wirtschaftlichen Perspektiven Russlands ist aufgrund der teils dünnen Datenlage schwierig. Daher ist es zunächst wichtig herauszuarbeiten, was über die russische Wirtschaft tatsächlich bekannt ist, und was nicht.
Wir kennen sicher den Wechselkurs des russischen Rubel zum US-Dollar. Ebenfalls bekannt ist der russische Leitzins.
Russland: Stabile Währung und hoher Leitzins
Quellen: Tradingeconomics.com, Metzler; Stand: 9.2.2026
Quellen: Tradingeconomics.com, Metzler; Stand: 9.2.2026
Relativ stabiler Wechselkurs trotz Ukrainekrieg
Seit April 2025 tendiert der russische Rubel gegen den US-Dollar mehr oder weniger seitwärts bei etwa 80 Rubel für einen US-Dollar. Für ein Land im Kriegszustand ist dies eher ungewöhnlich. Normalerweise wird im Kriegsfall viel Geld gedruckt, es entsteht dadurch Inflationsdruck und die Währung (trotz in der Regel umfangreichen Kapitalverkehrskontrollen) schwächt sich ab.
Es werden zwar Inflations- und BIP-Daten von der russischen Statistikbehörde veröffentlicht, sie sind jedoch wenig vertrauenswürdig. Die stabile Währung signalisiert jedoch eher eine stabil niedrige Inflation.
Ein Grund dafür ist ein Leitzins von in der Spitze 21 Prozent im Jahr 2025 und von derzeit 16 Prozent. Typisch sind im Kriegsfall eher künstlich niedrige Zinsen wie in den USA während des 2. Weltkriegs, um die Kriegsfinanzierung zu erleichtern. Die inflationären Folgen der Niedrigzinsen wurden dabei durch Preiskontrollen und Rationierungen eingedämmt. Russland kann sich jedoch aufgrund der extrem niedrigen Staatsschulden die hohen Zinsen leisten.
Ein zweiter Grund für die niedrige Inflation sind die Steuerhöhungen: Anhebung der Körperschaftsteuer (Gewinnsteuer) von 20 auf 25 Prozent ab 2025, Einführung einer progressiveren Einkommensteuer-Skala ab 2025 sowie eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent zum 1. Januar 2026. Ergänzend kam 2023 eine einmalige „Übergewinnsteuer“ als außerordentliche Einnahmequelle hinzu. Die Steuererhöhungen entziehen dem privaten Sektor Geld und dämpfen damit die Nachfrage. Umfangreiche Steuererhöhungen im Kriegsfall können sich in der Regel nur starke Regierungen leisten. So finanzierte das Deutsche Kaiserreich den Ersten Weltkrieg überwiegend über die Notenpresse und erhöhte die Steuern kaum.
Quellen: Tradingeconomics.com, Metzler; Stand: 30.11.2025
Handelsbilanzüberschuss auch im vierten Kriegsjahr
Die russische Statistikbehörde veröffentlicht auch Daten zur Handelsbilanz, die in der Regel schwerer zu manipulieren sind, da die ausländischen Handelspartner ebenfalls Daten zum Handel mit Russland veröffentlichen.
Im Falle von Russland lautet die Einheit der Handelsbilanz zwar auf „US-Dollar“. Tatsächlich könnte es aber sein, dass Russland nur Einnahmen in chinesischen Yuan und indischen Rupien hat, die sich auch nur in China und Indien ausgegeben lassen. Die Daten zeigen, dass Russland nach vier Jahren Krieg immer noch einen Handelsbilanzüberschuss ausweist. Das heißt, im Inland wird mehr produziert als verbraucht – vor allem Rohstoffe. Es droht also in Russland keine Zahlungsbilanzkrise, die das Land zwingen könnte, die Importe und Rüstungsproduktion zu reduzieren.
Rüstungsindustrie zulasten der privaten Wirtschaft
Der erheblichen Expansion der Rüstungsindustrie steht also eine massive Schrumpfung der privaten Wirtschaft entgegen. Vor allem die hohen Zinsen bremsen die private Kreditnachfrage und sorgen für eine hohe Sparneigung. Interessanterweise zeigt die offizielle Statistik keine nennenswerte Zunahme an Konkursen. Konkurse scheint es überwiegend in der zinssensitiven Baubranche zu geben. Auch hier gibt es also keine Anzeichen für eine bevorstehende Krise.
Die Unterdrückung des privaten Sektors bedeutet, dass private Investitionen wahrscheinlich stark gefallen sind und dass der private Kapitalstock schrumpft. Zudem sinken die Steuereinnahmen und die staatlichen Investitionen außerhalb der Rüstungsindustrie. Damit bekommt die Rüstungsindustrie im Verhältnis zur zivilen Produktion stetig ein höheres Gewicht.
In gewissem Sinne ist die russische Wirtschaft zwar derzeit krisenresilient, aber nicht zukunftssicher. Sollte der Krieg beendet werden, gibt es für die zurückkehrenden Soldaten keine moderne zivile Produktion, keine Infrastruktur und keine Arbeit. Es droht eine schwere Depression. Überspitzt formuliert, ist Russland zu einer „Tankstelle mit Kriegswirtschaft“ geworden.
Wenn die zivile Produktion die eigene Bevölkerung nicht mehr ausreichend versorgen kann, muss mehr importiert werden, und die Handelsbilanz verschlechtert sich. Das dürfte aber noch einige Zeit dauern: Russland hat 2025 wahrscheinlich einen Handelsbilanzüberschuss von etwa 120 Mrd. USD erzielt. Somit besteht noch viel Spielraum. Nötig wären deutlich stärkere Sanktionen und eine deutlich stärkere Einschränkung der Schattenflotte, um Russland wirtschaftlich zu schwächen. Ein russisches Handelsbilanzdefizit wäre also das Signal, dass der zivile Sektor zu stark geschrumpft ist und Russland den Krieg aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr fortsetzen kann.
Japan: Fokus auf die nominale Wachstumsdynamik
Die Finanzmärkte senden ein deutliches Signal: Der starke Kursanstieg am Aktienmarkt, der moderate Anstieg der Renditen von Staatsanleihen und die Aufwertung des japanischen Yen sind ein Vertrauensvorschuss an die neue Regierung. Es wird offensichtlich mit einer Wachstumsbelebung dank höherer Staatsausgaben gerechnet – aber ohne einen massiven Anstieg der Staatsverschuldung.
Ein dynamisches Wachstum des nominalen BIPs hilft auch, die Staatsschulden einzudämmen. In den vergangenen drei Jahren wuchs das nominale BIP um durchschnittlich mehr als 4,0 Prozent pro Jahr. Am Montag werden die BIP-Daten zeigen, ob auch im vierten Quartal ein vergleichbar dynamisches Wachstum erzielt werden konnte. Gleichzeitig scheint sich die Inflation (Freitag) zwischen 2,0 und 3,0 Prozent einzupendeln.
Quellen: Bloomberg, Metzler; Stand: 31.12.2025
Ein Leitzins von nur 0,75 Prozent bedeutet vor diesem Hintergrund hohe reale Verluste für Anleger bei Banken und am Geldmarkt. Die Geldpolitik ist ultraexpansiv – wahrscheinlich sogar viel zu expansiv und verursacht damit eine Vermögenspreisinflation. Trotzdem dürfte die Bank von Japan nur langsam und zögerlich den Leitzins anheben.
Eurozone: Aufschwung kommt langsam in Fahrt
Der ZEW-Index am Dienstag und die Einkaufsmanagerindizes am Freitag dürften eine sich verbessernde Wachstumsdynamik zeigen. Im Vergleich zu vielen asiatischen Ländern ist der Aufschwung jedoch schwächer, da Europa kaum Unternehmen hat, die vom KI-Boom profitieren.
USA: Fragezeichen beim Konsum
2025 entwickelten sich die Einkommen und der Arbeitsmarkt schwach, der Konsum blieb aber stark. Eine immer weiter sinkende Sparquote finanzierte vielen Konsumenten den Einkauf. Die Sparquote hat aber jetzt ein niedriges Niveau erreicht und kann kaum noch fallen. Der Konsum kann somit nur im Einklang mit dem schwachen Arbeitsmarkt wachsen und dürfte sich somit 2026 verlangsamen. Eine Zwischenbelebung dürfte es jedoch im ersten Halbjahr dank der umfangreichen Steuerrückzahlungen geben.
Auch bleibt der Immobilienmarkt aufgrund hoher Zinsen von Hypothekenkrediten schwach: NAHB-Index (Dienstag), Neubaubeginne und -genehmigungen (Mittwoch) und Neubauverkäufe (Freitag).
Eine strukturelle Wachstumsverlangsamung zeichnet sich also ab – bei gleichzeitig zu hoher Inflation. So dürfte der Kern-Konsumentenpreisdeflator (Freitag) im Dezember um merkliche 0,4 Prozent zum Vormonat gestiegen sein.
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